Die irische Künstlerin Róisín Murphy ist eine echte Rampensau und immer für ein gutes Foto zu haben (Quelle: hole-boss /instagram)

Soeben ist die Maschine von Los Angeles nach München abgehoben und ich schaue auf die im Sonnenuntergang glühenden Straßen der Stadt der Engel herab. Elf Stunden Flugzeit liegen vor mir. Ich fühle mich unendlich glücklich und dankbar über diese wundervollen Tage in Kalifornien und einen unvergesslichen Abend im El Rey Theater auf dem Wilshire Boulevard.

Vor 15 Jahren gehörte ich nicht zu den Leuten, die sich zu Moloko im Club den Arsch abgetanzt haben – heute sähe das anders aus. Seit “Hairless Toys” bin auch ich im Róisín Murphy-Fieber und habe nun das große Glück eine ganze, faszinierende und schillernde Murphy-Welt zu entdecken. Eine Welt, ja ein murphyeskes Universum, in dem Queen Róisín allein regiert, doch das jeder für sich beanspruchen kann. Dieses familiäre, intime Gefühl gibt diese Künstlerin einem unweigerlich und zu jeder Zeit.

Das El Rey Theater in sommerlich heißen L.A. - Róisín Murphys Location am 9.11.2016 (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Tonight Is The Night

Der Konzertbesuch war, dank des Tipps eines Freundes, eher spontan und wir hatten Glück noch Karten für das ausverkaufte Konzert zu ergattern. So fieberte ich die ganze Woche auf diesen Moment hin und war mächtig aufgeregt, meine neue Heldin endlich das erste Mal live zu erleben. Róisín Murphy hat an diesem Mittwoch Abend im moderat großen El Rey Theater so ziemlich jeden in ihrem magischen Bann bezogen.

Das Publikum bestand aus allerhand grotesk kostümierten, bunten Party-Poeple, allesamt gut drauf und in Clublaune. Nach dem Support “With You”, tobte die Masse vor Ungeduld. Dann kam die “Mastermind” endlich auf die Bühne, eröffnete mit gleichnamigen Song vom aktuellen Album “Take Her Up To Monto”. Wow! Was eine Granate. Róisín Murphy zeigte den Leuten, was es heißt eine begnadete Rampensau zu sein und heizte der Menge zunächst mit Moloko-Songs, wie “Forever More” und “Dirty Monkey” ordentlich ein. Die Stimmung war von vornherein heiß. Heißer wurde es nur noch durch Róisíns Allover-Sexiness, oder wie auch immer ich die gleißende Ausstrahlung dieser Frau in Worte fassen soll.

Róisín in einem ihrer unzähligen Outfits (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman

Eine Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman, die eigentlich Burlesque-Tänzerin oder Stripperin hätte werden sollen, wäre da nicht diese brilliante Stimme. Sei es der pinke Flamingo auf dem Kopf, das opulente, rüschige Ballkleid oder die Warnweste mit Schutzhelm: Egal welches Kleidungsstück aus dem Kostümfundus sich Róisín Murphy gerade elegant vom Körper streift oder wieder drüber, die Stimme sitzt und schillert in unendlichen Facetten. Kann laut und leise, schrill und sanft. Erzählen, verlangen, geben.

Nach “Dear Miami” (Overpowered) und “Tight Sweater”, ebenfalls ein Moloko-Song, folgte ein Stück von Murphys überragender Italo-Pop EP “Mi Senti”. Das stimmgewaltige “Tatty Narja” brachte die kleine Halle zum Beben. Mit “Gone Fishing”, “Evil Eyes” und “House Of Glass” folgten drei geniale Songs vom Meisterwerk “Hairless Toys”. Mit “Ten Miles High” baute Róisín in Bauarbeiterkluft riesige Murphyhäuser bis in die Stratosphäre. Und dann war es endlich soweit, darauf haben alle gewartet: “When I think that I’m over you, I’m overpowerd, it’s long overdue, I’m overpowered”. Alle haben wir laut mitgesungen, gestrahlt, und die Hymne gefeiert.

Róisín genießt es im Mittelpunkt zu stehen, hier mit pinkem Flamingo auf dem Kopf während des Songs "Gone Fishing" (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Come make me whole – Body and soul

“Never underestimate creative people and the depts that they will go…” – kurz hinter der Bühne verschwunden, toste Róisín stapfend zu den Beats von “Exploitation” (Hairless Toys), das Ballkleid rauschend in die Luft wirblend und mit Glitzermaske, auf die Bühne. Dabei sah sie aus, wie eine strahlend schimmernde Pazifikwelle. Zauberhaft. Eine grandiose Performance und einer der besten Songs des Abend, wie ich finde.

Für ein paar Minuten ruhte sich die Band backstage aus, während das Publikum wie von Sinnen “Encore, encore, encore…” brüllte. Zuerst zeigte sich die Band erneut hinter ihren Instrumenten. Dann schleppte sich Róisín, in einer Art 100 Kilo gold-schwarzem Wollfetisch-Kostüm, auf die Bühne, um die sinnliche Ballade „Exile“ (Hairless Toys) zu präsentieren. Dann drehte die Band zum Moloko-Song „Pure Pleasure Seeker“ (Things To Make And Do) völlig auf. Jeder der vier Jungs durfte mal zusammen mit Queen Róisín ins Mikro brüllen. Róisín zeigte sich dem Publikum zum Anfassen nah und heizte ihm zusätzlich mit dem Refrain der Moloko-Hymne „Sing It Back“ (I am Not A Doctor) so richtig ein. Hier grölte wirklich jeder vollen Herzens mit.

Im rauschenden Ballkleid und Glitzermaske während des Songs "Exploitation" (Foto: hole-boss /instagram)

Final spielte die Band noch einmal „Exploitation“ an und Róisín stellte, im Rhythmus zu den Beats, ihre geniale Band vor. Ich könnte die einzelnen Mitglieder jetzt googeln und aufzählen, aber was soll‘s. Der Gitarrist vor meiner Nase sah echt gut aus und erkannt habe ich nur den irren Eddie am Keybord.

Fazit: Ein echt wahnsinnig guter Abend mit einer extrovertierten, publikumsnahen Róisín Murphy, die es sichtlich liebt im Mittelpunkt zu stehen. Es wurden neue Songs von ihren Soloalben gespielt aber auch Moloko-Klassiker. Das Publikum eine bunte Mischung aus L.A.s halber Schwulen- und Queerszene und echte Fans. Die Stimmung war grandios, der Saal betanzt und bekifft. Glücklich.

Danke für einen unvergesslichen Abend in L.A. - Roisin und ihre Jungs (Foto: esdanyboy /instagram)

Tags: , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Kom och möt mig på vänstra stranden, en vit ros i din hand (Komm und treff mich am Strand auf der linken Seite, eine weisse Rose in deiner Hand)

Als ich die „Då som nu för alltid“ das erste mal gehört habe, musste ich „Den vänstra stranden“ nach der ersten Strophe skippen. So schmalzig und langweilig kommt dieser Song daher. Für die Rezension musste ich mich sehr bemühen bis zum Ende durchzuhalten und echt überlegen, ob es überhaupt was gutes an dem Track gibt. Der Text ist zumindest wunderschön romantisch. Handelt von einer sehr alten vergangenen Liebe, der man scheinbar noch immer hinterher hängt und hätte eine angemessenere Einbettung verdient.

Der C-Teil ist in der Tat ganz groovig und macht Spaß, passt aber so gar nicht zum Rest der Komposition. In Strophe und Refrain treffen Enya, Michael Cretu und besternfalls Take That aufeinander und da kann ich mich so gar nicht drin wieder finden. An meiner Wand hing nie ein New Age Poster. Wirklich die schlechteste Komposition und der Tiefpunkt des Albums. Kann also nur bergauf gehen.

Fortsetzung folgt…

Tags: , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Kent (v.l. Jocke Berg, Martin Sköld, Sami Sirviö und Markus Mustonen)

Der dritte Track eines Albums hat häufig eine Schlüsselfunktion. Ist etwas besonderes für die Band. „Vi är för alltid“ ist hier der Titelsong des Albums und wird dem nicht unbedingt gerecht. Die Melodie ist fad, der Gesang wenig prägnant und der Refrain zu ironisch. Hier kann man irgendwie nichts und niemand Ernst nehmen und soll man glaube ich auch nicht.

„Dom kommer sjunga sånger om oss, Vi är för alltid, Dom kommer göra filmer om oss, Vi är för alltid…“ (Sie werden Lieder über uns singen, Wir sind für immer, Sie werden Filme über uns machen, Wir sind für immer…) Hier spiegelt sich das schwedische Nationaltrauma wieder, etwas darzustellen, von Bedeutung zu sein, einen wichtigen Platz in der Welt zu haben. Doch Jocke Berg weiß zu gut, dass sein Land sich in Gewöhnlichkeit und Tristheit verliert, dem Konformitätsdruck unterliegt.

Find ich persönlich schade, denn den Albumtitel an sich finde ich nicht ironisch. Kent wollen sich schon gebührend von uns verabschieden und das gelingt ihnen auch. Es gibt Songs auf der „Då som nu för alltid“, die einem Denkmal gleich kommen, jedoch man muss sich vorerst durch die erste Hälfte des Albums kämpfen.

Sparen können hätte man sich in „Vi är för alltid“ auch den anschwellenden C-Teil, der zu nichts hinführt außer, dass an seinem Ende ein Sack Kartoffeln auf der Snaredrum ausgeschüttelt wird. Ganz hübsch ist jedoch Sami Sirviös sommerliche Gitarre. Sie gibt dem Song eine gewisse Leichtigkeit und Erträglichkeit und erinnert an das hitzige Gefühl von „En plats i solen“.

Fortsetzung folgt…

Tags: , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Zinnsoldaten zierten einst Kents Single "Töntarna" vom Album "Röd" (2009)

In „Tennsoldater“ (Zinnsoldaten), dem zweiten Track der „Då som nu för alltid“, setzen Kent ihren gewohnten, tanzbaren Elektropop der letzten Jahre fort, der mit der „Tillbaka till Samtiden“ vor neun Jahren so schön begann. Die ersten Takte und Beats klingen alles andere als kalt, sondern pulsieren synchron mit meinem eigenen Herzschlag.

Jockes Stimme hingegen klingt kühl, durch den minimalen Vocoder sogar distanziert. Resigniert. Hier wird nicht mehr gekämpft. Es liegen nur noch Verletzte auf dem Schlachtfeld. Und doch schwingt niemand die weiße Flagge. Die Schlacht muss weiter gehen, bis keine Zinnsoldaten mehr stehen.

Die Liebe war einst groß – offen die Herzen. Offen für Verletzungen. Doch waren diese zu groß? Was hat uns zu Monstern gemacht? Was hat uns den Hass gebracht? „Vi hukar oss och väntar på slaget, (och du säger) ”men det är bara ord”, Men hat är hat, Vem som än håller i vapnet…“ (Wir ducken uns und warten auf den Schlag, (und du sagst) “Aber es sind doch nur Worte“, Aber Hass ist Hass, Wer auch immer die Waffe hält…)

Oder kämpft hier alleine die Liebe gegen den Verstand? Fühlt es was es nicht fühlen soll? Für etwas, für jemand, das, der, die mir nicht gut tut? Begierde? Leidenschaft? „Jag kan inte lura mitt hjärta, Hur gärna jag än vill, Kan jag inte lura mitt hjärta…“ (Ich kann mein Herz nicht täuschen, Wie gerne ich es auch möchte, Kann ich mein Herz nicht täuschen…) Dieser Refrain ist so ehrlich, hat eine bei Kent erstmals hörbare erotische Spannung. Wer oder was kann hier nicht von wem lassen? (rör mig! Berör mig!) – Ich muss mich bewegen, muss tanzen! HA! Mein Herz, es hat mich erwischt.

Fortsetzung folgt…

Tags: , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Andromeda

01 Jun 2016

Kent benannten den Opener von „Då som nu för alltid“ nach "Andromeda" aus der griechischen Mythologie, die sich heute als Galaxie und Sternbild am nächtlichen Himmel findet.

„Då som nu för alltid“ beginnt seltsamerweise ähnlich wie die „Tillbaka till Samtiden“ (2008) mit einem kurzen, elektronischen Sample. Kurz darauf folgt Heimat: Jockes vertraute, so sanfte, erzählende Stimme. „Hjärtat blir aldrig fullt, En livstid ska få plats där…“ (Das Herz wird nie voll, Eine Lebenszeit bekommt dort Platz…) Das sitzt schon mal, ist so fühlbar. Auch mein Herz wird niemals voll, wird es auch in tausend Stücke zerrissen. Es wird weiter gefüllt werden, mit Glück, Abschied, Schmerz und Trauer, bis es draussen in der kühlen Nacht von der Unendlichkeit verschlungen wird – vom Lichte Andromedas.

Jocke Berg in “Andromeda”, bereits im Auftakt eines Albums, über seine Kindheit reflektieren zu hören, hinterlässt einen besonderen Eindruck in mir. Schafft bereits mit den ersten Takten und Worten einen Moment starker Verbundenheit. Das gesamte Arrangement strahlt eine kosmische Klarheit aus. „Mitt hjärta är ditt land nu, Inget är förbjudet här, Inga gränser ingen mur, Ser du ljuset från Andromeda…“ (Mein Herz ist nun dein Land, Nichts ist hier verboten, Keine Grenzen, keine Mauer, Siehst du das Licht Andromedas…) Ob Jocke weiß, wie unendlich viel größer diese Zeilen für jemanden wie mich sein müssen? Aufgewachsen in einem Land umgeben von Stacheldraht, welches nur noch in Geschichtsbüchern existiert und in den Erinnerungen meiner Kindheit.

Ein Donnerschlag. Schlagzeug, Gitarre und Bass bilden eine bedrohliche Einheit. Und plötzlich. Da ist er endlich wieder – der Kinderchor (Jockes alter Ego, unser Alter Ego) – zerrt an der Seele, erinnert Jocke, mich, uns daran, wer wir damals waren, wer wir heute sind. Wie wir aufgewachsen sind und heute leben. „Vi var kids (just kids), Vi var småbarn, Vi var kids (just kids), I en spökstad…“ (Wir waren Kids (just Kids), Wir waren Kleinkinder, Wir waren Kids (just Kids), In einer Geisterstadt…) Erinnerungen spielen sich vor meinem geistigen Auge ab, wunderbare – grausame. Aber ich bereue nichts von dem, was ich getan habe – nicht mehr.

Im C-Teil säuselt Jocke mir ganz leise ins Ohr. „Säg vad tänker du på? Jag vet hur långt du kan gå, Som ljuset från Andromeda…“ (Sag an was denkst du? Ich weiß wie weit du gehen kannst, wie das Licht von Andromeda…) Komm mit! Komm mit in die Vergangenheit! Und so gehe ich in Gedanken dorthin zurück, Hand in Hand mit der kleinen Sandra. Eine neue Art Frieden mit mir zu schließen, mich selbst zu umarmen. Wir wussten es nicht besser…

Tags: , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Das Cover "Då som nu för alltid" 2016 (v.L. ....)

Ich habe diesen Tag stets gefürchtet. Den Tag, an dem ich beginnen muss, Abschied zu nehmen. Den Tag, an dem das Ende einer Ära eingeläutet wird. An dem sich der müde, weiße Tiger ins Dunkle zurückzieht – sich schlafen legt – für immer.

Nach 26 Jahren verlassen Kent die große Arena des schwedischen Popbusiness. Bereits im Trailer zum neuen Album und zu Kents Abschiedstournee trommelt das totenkopfgeschminkte Mädchen alle zum großen Begräbnis zusammen. Zur letzten andächtigen Feier. Auf dem Weg zur letzten Ruhestätte, vergegenwärtigt sich ein ganzes musikalisches Leben. Finden Kent im Marsch zurück zu ihren Anfängen, zu einer lange verschollenen Sensibilität und Kreativität. Schinden das letzte mal Eindruck – einen bleibenden – „Då som nu för alltid“ (Damals wie heute für immer).

Seit der Veröffentlichung am 20. Mai, habe ich dieses Album bereits sehr oft gehört. Es hat mich paralysiert, meine Tränen fließen lassen, mein Herz brennen lassen und meine Füße beim Tanzen im Wohnzimmer. Ich gab ihm Zeit, sodass es wachsen konnte. Lasse auch Milde walten, ist es doch der letzte Gruß. Für mich hat das Schreiben über Kents letztes Werk eine große Wichtigkeit. „It’s the story of my life…“ Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, die Rezension des Albums nicht in einem einzigen, großen Text zu veröffentlichen, sondern Lied für Lied in chronologischer Reihenfolge. Für mich und alle anderen Kent-Fans endet mit den letzten Konzerten im Dezember ein wichtiger Lebensabschnitt und ein neuer beginnt. Doch erst werden wir es geniessen – unser letztes Album – unser letztes Jahr mit Kent.

Ein sanftes, doch forderndes Trommeln, ruft die Kent-Jünger zusammen, entfacht einen Marsch gleich einer Symfonie aus Gitarren, Bläsern und Chören. Doch hält dieser opulente Sound was er verspricht?

Fortsetzung folgt…

Tags: , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Der King of Cool wird heute 70 und ist sexy wie nie zuvor - Bryan Ferry / Tempodrom Berlin 25.09.2015 (Foto: Sandra Duvander)

Der King of Cool wird heute 70

Gestern Abend hatten wir uns spontan entschieden, zu Bryan Ferry zu gehen. Natürlich war das Konzert des “Sexiest Singer alive” ausverkauft und wir versuchten alles, um vor dem Tempodrom in Berlin noch zwei Karten zu ergattern. Wir schafften es tatsächlich zwei betrunkenen, älteren Herren, die sich liebevoll Waldschrat und Alter nannten, die Karten abzuwerben und fanden uns, kurz bevor die Show des Briten startete, in der ersten Reihe im Parkett wieder. Genial.

Ich muss gestehen ich war oder bin kein eingefleischter Roxy Music bzw. Bryan Ferry Fan, doch das aktuelle Album „Avonmore“ hat es mir angetan und ich liebe und kenne natürlich Klassiker wie “Let’s Stick Together” oder “Virginia Plain” (wer nicht). Mit dem Titelsong des aktuellen Albums startet auch das Konzert und mein Herz hüpft synchron mit den Bässen, als der “King Of Cool” die Bühne betritt. Hach, ich mag ihn wohl doch mehr als ich denke, oder ist es nur der überwältigende Moment eine, nun heute 70-jährige, Ikone der Pop-Geschichte so hautnah zu erleben? Gänsehaut und ein Tränlein im Auge.

XXL Bandaufgebot - von Backgroundsängern bis zum Saxophon (Foto: Sandra Duvander / Iphone 6)

L.A. Sound und die XXL-Band

Reiche Arrangements, coole Gitarren- und Basssounds, ein relaxtes Schlagzeug und heißes Flimmern von Effekten sorgen für einen sexy-coolen L.A. Sound. Ob von den groovigen Backgroundsängern bis zur Violinistin Lucy Wilkens: Jeder, der XXL-Band, beherrscht sein Handwerk allzu präzise und es ist ein Augen- und Ohrenschmaus, diese Musiker zu genießen. Jeder Einzelne hat seine Soli, sei es Jimmy Sims am Bass, Jacob Quistgaard an der Gitarre oder die geniale Soulsängerin Bobbie Gordon, die mit ihrem Gesangspart im Klassiker „Avalon“ brilliert. Doch eine stiehlt Bryan Ferry fast die Show: Die Australierin Jorja Chalmers mit ihrem Babybauch am Saxophon.

Grandiose Backgroundsänger v.l. Fonzi Thornton, Bobbie Gordon, Rihanna Kenny (Foto: Sandra Duvander)

Sie stahl Bryan Ferry fast die Show - Publikumsliebling Jorja Chalmers am Saxophon (Foto: Sandra Duvander)

Der ewige Dandy

Stimmlich scheint Bryan Ferry nicht ganz auf der Höhe. Mag jedoch sein, dass seine Stimme mit ihm gealtert ist – nun nicht mehr cool und klar klingt, wie zu Glanzzeiten der Glamrock-Band Roxy Music – sondern rau und weise, doch noch immer mit diesem sexy Timbre, das flirrt wie Luft auf heißem Asphalt. Kurz vor dem Konzert sprach ich mit einem Fan. Sie meinte: „Ja so gut wie früher ist er nicht mehr. Er hat ganz schön nachgelassen.“ Ich dachte: Hey okay, vielleicht haben aber auch die Fans nachgelassen, die mit Ferry älter und alt werden. Nichts desto trotz: Sich smart bewegen und rocken kann der ewige Dandy noch immer.

Gegen Ende des Konzertes winkt Ferry auch die Fans aus den hinteren Reihen an die Bühne heran. Das Eis ist gebrochen. Endlich können sich die Fünfzig Plus Fans so richtig gehen lassen, ihren Helden feiern und zu den Hits von Roxy Music mit den Hüften wackeln. Die Songs “Love Is The Drug” und “Do The Strand” bringen das Publikum aus der Fassung. Auch ich finde mich dort vorne wieder, mache mit Hundert anderen Fotos mit dem Handy und frage mich, wie Ferry sich wohl dabei fühlt. Der, der noch ganz andere Zeiten kennt – nun begafft, geknipst und irgendwo hochgeladen, wie der Letzte einer fast ausgerotteten Art.

Er begeisterte mit seinen Gitarrensoli: Der Däne Jacob Quistgaard (Foto: Sandra Duvander)

Jealous Guy – der Abschied

Der letzte große Song des Abends: „Jealous Guy“ von John Lennons zweitem Studioalbum „Imagine“. Roxy Music spielte den Song erstmals als sie vom Tod John Lennons erfuhren auf einem Konzert 1980. Ein Jahr später interpretierten sie den Song neu und feierten in mehreren Ländern einen Nummer Eins Hit. Ein verzweifelt liebender Bryan Ferry taucht ein letztes Mal den Saal in Wehmut und Nostalgie. Er singt: “I was dreaming of the past, and my heart was beating fast…”. Sicher träumen an diesem Abend viele von der Jugend und Vergangenheit. Eine tiefe Dankbarkeit ist zu spüren, überträgt sich auf die Gesichter der Fans, die glücklich den Saal verlassen.

Bryan Ferry performing, rechts Bassist Jimmy Sims (Foto: Sandra Duvander)

Die Band v.l. Drums: Luke Bullen, Bass: Jimmy Sims, Sax/Keys: Jorja Chalmers, Violine: Lucy Wilkins, Gitarre: Jacob Quistgaard (Foto: Sandra Duvander)

Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Singer-Songwriter Mark Linkous (Sparklehorse) wählte vor genau fünf Jahren den Freitod

„What’s the point of a heart when it has to beat so far from where it most wants to be?”

(The Bear Quartett)

Am 6. März 2010 wählte der amerikanische Singer-Songwriter Mark Linkous, bekannt als Sparklehorse, auf dem Grundstück eines Freundes in Knoxville Tennessee den Freitod. Der Multiinstrumentalist, Komponist und Sänger tötete sich im Alter von gerade mal 47 Jahren mit einem Schuss direkt ins Herz – dorthin wo es am meisten weh tat.

Mark Linkous hinterlässt uns vier wundervolle Sparklehorse-Alben. Arbeite mit zahlreichen Künstlern zusammen, u.a. seine Vielleicht-Muse Nina Persson, Polly Jean Harvey und Tom Waits. Kurz vor seinem Tod entstand 2009 noch das Album “Dark Night of a Soul” in Zusammenarbeit mit Danger Mouse und David Lynch mit Gastgesängen von Wayne Coyne von den Flaming Lips und Susanne Vega.

Geboren wurde Mark Linkous am 9. September 1962 in Virginia. Er stammt aus einer Familie von Bergleuten. Seine Eltern ließen sich früh scheiden und er lebte dann bei seinen Großeltern in Charlottesville. Sein melancholisches Herz schlug von je her für Musik. Als feingeistiger Mensch wusste er, dass körperliche Arbeit nichts für ihn ist. Später bezeichnete er sich selbst als Jugendstraftäter, da er bereits im Alter von 13 Jahren in Motorradgangs abhing.

Mark Linkous in seiner Heimat Tennessee mit offensichtlicher Leidenschaft für Motorräder

Nach der High School ging Linkous zunächst nach New York City und gründete dort Anfang der Achtziger Jahre seine erste Band Dancing Hoods. Nach Auflösung der Dancing Hoods zog es Linkous zurück in seine Heimat Virginia und er arbeitete dort anfangs als Roadie der amerikanischen Alternative Rockband Cracker. Sänger und Gitarrist David Lowery von Cracker produzierte wenig später das erste Sparklehorse-Album “Vivadixiesubmarinetransmissionplot”. Mark Linkous wirkte wiederum kompositorisch an Crackers Album “Kerosene Hat” von 1993 mit.

Der Öffentlichkeit sind die genauen Hintergründe des Freitodes von Mark Linkous nicht bekannt. Allerdings weiß man um die jahrelangen depressiven Episoden des Künstlers, der bereits 1996 versuchte sich das Leben in einem Londoner Hotelzimmer zu nehmen. Eine Überdosis Antidepressiva, Valium und Alkohol führten zu einem schweren Sturz, bei dem er so unglücklich auf die Beine gefallen ist, dass man diese nur knapp vor einer Amputation retten konnte. Danach musste er noch über ein halbes Jahr mit einem Rollstuhl leben.

Auch Nina Persson schien der Tod von Mark Linkous hart getroffen zu haben. Die beiden verband seit 2001 eine tiefe Freundschaft. Mark Linkous produzierte mit Nina Persson ihr erstes A Camp-Album. Im letzten Jahr veröffentlichte Nina ihr Solodebut “Animal Heart”. Der Song “Burning Bridges For Fuel” scheint den Verlust dieses guten Freundes aufzugreifen und auch das Unverständnis für seinen Suizid: “…to move into a cabin with a gun is not the right thing to do.”

Ich kann mich noch an diesen Tag vor fünf Jahren erinnern. Der Tod von Mark Linkous hat mich ziemlich erschüttert und ich produzierte unmittelbar eine Themensendung für meine Radiosendung Twilight Tunes auf Byte.FM. Seine Musik bewegt mich noch heute sehr stark und erzählt mehr über diesen sensiblen Künstler als Tausend Worte. Ich werde euch die Sendung in Kürze, sofern mein “technisch versierter” Verstand es zulässt die einstündige MP3 irgendwie zu komprimieren, hier auf Mittsommernachtsspitzen als Stream zur Verfügung stellen. Weiter habe ich hier ein paar schöne Stücke für euch:

Nina Persson “Burning Bridges For Fuel”

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Danger Mouse and Sparklehorse “Revenge” feat. Wayne Coyne

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Sparklehorse “Apple Bed” feat. Nina Persson

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Twilight Tunes vom 10. März 2010 auf Byte.FM zum Freitod von Mark Linkous

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Tracklist :
1. Sparklehorse / Gold Day/ It’s A Wonderful Life
2. Sparklehorse / Cow / Vivadixiesubmarinetransmissionplot
3. Cracker / Low / Kerosene Hat
4. Radiohead / Bullet Proof…I Wish I Was / The Bends
5. Sparklehorse / Some Sweet Day / Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain
6. Sparklehorse / Hey, Joe / Good Morning Spider
7. Daniel Johnston / Walking The Cow
8. A Camp / Walking The Cow / A Camp
9. Sparklehorse / Apple Bed / It’s A Wonderful Life
10. Sparklehorse / Piano Fire / It’s A Wonderful Life
11. Sparklehorse / Don’t Take My Sunshine Away /Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain
12. Danger Mouse & Sparklehorse / Revenge (Feat.Wayne Coyne)
Dark Night Of The Soul
13. Danger Mouse & Sparklehorse / The Man Who Played God (Feat.Suzanne Vega)
Dark Night Of The Soul

Tags: , , , , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Auf die Momente, die das Herz im neuen Jahr zum Funkeln bringen!

Nun es ist noch nicht zu spät. Das neue Jahr steckt noch in den Startlöchern, also kann ich es noch sagen: Frohes neues Jahr euch dort draußen! (Radiosprache – immernoch)

Für mich wird es ein Jahr des Umbruchs. Ich verlasse Berlin – wenn auch gezwungenermaßen – endgültig und ziehe in die bayrische Landeshauptstadt. Kulturschock. Nun, doch auch hier spielen Bands, wenn auch nicht so zahlreich, wie in meiner Perle Hamburch oder in Hipster-Berlin. München und ich werden jetzt Freunde, komme was wolle. Auch hier gibt es tolle Menschen, die tolle Musik hören und die ich freudig in meinen Kreis aufnehmen werde, oder sie mich in ihren. Ich bin gespannt auf zahlreiche Nachhilfestunden in Soul und schöne Lauschabende.

Musikalisch wird es ein interessantes Jahr. Schon einige meiner Lieblinge haben neue Alben angekündigt. Jüngst meine Lieblings-Dreampopper Slowdive, was mein Herz heute zum Strahlen bringt, Florence + The Machine, Marina And The Diamonds, die verrückt psychedelischen Of Montreal, Gang Of Four, A Place To Bury Strangers und meine New Wave Band schlechthin: The Cure. Islandpop-Ikone Björk verlautbart heute den Titel ihres im März erscheinenden Albums “Vulnicura”.

Die isländische Popikone Björk verkündet heute den Titel ihres kommenden Albums: "Vulnicura"

Einige wundervolle Konzerte stehen an: Interpol im Februar, The Cardigans Anfang Juli. Das Primavera Sound Festival in Barcelona, Way Out West in Göteborg und das Reeperbahnfestival sind fest geplant und es ist toll nach so vielen Jahren endlich einmal die Shoegazer Ride zu erleben. Es gibt aber auch Ereignisse, die sich jähren, auf die ich dankbar und wehmütig zurück blicken werde. Doch in erster Linie heißt es im Hier und Jetzt zu leben. Dieses Jahr in vollen Zügen zu genießen. Auf ein neues und bis ganz bald!

Tags: , , , , , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Slowdive live in Singapur, Juli 2014 (Foto: Maria Clare Khoo)

In genau einem Monat habe ich Geburtstag. Dann bin ich schon in New York City, genieße meinen Tag und freue mich auf den nächsten. Dann kann ich endlich nicht mehr meinen Lieblingsspruch anbringen: „Bei den wichtigsten Ereignissen in meinem Leben, war ich nie dabei!“ Nein, dann werde ich sie endlich sehen, meine Band feiern. Slowdive. Vor fast 20 Jahren haben sie sich aufgelöst, nachdem ihr Album „Pygmalion“ scheiterte. Mein Album, das ganz oben, unantastbar, auf einem himmlischen Sockel steht. Die “Just For A Day” habe ich das erste Mal gehört, als ich den ersten schlimmen Liebeskummer in meinem Leben hatte. Ich würde heute behaupten, dass diese Platte damals mein Leben gerettet hat. Sicher auch das vieler anderer. Ihr da draußen, ihr wisst, was ich meine. Neu verliebt habe ich mich dann in Neils Stimme. “Alison”, der erste Song der “Souvlaki”. Niemals sang ein Mann schöner! Meine kindliche Vorfreude auf diesen Tag ist unbeschreiblich. Ein langersehnter Traum, den ich nach Slowdives Auflösung niemals zu träumen gewagt hätte, wird wahr. Vergleichbar ist sie fast nur mit meiner gespannten Erwartung auf Weihnachten 1987. Da habe ich mein erstes Paar schneeweißer Schlittschuhe geschenkt bekommen. Wunderbar war dieser Advent.

Die wunderbare Rachel Goswell mit Tamburin / Primavera Sound, Barcelona 2014

Ich habe mich ein wenig geärgert, dass ich Slowdive nicht, wie einige Freunde von mir, auf dem Primavera Sound Festival in Barcelona sehen konnte. Laut Erzählungen war es ganz fantastisch, was dieser Konzertmittschnitt von ARTE auch beweißt. Neil Halstead singt den alten Slowdive-Song „When The Sun Hits“ so erdig, als würde er ein Stück von seinen Soloalben spielen. Rachel Goswell sieht noch schöner aus als zu alten Slowdive-Tagen. Was habe ich euch vermisst. Ein paar Tränen kullern mir über die Wangen, wenn ich die süße Rachel, dort lächelnd auf der Bühne eine Coverversion von Syd Barretts “Golden Hair” singen sehe, während die Jungs dazu diesen flirrenden Teppich aus Gitarrensounds weben. Meine Begleitung wird mir beim Konzert nach jedem Song ein Papiertaschentuch reichen müssen, denn ich werde tausend kleine Tode sterben. “Catch me if I fall…” Danach werde ich aussehen, wie Alice Cooper. Aber egal. Slowdive, from now on I‘m counting down the days! Bis bald im Terminal 5! Shoegazergirl wird ihr schönstes Kleid anziehen, einen Old Fashioned trinken und euch zuprosten!

Auch diesen ganz wundervollen Konzertmitschnitt müsst ihr euch anhören und ansehen:

SLOWDIVE – FESTIVAL LA ROUTE DU ROCK 2014

Neils Effektboard bringt mich noch immer zum Staunen

Schauen: Auf dem Reeperbahn Festival habe ich ein Mädel kennen gelernt, dass dieses Video von “Machine Gun” auf dem Primavera aufgenommen hat. Ganz gut für mit Mobile.

Lauschen:

Slowdive – Some Velvet Morning

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Slowdive – Blue Skied An’ Clear

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Tags: , , , , , , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·
Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.