Slowdive live in Singapur, Juli 2014 (Foto: Maria Clare Khoo)

In genau einem Monat habe ich Geburtstag. Dann bin ich schon in New York City, genieße meinen Tag und freue mich auf den nächsten. Dann kann ich endlich nicht mehr meinen Lieblingsspruch anbringen: „Bei den wichtigsten Ereignissen in meinem Leben, war ich nie dabei!“ Nein, dann werde ich sie endlich sehen, meine Band feiern. Slowdive. Vor fast 20 Jahren haben sie sich aufgelöst, nachdem ihr Album „Pygmalion“ scheiterte. Mein Album, das ganz oben, unantastbar, auf einem himmlischen Sockel steht. Die “Just For A Day” habe ich das erste Mal gehört, als ich den ersten schlimmen Liebeskummer in meinem Leben hatte. Ich würde heute behaupten, dass diese Platte damals mein Leben gerettet hat. Sicher auch das vieler anderer. Ihr da draußen, ihr wisst, was ich meine. Neu verliebt habe ich mich dann in Neils Stimme. “Alison”, der erste Song der “Souvlaki”. Niemals sang ein Mann schöner! Meine kindliche Vorfreude auf diesen Tag ist unbeschreiblich. Ein langersehnter Traum, den ich nach Slowdives Auflösung niemals zu träumen gewagt hätte, wird wahr. Vergleichbar ist sie fast nur mit meiner gespannten Erwartung auf Weihnachten 1987. Da habe ich mein erstes Paar schneeweißer Schlittschuhe geschenkt bekommen. Wunderbar war dieser Advent.

Die wunderbare Rachel Goswell mit Tamburin / Primavera Sound, Barcelona 2014

Ich habe mich ein wenig geärgert, dass ich Slowdive nicht, wie einige Freunde von mir, auf dem Primavera Sound Festival in Barcelona sehen konnte. Laut Erzählungen war es ganz fantastisch, was dieser Konzertmittschnitt von ARTE auch beweißt. Neil Halstead singt den alten Slowdive-Song „When The Sun Hits“ so erdig, als würde er ein Stück von seinen Soloalben spielen. Rachel Goswell sieht noch schöner aus als zu alten Slowdive-Tagen. Was habe ich euch vermisst. Ein paar Tränen kullern mir über die Wangen, wenn ich die süße Rachel, dort lächelnd auf der Bühne eine Coverversion von Syd Barretts “Golden Hair” singen sehe, während die Jungs dazu diesen flirrenden Teppich aus Gitarrensounds weben. Meine Begleitung wird mir beim Konzert nach jedem Song ein Papiertaschentuch reichen müssen, denn ich werde tausend kleine Tode sterben. “Catch me if I fall…” Danach werde ich aussehen, wie Alice Cooper. Aber egal. Slowdive, from now on I‘m counting down the days! Bis bald im Terminal 5! Shoegazergirl wird ihr schönstes Kleid anziehen, einen Old Fashioned trinken und euch zuprosten!

Auch diesen ganz wundervollen Konzertmitschnitt müsst ihr euch anhören und ansehen:

SLOWDIVE – FESTIVAL LA ROUTE DU ROCK 2014

Neils Effektboard bringt mich noch immer zum Staunen

Schauen: Auf dem Reeperbahn Festival habe ich ein Mädel kennen gelernt, dass dieses Video von “Machine Gun” auf dem Primavera aufgenommen hat. Ganz gut für mit Mobile.

Lauschen:

Slowdive – Some Velvet Morning

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Slowdive – Blue Skied An’ Clear

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Amazing Blazing Jenny Wilson / Hamburg Reeperbahn Festival

Sara Wilson spielt auf ihrer Guild /Hamburg Reeperbahn Festival Knust 19.09.2014

Die Schwestern, die zaubern - Sara Wilson und Jenny Wilson

Vom Oktoberfest geflohen, habe ich am Wochenende mein wunderschönes Hamburg besucht. Es war herrlich, alte Freunde zu treffen und wir hatten Spaß auf der Reeperbahn. Nach langer Zeit des Satthabens von Musik überhaupt und back to the roots, habe ich mich am meisten darüber gefreut, die schwedische Singer-Songwriterin Jenny Wilson zu sehen. Doch offensichtlich hielt sich die Vorfreude der Reeperbahn Festival-Besucher in Grenzen. Als wir im Knust ankamen, waren wir nahezu die einzigen, die dort auf Jenny warteten. Nach einem Jägermeister auf die Liebe, war es kein großer Akt, sich durch die Luft in die erste Reihe vorzukämpfen. Punkt Mitternacht ging es los und Jennys Schwester Sara Wilson spielte die ersten warmen Akkorde auf ihrer Guild-Gitarre. Hab mich gefreut, dass sie mich erkannt, angegrinst und mir zugewunken hat.

Als Jenny raus kam, sah sie in ihrem wirklich coolen Outfit aus, wie eine schwarze Hip-Hop-Sängerin aus der Bronx. Ihre Songs enthielten eine Menge politische Statements, die sie gebetshaft vorgetragen hat, halb im Gesang, halb rufend. Ihre Musik klingt exotisch. Unverwechselbar eigensinnig. Trotz des kleinen Publikums, lieferten die beiden Wilson-Schwestern eine souveräne Show ab und hatten sichtlich Spaß an ihrer Musik. Jenny war ganz zauberhaft, hat sich entschuldigt, dass ihre Stimme etwas angeschlagen ist, wegen einer Erkältung, aber sie glücklich sei, hier zu spielen. Zu danken haben wir! Die Interaktion mit dem Publikum war schwierig für Jenny. Die trägen Leute kamen nicht wirklich in die Gänge und sie musste jede Regung aus ihnen heraus kitzeln. Aber Jenny ist da ganz Profi: Demand The Impossible!

"Pickelface is back in Town" oder "Wenn Jean-Luc Godard ein iPhone hätte"

Schauen: Jenny Wilson – Pyramids (live Nyhetsmorgon)

Jenny Wilsons letztes Album “Demand The Impossible!” erschien am 6. November 2013. Das Album entstand 2012 während Jennys Krebsbehandlung. Eine echte Powerfrau! Es ist ihr drittes Studioalbum. Jenny und Sara Wilson spielten früher in der gemeinsamen Band First Floor Power.

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Die neue Scheibe von Interpol: "El Pintor"

Anfang der 2000er Jahre schossen gitarrenlastige Neo Post-Punk Bands in New York City wie Pilze aus dem Boden. Eine der erfolgreichsten und charismatischsten unter ihnen ist Interpol. Ihr eigenwilliger Sound erinnerte nur anfänglich an die nordenglische New Wave Formation Joy Divison, ist in der gut fünfzehnjährigen Schaffenszeit jedoch zu etwas unverwechselbar Coolem avanciert. Das neue, fünfte Studioalbum „El Pintor”, ein Anagramm zu Interpol, hört sich an, wie am Polarkreis aufgenommen, malt eisige und zugleich feurige Landschaften. Paul Banks Stimme klirrt frostig, als hätte ihn seine Muse, die Schneekönigin, jüngst geküsst – einen Dolch aus Eis ins Herz gerammt.

„El Pintor“ auf den MP3-Player gepackt, laufe ich beim ersten Hören des Albums durch die polnische Ostseestadt Danzig. Über den treibenden, süchtig machenden Eröffnungstrack „All The Rage Back Home“ habe ich mich neulich schon ausgiebig ausgelassen, daher starte gleich mit Track 2: „My Desire“. Dieser beginnt mit einer scharfen, bohrenden Gitarre, die sich in die Gehörgänge fräst. Sie erinnert mich unweigerlich an eine orientalische, üppige Tänzerin, die im Takt geschmeidig ihre Hüften bewegt, Begierden weckt. „In my desire, I‘m a frustrated man…“, singt Paul Banks jammerig, meckert vertraut, wie eine Bergziege, die es nicht schafft auf den nächsten Fels zu springen. „Gott, kann ich ihn erlösen!“, denke ich. Der blubbernde Bass rollt, wie die kleinen Wellen, den Fluss hinab, bringt mich vorbei an alten, zerfallenen Speichern und Fabriken, in Fließrichtung gen Meer. Die Stadt lichtet sich. Im Refrain kämpft Banks Gesang gegen scharfen, eisig schneidenden Wind an, bald erschöpft, als würde er, wie einst Roald Amundsen, auf dem Weg zum Südpol sein.

Danzig/ Gdansk Polen (Foto: Kevlarseele/Instagram)

Der nächste Track „Anywhere“ geht so richtig ab. Daniel Kesslers Gitarre überrascht uns mit einer erstaunlich frischen Hookline, führt uns in eine poppige Strophe, die zum Tanzen einlädt. Der Refrain ist jedoch nichts für Zartbesaitete. Hier entblösst sich unbeherrscht die widersprüchliche Gier nach Freiheit und Besitz. „The Ocean, I could go anywhere, I could go anywhere, so free, it‘s my nature to want, I could go anywhere…“ Sam Fogarinos straff gespieltes Schlagzeug peitscht einen fast brutal durch den Rest des Liedes, fordernd, aber auf ästhetischste Weise, mit ganz wundervollen Wirbeln. Schon hier verlangt das Album nach der Geschwindigkeit und Anonymität einer Metropole und ich wünschte, ich würde die Madison Avenue entlang laufen. Schnell, im Takt dieser bis ins Mark erschütternden Snaredrum, will ich mich beeindrucken lassen. Die gleiche Stadt, eine neue Geschichte.

„Same Town, New Story“ hätte auch gut als Opener des Albums funktioniert, nimmt uns sofort mit auf eine imaginäre Reise. Als Start für eines der kommenden Interpol-Konzerte sollte es aber seinen Platz ganz vorn finden. Alle einzelnen Signale sind klar und für sich wahrzunehmen. Banks prägnanter Gesang, die einzelne, blinkende E-Gitarre, der pochende Bass, der mich warm umschließt, das schwere Schlagzeug. Ein Geschenk für den Regelschieber am Mischpult. Interpols Texte konnte ich nie in ihrer Gesamtheit begreifen. Doch mag ich es, wenn Banks Geschichten über Männer und Frauen erzählt und die Abgründe, in die sie sich begeben. „How many bones were lost? he just had to play his hand, what is a womans duty? she was always tougher than… she said: Who‘s gonna save that from you? who‘s gonna save that from you?“, ruft Banks klagend. Schon läuft ein eiskalter Schauer über meinen Rücken. Während des innehaltenden C-Teils haben “El Pintor” und ich unsere erste erotische Begegnung. Er pulsiert warm und klar, schärft das Bewusstsein in einem Moment der Innigkeit für das, was man will….“and then she’ll sulk slowly…”

„My Blue Supreme“ ist ja wohl der genialste Song den Interpol jemals geschrieben haben, meiner Meinung nach ihr Meisterstück. Er ist knackig mit knapp drei Minuten, folgt keiner klassischen Songstruktur. Die Stimmungen wechseln rasch. Oft sind es Fragmente, die etwas in mir berühren, eine Brücke ins eigene Leben schlagen. Hier ist es in der Tat die Brigde, die mir kleine Nadeln ins Herz sticht: „When love comes, honey, take it, only one in a hundred make it, we fake until there‘s nothing to fake… When love comes, honey, show it, so many of us growling, this kind of shit don‘t heal in a week…“ Wie heilsam wirkt da der Refrain, der so breit wie das blaue Himmelszelt über allem steht, hineinstrahlt ins Herz, trotz all der melodischen Melancholie. Wird Paul Banks heller Kopfstimmengesang in der Strophe noch durch die zischende Hi-Hat zerhackt, reißt sein eindringlicher Gesang den Refrain gewaltsam auf, wird unterstützt durch den Chor der Boys in Anzügen: „Cruising in my blue supreme, cruising in my blue supreme, is someone there I‘m dying to be, nothing ever comes for free, cruising in my blue supreme…“ Ja! Man kann sich ruhig eine Weile baden in diesen romantisch traurigen Gitarrensphären.

Folgen einem strikten Dresscode: Interpol v.l. Daniel Kessler, Sam Fogarino und Paul Banks.

Dann kommt die Diskopop-Nummer schlechthin, ich will tanzen! Mein Herz freut sich. Oh ja! „Everything Is Wrong“? – nicht an diesem Track. Dieser groovige Basslauf ist einfach Wahnsinn, versetzt den Körper in magische Schwingung. Wer greift jetzt eigentlich für Carlos D. in die dicken vier Seiten? Ich vermisse ihn zumindest bei diesem Floorfiller kein bisschen. Und erst diese schimmernde Gitarre. Sie glitzert als würden kleine Eiskristalle den Sonnenstrahl reflektieren. Brilliant, und sexy. Das darf man nicht unterschlagen. Diesen Refrain kann man bis zur Ekstase hören: „Everything is wrong, wrong, everything is wrong, all we have is time, but my heart is going wrong…“

„Breaker 1“ ist das geheimnisvollste Stück des Albums. Es wirkt meditativ, fast beschwörerisch. „Come back, come back, I‘m the warning, come back, come back, breaker one“ – wie psychedelisch. Grandioserweise gibt es sogar einen Hauch Shoegaze auf „El Pintor“. „Ancient Ways“ hat genau mein Tempo. Das schnelle Raveschlagzeug erinnert an Nummern von Ride, Kitchens Of Distiction und Curve. Da schlägt auch mein Herz gleich wieder so, wie es soll: Schneller, stolpert, bekommt Rhythmusstörungen. Die schrammeligen, lauten Gitarren imponieren mir. Hier hört man ganz deutlich, dass Alan Moulder gezaubert hat. Die Richtung, die Interpol hier einschlagen, gefällt mir ausgesprochen gut. „Uuuuhuuuh, fuck the ancient ways!“

Jeder Song eine absolute Granate, spricht ausgerechnet der letzte Track des Albums „Twice As Hard“ mich so gar nicht an und ist, nun ja, hart zu nehmen. Er hat eine Schwere und Dramatik, die mich nicht berührt, wirkt viel zu getragen und aufgeblasen. Er fängt sogar nach zwei Minuten, extrem an zu nerven. Es ist nicht so, dass ich ihm keine Chance gegeben habe. Ich muss sogar feststellen – es waren zu viele. Das malerische „Tidal Wave“ wäre ein gelungener Abschluss gewesen. Es bringt endlich die langersehnte Erschöpfung. Man sitzt am Meeresrand, schaut auf den Horizont, beobachtet, wie die Gischt des Meeres näher und näher kommt, die steigende Flut uns überschwemmt, mitreißt in die Unendlichkeit. Aber es hindert mich ja nichts daran, an dieser Stelle auf Stop zu drücken – außer mein Rausch.

Schauen: Interpol sprechen über die Entstehung von “El Pintor”

Fazit: Interpols Musik hat von je her eine hohe erotische Ausstrahlung auf mich gehabt. Auch wenn die Songs wenig Sanftes, Zärtliches, nichts Weibliches besitzen, konnte und kann ich meinen Reiz in all dem Testosteronüberschuss finden. „El Pintor“ besitzt ein sexuelles Feuer, dessen Strahlkraft an Unbeschreiblichkeit grenzt und mir restlos den Kopf verdreht, mich in den erwarteten Langzeitrausch versetzt. Diese fantasievollen, üppigen Gitarrenklänge, gepaart mit einer hohen Dynamik – sei es Banks Gesang oder die unerschöpflich gespielten Drums – wirken wie ein Kraftspender in Zeiten des Umbruchs, wecken Bewegungsbereitschaft und sei es nur „for a night out“, um so richtig einen drauf zu machen. Die Bassläufe sind, trotz des Ausstiegs von Carlos D., energetisch und homogen – wärmen von innen. Es brodelt Lava unter all dem Eis. Ehrlich gesagt, ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass „El Pintor“ wirklich so gut ist. Kann sein, dass Interpol hier sogar ihren Zenit erreichen. Ich spüre es fast. Genialer kann ein Album nicht sein. Dank sei auch Alan Moulder, meinem Lieblingsklangkünstler und Ehemann von Toni Halliday (Curve), der all den Tracks einen so herrlich unwirklichen Sound verleiht. Ich kann mich nur noch restlos auf das Konzert am 4. Februar in Berlin freuen. Bald, bald!

Schauen: Interpol – Anywhere ( live at Glastenbury 2014)

“El Pintor” erschien am 5. September 2014 auf dem Label Soft Limit. Aufgenommen wurden die Songs in den Electric Lady Studios sowie im Atomic Sound in NYC. Geschrieben und produziert wurde das Album von Interpol. Gemixt hat Alan Moulder.

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Video still Nina Persson "Heat"

Gestern Abend habe ich mich mit Laptop, Kopfhörern, Zigarette und einem guten Schluck Roséwein auf der Dachterasse positioniert. Ich wollte die passende Atmosphäre schaffen, um diesen Song „Heat“ der schwedischen Band Brothers Of End zu hören. Es war mir von Vornherein klar, dass er Platz braucht zum Atmen. Weite, Zwielicht. Ein Duett ist immer ein Dialog zweier Liebenden. Und ich möchte genau lauschen, offen sein für jedes ausgehauchte Gefühl.

Ich zünde die Zigarette an, drücke auf Play, und mit den ersten warmen Akkorden einer Orgel mit hammondähnlichem Sound, schaue ich auf den großen, klaren, wachsenden Mond. Erika Roséns zarte Gitarrenklänge vereinen sich mit Lars-Olof Johanssons (Lasse) zerbrechlicher Stimme. „You taught me how to kiss, when we where kids, now you come knocking at my door, after all these years…“ Das sitzt.

Dann bricht Nina Perssons herzzereißender Gesang herein. Kleine, eiskalte Ameisen laufen über meinen Rücken. Es prickelt wie Champagner auf meiner Haut. Ich habe darauf gewartet. „Just beneath the bridge, where we used to dance, we got drunk on cheap champagne, then I gave you head…“ So sinnlich und romantisch kann nur Nina eine Vulgarität singen. Das wissen wir spätestens seit: „Come be my man, baby bang with me..“ (Animal Heart)

„You say I‘m destined to be lonely, but I say free, maybe the heat is leaking out, but the sun is shining in…“ antwortet Lasse. Dann ergiesst sich wundersam mystisch – schwelgerisch – der ganze Orgasmus auf das nächtliche Kleid aus schwarzblauem Samt. Schimmernd im Lichte des weißen Mondes. Wunderschönste, zarte, aus Lungen über Kehlköpfe ausströmende Uuuuuhuuuuuhuuuuuuhs. Organisch – frisch aus dem heißen Blutkreislauf. Nina, Lasse, Erika, Mattias, Bengt – sie alle stimmen mit ein.

Lasses unheilvoll trauriger Blick - Video still "Heat"

Nina: „You came inside of me, and then you lied, about how much I meant to you and how you cried“ Es gewittert. Die Hitze trifft auf kalte Luft. Während ich mich in diese paralysierenden Klänge reinknie, wirbelt Bengt Lagerbergs federleichtes Schlagzeugspiel die Luft auf. Die kleinen Härchen auf meinen Armen richten sich auf, als würde man sie sanft anpusten. Die Zeit läuft langsamer als mein Herzschlag.

Hier begegnen sich zwei Menschen nach langer Zeit wieder. Hier muss noch etwas erledigt werden. Sei es der wieder vereinigende Liebesakt oder der gemeinsame Suizid, sinnbildlich gemeint oder tatsächlich vollzogen. Lasse singt: „I kept the gun you asked me to throw away, and every minute since you left, I have awaited this“

„You say I was destined to be lonely, but now I‘m free, and as the heat is leaking out, the sun is shining in…“ Ich habe Ninas Stimme selten so klar und ehrlich wahrgenommen. Etwas Altes scheint zu vergehen und etwas Neues scheint zu beginnen. Doch es ist gibt keinen Anfang und auch kein Ende. Hier hat sich eine Zwillingsseele gefunden, die jetzt frei sein kann. In der Liebe und im Tod. Im Clip wird dies verdeutlicht durch die beiden identischen Kleider, die Nina und Lasse tragen. Auch singen sie dort die jeweiligen Parts des anderen. Sie wirken wie versteinert, all sei dies der Moment in dem die Wärme des Lebens aus ihren Körpern schwindet – das Licht der anderen Seite von ihnen Besitz ergreift.

Während Nina ihre letzten Worte ausgesungen hat, bekomme ich in der Tat noch einen kleinen Schwächeanfall ob all dieser Schönheit. Dieses einzelne ausgestoßene  „Uuuuuuuuuuuh“ von Erika haut mich total um. Sie singt engelsgleich. Alles ergiesst sich erneut in einen ungeahnten Kosmos. Gleitet davon, wie das Leben. Manchmal. Dann ertränkt Regen die schwarzblaue Nacht.

Brothers of End – featuring Nina Persson – Heat from Brothers of End on Vimeo.

Das Video stammt, wie auch Nina Perssons “Food For The Beast”, vom Malmöer Kreativbüro Top Dollar. Tomas Melinder hatte hier wieder sein magisches Auge eingesetzt. Herrlich.

“Heat” ist die zweite Single von Brothers Of Ends neuem Album “Shakers Love”. Dazu schreibe ich noch was, doch erst mal muss ich diesen Song verdauen.

Ach und bevor ich es vergesse: Alles Liebe zum 40. Geburtstag Nina! Stort Grattis!

Lauschen:

Brothers Of End – “Heat”

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Cover von Kents aktueller Single "Var är vi nu?"

In genau dieser Nacht vor drei Jahren hatte ich einen Traum. Ich sah meine Tante in ihrer alten Wohnung zusammen mit ihrem Sohn gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Ein Ausdruck von Innigkeit und Zufriedenheit lag auf den Gesichtern der beiden. Ich wusste: Alles ist gut. Sie haben sich wieder gefunden.

In dieser Nacht, vor genau drei Jahren, starb meine Tante. Lange litt sie an Krebs. Kämpfe hart, von Operation zu Operation, Chemotherapie zu Chemotherapie, viele Jahre um ihr Leben. Doch es hatte nicht sollen sein. Zu groß war der Schmerz, der sie zermürbt und so krank gemacht hat. Ein paar Tage zuvor hatte ich sie noch besucht im Hospiz. Doch zu dem Zeitpunkt lag dort schon nicht mehr der Mensch, den ich von früher kannte. Nicht mehr die Mutter von Olli, meinem Cousin. Dieser Mensch hatte uns schon lange verlassen, Jahre zuvor, als mein Cousin an einem Autounfall mit gerade mal 18 Jahren starb.

Als ich ging, blickten wir einander in die Augen. Ich sah nur Leere, Leere und Sehnsucht. Sehnsucht nach Erlösung, nach dem Ende, nach ihrem Sohn. Ich sagte „Mach es gut!“. Meine Tränen konnte ich kaum halten, alles in mir bebte. Ich wusste, es war das letzte Mal, dass ich sie sah.

Heute höre ich diesen Song von Kent „Den andra sidan“ (Die andere Seite) vom aktuellen Album “Tigerdrottningen”. Denke an meine Tante Marianne. Denke an das bisschen Zeit was wir alle hier auf Erden haben und an das was danach kommt. „…Jag vet vad tiden är värd, och tiden rinner iväg, en gång var jag miljonär, när vi hade all tid i världen…“ (…Ich weiß, was die Zeit wert ist, und Zeit läuft uns davon, einmal war ich Millionär, als wir alle Zeit der Welt hatten…)

Aber wir haben sie niemals: Alle Zeit der Welt. Jocke Berg weiß das. Denn die Welt ist nicht unsere, ebenso wenig wie die Nacht, die uns die Träume bringt. “Natten är inte vår” Warte nicht zu lange den Menschen, die du liebst zu sagen und zu zeigen, dass sie wunderbar sind und wichtig für dich. Denn die Zeit bis man sich auf der anderen Seite wieder sieht, kann lange sein, zu lange für ein Leben. Ja, wir verlieren Menschen. Menschen, die Wände aus Eis in unseren Herzen zerbrochen haben, eine Lawine ausgelöst haben. Aber auch dann, wenn der Schmerz unheilbar, die Leere unauffüllbar scheint, dürfen wir uns selbst nicht verlieren. Niemals.

Det fanns en värld av is i hjärtat mitt.
Du startade en lavin när du gav mig ditt.
Det känns som om vi möttes i ett helt annat liv.
Och jag vet att vi ses på den andra sidan.

(Es existierte eine Welt aus Eis in meinem Herzen.
Du hast eine Lawine ausgelöst, als du mir deins gegeben hast.
Ich habe das Gefühl, wir würden uns in einem ganz anderen Leben treffen.
Und ich weiß, dass wir uns auf der anderen Seite sehen.)

Lauschen:

Kent – “Den andra sidan”

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Damit die Jungs von vorn auch chic aussehen. Interpol: Boys in Suits

Ach ja, fast hätten wir geknutscht. Vor 10 Jahren, auf einer Aftershow-Party. In einer kühlen, winterlichen Nacht, draussen vor einem Club, Paul Banks und mein bescheidenes Ich. Eine prickelnde Gänsehaut, hat einem das wirklich saugeile „Antics“ Konzert ohnehin beschert. Da stand vor mir plötzlich dieser „Junge“ mit Pickeln im Gesicht. Von Mami in den zu groß wirkenden Nadelstreifenanzug mit Krawatte gesteckt, fängt er unbeholfen aber eindeutig an, wild zu flirten. „Aha!“ denke ich. Uns war wohl kalt – so kam man sich unweigerlich näher.

Mein Gott, was war ich cool. Saucool. Blondes Gift, männervernichtendes Biest, Sharon Stone der Indiepop-Szene. Ich gebe es zu, irgendwie habe ich mich so gefühlt. Großspurig, sexy, nicht zu fein zur Arroganz, irgendwie überirdisch, unberührbar. Dazu brauchte man nichts zu nehmen, außer einen Zug „Turn On The Bright Lights“ und einen Schuss „Antics“. Die Zigarettenglut, drück sie nicht aus, sie steht dir gut. Was eine Droge. Neo-Post-Punk mit magnetischer Anziehungskraft. Interpol ziehen in einen Sog aus aggressiv, kalter Erotik. Und siehe da, nach all den Jahren, „diese“ neue Single: „All The Rage Back Home“

Ich erwarte einen Sturm, bevor ich auf Play drücke. Doch die neue Single, die auch Opener des kommenden Albums „El Pintor“ sein wird, legt einen ohne Vorankündigung flach. Was für ein Tornado, und ich mitten drin in dessen Auge. Kansas war einmal. NYC Baby! Paul Banks meckert immer noch wie eine Ziege, was Gesang sein soll, aber ich mag das! Dieser treibende Bass, diese schimmernden, glänzenden Gitarren, diese Drums, sexy, irgendwie animalisch. Ein endlos freier Fall, ich will nicht aufprallen: „I keep falling, maybe half the time, I keep falling, maybe half the time, maybe half the time…yeah, it‘s all the rage back home…“

Interpol – All The Rage Back Home from mondiale on Vimeo.

Am 8. September 2014 erscheint das fünfte Studioalbum von Interpol: “El Pintor”. Bei der süchtig machenden Geschmacksprobe, rieche ich, dass dieses Album mich einfach umhauen und in einem Langzeitrausch versetzen wird. Die Tour wird sehnsüchtig erwartet.

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Wie eine dicke Spinne, die in der Großraumdiskothek ihre Netze gespannt hat, präsentiert sich die schwedische Popsängerin Nina Persson in ihrem neuen Video „Food For The Beast“. Es ist die zweite, absolut tanzbare, mid-tempo Single des aktuellen Albums „Animal Heart“. Versteckt im Halblicht von Videoprojektionen gefräßiger Münder (mit Goldzahn) und gieriger, weit aufgerissener Augen, wartet Nina auf ihre Beute: „All broken hearts baby bring them to me, fit them together they‘ll set themselves free…“ Mysteriöse Blitzlichter und Lichtreflektionen von Diskokugeln lassen Nina dabei unheimlich schön aussehen. Meisterliches Video von Tomas Melinder aus dem Malmöer Kreativbüro Top Dollar. Schaut selbst!

Nina Persson – “Food For The Beast” from stereogum on Vimeo.

Ich muss gestehen, dass ich beim zweiten Schauen des Videos unweigerlich an The Cures „Lullaby“ denken musste. Ich werde Robert Smith mal fragen, ob er Angst vor Nina hat.

The Cure – Lullaby from Nikha on Vimeo.

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Das singende schwedische Model Luna Green klingt interessanter als sie aussieht

Das Wochenende kann man sich schon mal mit ein paar schwedischen Köstlichkeiten versüßen. Den Song “Swedish Strawberries” des schwedischen Models Luna Green finde ich jedenfalls ganz süß.

Stimmlich und in Sachen Selbstinzinierung erinnert Luna Green mich an Lana Del Ray, steht ihr soweit jedoch in nichts nach. Ich bin gespannt auf ihr zweites Album “Swedish Strawberries”. Es soll acht Songs enthalten und erscheint am 7. Mai auf dem Label National in Schweden. Als Gitarrist, Komponist und Produzent wirkte Niclas Frisk (Atomic Swing, A Camp) bei einigen Tracks mit.

Schauen: Luna Green live im Obaren in Stockholm / der haareschüttelnde Verrückte an der Klampfe ist übrigens Niclas Frisk

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Ein geheinmisvoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson (Foto: www.josefinmirsch.com)

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Sei es Angst, Liebe oder der pure Drang zu überleben. Die Auferstehung nach einem Kampf. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils ihr erstes Soloalbum.

Für Ninas Stimme wurde auf „Animal Heart“ ordentlich viel Platz geschafft. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail, liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich mit einem Schmunzeln wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. Und dann denke ich beim Zuhören wieder, ach so viele können es doch nicht sein.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv, weil ich anstatt „Come be my man, baby bail with me…“ dazu tendiere „Baby, bang with me“ zu verstehen. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief ein in diesen besungenen Ozean, und mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft holen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist es ist durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na willste mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepopmusiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu A Camp gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass sie es so richtig drauf hat und keinen Peter Svensson braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie anfing zu schreiben, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: Bedford & Bowery)

„Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tischchen bis zu den Vorhängen. Doch machmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben. „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“, völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu meinen Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Nein, Nina hat keine dicke Spinne auf dem Kopf, zum Glück nur einen Origami-Kranich - Nina Persson live im Heimathafen Berlin, Animal Heart Tour (Foto: Jana Legler für Rockzoom)

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle frei lebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurück ziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Ich sehe einen bengalischen Tiger, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“

Aber sollten wir uns nicht vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns herum, und manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einen die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller, kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in den Refrain mit einem knackigen Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: „Digestif“

Es gibt dunkle Biester, die lange an uns gezerrt und genagt haben. Biester aus der Vergangenheit, die wir lange ausdiskutiert haben, die wir endlich aussperren müssen und dann irgendwo ablegen, ganz bewußt, mit Leichtigkeit. Wie das Trinkgeld auf dem Tisch eines Cafés, an dessen Namen man sich morgen nicht mehr erinnern wird, geschweige denn daran, wo es ist. „Forgot To Tell You“ lässt uns, mit seinen hellen, perligen Gitarrenklängen, Platz nehmen auf einer großen Wiese. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen die schlechten, alten Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, Don’t know what, don’t know what…” Der folgende Track, “Catch me crying”, wird nicht geskippt, aber “Forgot To Tell You” gleich nochmal angehört.

Ein schönes Ritual: Dinge, die man zurück lassen möchte, einfach mit einem Ballon ziehen lassen.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein und ich hatte die charismatische Gitarre von The Smiths „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgange schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit. Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Goldenes Licht durchflutet auch die kleinste und verborgenste Zelle unseres Körpers. „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

Elfen-Style: So sieht es aus, Nina Perssons "Animal Heart" Cover

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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Manchmal müssen wir sie beleuchten - unsere dunkle, schöne Seite / Moto Boy 2014

Ich muss gestehen, dass ich von jeher einen ausgeprägten Hang zum Androgynen hatte. Es ist beunruhigend und verführerisch, fremdartig und einnehmend. Doch Moto Boy ist mehr als das: Er selbst wirkt wie ein scheues, doch schillerndes Fabelwesen aus Hopeland mit engelsgleicher Chorknabenstimme, die uns mit ungeahnten Klängen und Melodien  verzaubert, und dem Gesicht einer Venus. Moto Boy lädt uns auf seinem neuen Album “Keep Your Darkness Secret” ein, in sein dunkles Geheimnis, doch gibt er es nicht vollständig Preis. Wir müssen tief graben in seiner Dreampop-Welt aus Dramatik und Verletzlichkeit. Tief eintauchen in sein dunkles, schäumendes Meer aus Sphären und lockenden Sirenen.

In den letzten drei Jahren kehrte Moto Boy, alias Oskar Humlebo, seiner Heimat Schweden den Rücken zu. Die Städte Malmö, Göteborg und Stockholm hatte er vorerst satt und er zog ins, für die Schweden so hippe, Berlin. Dort mietete ein Zimmer, richtete ein Studio ein und suchte Inspiration. Erste Songs für das neue Album nahm er dort auf. Nur ergab es sich so, dass Humlebo im Sommer 2012 auf Tour war mit The Cardigans und eines Abends in Jakarta im Hotelzimmer saß, während besagtes Zimmer in Berlin, wegen des Nachbarn über ihm, der in der Badewanne eingeschlafen war und vergaß den Wasserhahn zu zu drehen, komplett überflutet wurde und sein sämtliches Hab und Gut sowie alle bisherigen Aufnahmen, wie vom Tsunami vernichtet wurden. Alle Stücke mussten neu aufgearbeitet werden und wurden, nun, noch besser.

“Keep Your Darkness Secret” ist Moto Boys drittes Studioalbum und meiner Meinung nach auch sein bestes. Seine Songs klingen noch mutiger und außerirdischer. Dunkler. Nicht vielleicht auch deshalb, weil diese im Berliner Birthmark Studio aufgenommen wurden – im beeindruckenden, alten DDR-Funkhaus, einem gigantischen, architektonischen Hingucker, mit einer interessanten Geschichte. Produziert hat Moto Boy die Stücke zusammen mit dem österreichischen Produzenten Niko Stössl, der auch an Dave Gahans (Depeche Mode) Soloalbum als Gitarrist mitwirkte. Seine Idee war es auch in den Songs mehr und mehr von der klassischen Bassgitarre weg zu gehen, überflüssige Gitarrenspuren raus zu nehmen, um diese durch 70-er Jahre Yamaha Piano-Sounds zu ersetzen.

Der Opener des Albums, “Midnight Rain”, beginnt mit einem dramatischen, präpariert klingenden Klavier, das so bedrohend klingt, wie ich es bisher nur von Cranes’ “Forever” kannte. Die anfängliche Beklemmung durch das Klavier, löst sich jedoch in einem Refrain voller schmerzverzerrtem Sexappeal und einer gleichsam unendlichen Liebesgeschichte auf: “…nothing’s gonna change my love for you…you’re everything I wanted you to be, I wanted you to be, I wanted you to be…”

Der Albumtitel und das Titelstück “Keep Your Darkness Secret” ist an Depeche Mode angelehnt, doch soll er nicht so verzweifelt und jammerig wirken. Oskar meint: „Alle Menschen haben eine dunkle Seite. Doch nicht jeder kann sich den Luxus leisten, diese zu zeigen, wie eventuell Popstars, von denen man das sogar erwartet. Ein Lehrer zum Beispiel muss diese Seite geheim halten“. Unsere strahlenden Profilbilder und Fotos auf Facebook und Instagram stehen dafür, wie sehr auch wir unsere dunkle Seite geheim halten. Wer postet schon Fotos, weinend, wütend, neidisch – in tiefer Verzweiflung, Trauer oder gar Hass. Ist es nicht auch so, dass wir uns dadurch angreifbar und verletzbar machen würden. Dieser perlige, himmlisch klingende Titelsong hält uns auf jeden Fall davon ab, unsere Geheimnisse leichtfertig preis zu geben.

Moto Boy klingt auf diesem Album so verbindlich wie nie, schafft eine unglaubliche Intimität. Eines der schönsten Stücke ist vielleicht „This Is Love“. Mehr als nur eine Ballade. „…this is all we can get, no memorse, no regret, this is love. breathe it out, breathe it in, it takes an end to begin, this is love…“ Ganz automatisch sieht man sich eng umschlungen, mit dem Menschen seines Herzens, wippend in einem romantischen Tanz, sich tief in Augen und Seele blickend. „A Dance Like We Used To“ schließt magisch an diesen Song an und erhält die sinnliche, prickelnde, ja erotische Zweisamkeit.

Schauen: die aktuelle, zweite Single “Too Young To Know”

Trotzdem fehlt das obligatorische, romantisch unschuldige Stück zum Popowackeln auf der Tanzfläche nicht. Zu dem sich die jungen Mädchen drehen können bis ihnen schwindelig wird, während sie von diesem schönen, gefühlvollen Moto Boy träumen: “Too Young To Know”. Dieser Song greift die aktuelle Welle des elektronischen Tanzpops in Schweden, mit dem auch die Band Kent Album für Album und Single für Single sicher fährt, aber auch den Dreampop Ende der Achtziger, wie wir ihn von Cocteau Twins kennen, voll auf. Grandioses Stück und aktuelle Single.

“Nothing Shatters Like A Heart” überrollt uns nahezu mit einer dramatischen Orgel und herrlichen weiblichen Chorgesängen, die an- und abschwellen, wie pazifische Wellen. Sie übermannen uns, machen uns wehrlos. Wir versinken. “It hits me like the dark…baby when you fall apart, fall into my arms…nothing shatters like a heart…” Völlig aufgelöst und willenlos überrascht Moto Boy uns am Ende des Albums noch mit einem opulenten Meisterstück: “It Was Always You” Sirrende Streicher, treibende Trommelwirbel, ekstatische Chöre, ein wahrer musikalischer Orgasmus, der sich mit einem sanften Gitarrenakkord verabschiedet und uns völlig fertig einfach liegen lässt. Danke und Tschüss. Ich habe bekommen was ich wollte. Zum Glück kann ich nochmal auf Repeat drücken.

Geheimnisvoll - Cover des Albums "Keep Your Darkness Secret"

Fazit: Dieses Album ist wirklich außerordentlich liebevoll arrangiert. Streicher, Glöckchen, Sphären, beeindruckende Satzgesänge. Alles an den richtigen Stellen, ohne in die Pathosfalle zu tappen. Die reduzierten Gitarren, im Vergleich zu den Vorgängern “Moto Boy” und “Lost In The Call”, stehen Oskar Humlebo außerordentlich gut. “Keep Your Darkness Secret” beweist, dass es noch wahre musikalische Popkunst gibt. Seine dunkle Stimmung erinnert mich an Songs von This Mortal Coil, Cocteau Twins, Cranes und auch Slowdive. Was auch immer in Moto Boy gfahren ist, he was touched by the hand of god. Es freut mich sehr, dass ich am 8. Mai in Stockholm sein werde und Moto Boy ein Konzert im Södra Teatern gibt. In kleines Highlight im Kurzurlaub. Dann wird er sicher nur da stehen mit seiner Gitarre, wie ein Junge. Seinen Lippenstift raus holen und fragen: “Läppstift eller läppstift?”

Moto Boys drittes Studioalbum “Keep Your Darkness Secret” erschien am 26. März auf dem schwedischen Label Songs I Wish I Had Written.

Schauen: Moto Boy mit der ersten Single “Someday” vom aktuellen Album. Am Schlagzeug seht ihr Bengt von The Cardigans/ Brothers Of End

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.