Damit die Jungs von vorn auch chic aussehen. Interpol: Boys in Suits

Ach ja, fast hätten wir geknutscht. Vor 10 Jahren, auf einer Aftershow-Party. In einer kühlen, winterlichen Nacht, draussen vor einem Club, Paul Banks und mein bescheidenes Ich. Eine prickelnde Gänsehaut, hat einem das wirklich saugeile „Antics“ Konzert ohnehin beschert. Da stand vor mir plötzlich dieser „Junge“ mit Pickeln im Gesicht. Von Mami in den zu groß wirkenden Nadelstreifenanzug mit Krawatte gesteckt, fängt er unbeholfen aber eindeutig an, wild zu flirten. „Aha!“ denke ich. Uns war wohl kalt – so kam man sich unweigerlich näher.

Mein Gott, was war ich cool. Saucool. Blondes Gift, männervernichtendes Biest, Sharon Stone der Indiepop-Szene. Ich gebe es zu, irgendwie habe ich mich so gefühlt. Großspurig, sexy, nicht zu fein zur Arroganz, irgendwie überirdisch, unberührbar. Verboten. Dazu brauchte man nichts zu nehmen, außer einen Zug „Turn On The Bright Lights“ und einen Schuss „Antics“. Die Zigarettenglut, drück sie nicht aus, sie steht dir gut. Was eine Droge. Neo-Post-Punk mit magnetischer Anziehungskraft. Interpol ziehen in einen Sog aus aggressiv, kalter Erotik. Und siehe da, nach all den Jahren, „diese“ neue Single: „All The Rage Back Home“

Ich erwarte einen Sturm, bevor ich auf Play drücke. Doch die neue Single, die auch Opener des kommenden Albums „El Pintor“ sein wird, legt einen ohne Vorankündigung flach. Was für ein Tornado, und ich mitten drin in dessen Auge. Kansas war einmal. NYC Baby! Paul Banks meckert immer noch wie eine Ziege, was Gesang sein soll, aber ich mag das! Dieser treibende Bass, diese schimmernden, glänzenden Gitarren, diese Drums, sexy, irgendwie animalisch. Ein endlos freier Fall, ich will nicht aufprallen: „I keep falling, maybe half the time, I keep falling, maybe half the time, maybe half the time…yeah, it‘s all the rage back home…“

Interpol – All The Rage Back Home from mondiale on Vimeo.

Am 8. September 2014 erscheint das fünfte Studioalbum von Interpol: “El Pintor”. Bei der süchtig machenden Geschmacksprobe, rieche ich, dass dieses Album mich einfach umhauen und in einem Langzeitrausch versetzen wird. Die Tour wird sehnsüchtig erwartet.

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Wie eine dicke Spinne, die in der Großraumdiskothek ihre Netze gespannt hat, präsentiert sich die schwedische Popsängerin Nina Persson in ihrem neuen Video „Food For The Beast“. Es ist die zweite, absolut tanzbare, mid-tempo Single des aktuellen Albums „Animal Heart“. Versteckt im Halblicht von Videoprojektionen gefräßiger Münder (mit Goldzahn) und gieriger, weit aufgerissener Augen, wartet Nina auf ihre Beute: „All broken hearts baby bring them to me, fit them together they‘ll set themselves free…“ Mysteriöse Blitzlichter und Lichtreflektionen von Diskokugeln lassen Nina dabei unheimlich schön aussehen. Meisterliches Video von Tomas Melinder aus dem Malmöer Kreativbüro Top Dollar. Schaut selbst!

Nina Persson – “Food For The Beast” from stereogum on Vimeo.

Ich muss gestehen, dass ich bei zweiten Schauen des Videos unweigerlich an The Cures „Lullaby“ denken musste. Ich werde Robert Smith mal fragen, ob er Angst vor Nina hat.

The Cure – Lullaby from Nikha on Vimeo.

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Das singende schwedische Model Luna Green klingt interessanter als sie aussieht

Das Wochenende kann man sich schon mal mit ein paar schwedischen Köstlichkeiten versüßen. Den Song “Swedish Strawberries” des schwedischen Models Luna Green finde ich jedenfalls ganz süß.

Stimmlich und in Sachen Selbstinzinierung erinnert Luna Green mich an Lana Del Ray, steht ihr soweit jedoch in nichts nach. Ich bin gespannt auf ihr zweites Album “Swedish Strawberries”. Es soll acht Songs enthalten und erscheint am 7. Mai auf dem Label National in Schweden. Als Gitarrist, Komponist und Produzent wirkte Niclas Frisk (Atomic Swing, A Camp) bei einigen Tracks mit.

Schauen: Luna Green live im Obaren in Stockholm / der haareschüttelnde Verrückte an der Klampfe ist übrigens Niclas Frisk

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Ein geheinmisvoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson (Foto: www.josefinmirsch.com)

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Sei es Angst, Liebe oder der pure Drang zu überleben. Die Auferstehung nach einem Kampf. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils ihr erstes Soloalbum.

Für Ninas Stimme wurde auf „Animal Heart“ ordentlich viel Platz geschafft. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail, liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich mit einem Schmunzeln wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. Und dann denke ich beim Zuhören wieder, ach so viele können es doch nicht sein.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv, weil ich anstatt „Come be my man, baby bail with me…“ dazu tendiere „Baby, bang with me“ zu verstehen. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief ein in diesen besungenen Ozean, und mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft holen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist es ist durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na willste mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepopmusiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu A Camp gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass Sie es so richtig drauf hat und keinen Peter Svensson braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie anfing zu schreiben, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: Bedford & Bowery)

„Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tischchen bis zu den Vorhängen. Doch machmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben. „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“, völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu meinen Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Nein, Nina hat keine dicke Spinne auf dem Kopf, zum Glück nur einen Origami-Kranich - Nina Persson live im Heimathafen Berlin, Animal Heart Tour (Foto: Jana Legler für Rockzoom)

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle frei lebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurück ziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Ich sehe einen bengalischen Tiger, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“

Aber sollten wir uns nicht vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns herum, und manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einen die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller, kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in den Refrain mit einem knackigen Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: „Digestif“

Es gibt dunkle Biester, die lange an uns gezerrt und genagt haben. Biester aus der Vergangenheit, die wir lange ausdiskutiert haben, die wir endlich aussperren müssen und dann irgendwo ablegen, ganz bewußt, mit Leichtigkeit. Wie das Trinkgeld auf dem Tisch eines Cafés, an dessen Namen man sich morgen nicht mehr erinnern wird, geschweige denn daran, wo es ist. „Forgot To Tell You“ lässt uns, mit seinen hellen, perligen Gitarrenklängen, Platz nehmen auf einer großen Wiese. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen die schlechten, alten Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, Don’t know what, don’t know what…” Der folgende Track, “Catch me crying”, wird nicht geskippt, aber “Forgot To Tell You” gleich nochmal angehört.

Ein schönes Ritual: Dinge, die man zurück lassen möchte, einfach mit einem Ballon ziehen lassen.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein und ich hatte die charismatische Gitarre von The Smiths „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgange schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit. Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Goldenes Licht durchflutet auch die kleinste und verborgenste Zelle unseres Körpers. „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

Elfen-Style: So sieht es aus, Nina Perssons "Animal Heart" Cover

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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Manchmal müssen wir sie beleuchten - unsere dunkle, schöne Seite / Moto Boy 2014

Ich muss gestehen, dass ich von jeher einen ausgeprägten Hang zum Androgynen hatte. Es ist beunruhigend und verführerisch, fremdartig und einnehmend. Doch Moto Boy ist mehr als das: Er selbst wirkt wie ein scheues, doch schillerndes Fabelwesen aus Hopeland mit engelsgleicher Chorknabenstimme, die uns mit ungeahnten Klängen und Melodien  verzaubert, und dem Gesicht einer Venus. Moto Boy lädt uns auf seinem neuen Album “Keep Your Darkness Secret” ein, in sein dunkles Geheimnis, doch gibt er es nicht vollständig Preis. Wir müssen tief graben in seiner Dreampop-Welt aus Dramatik und Verletzlichkeit. Tief eintauchen in sein dunkles, schäumendes Meer aus Sphären und lockenden Sirenen.

In den letzten drei Jahren kehrte Moto Boy, alias Oskar Humlebo, seiner Heimat Schweden den Rücken zu. Die Städte Malmö, Göteborg und Stockholm hatte er vorerst satt und er zog ins, für die Schweden so hippe, Berlin. Dort mietete ein Zimmer, richtete ein Studio ein und suchte Inspiration. Erste Songs für das neue Album nahm er dort auf. Nur ergab es sich so, dass Humlebo im Sommer 2012 auf Tour war mit The Cardigans und eines Abends in Jakarta im Hotelzimmer saß, während besagtes Zimmer in Berlin, wegen des Nachbarn über ihm, der in der Badewanne eingeschlafen war und vergaß den Wasserhahn zu zu drehen, komplett überflutet wurde und sein sämtliches Hab und Gut sowie alle bisherigen Aufnahmen, wie vom Tsunami vernichtet wurden. (Quelle: Sydsvenskan) Alle Stücke mussten neu aufgearbeitet werden und wurden, nun, noch besser.

“Keep Your Darkness Secret” ist Moto Boys drittes Studioalbum und meiner Meinung nach auch sein bestes. Seine Songs klingen noch mutiger und außerirdischer. Dunkler. Nicht vielleicht auch deshalb, weil diese im Berliner Birthmark Studio aufgenommen wurden – im beeindruckenden, alten DDR-Funkhaus, einem gigantischen, architektonischen Hingucker, mit einer interessanten Geschichte. Produziert hat Moto Boy die Stücke zusammen mit dem österreichischen Produzenten Niko Stössl, der auch an Dave Gahans (Depeche Mode) Soloalbum als Gitarrist mitwirkte. Seine Idee war es auch in den Songs mehr und mehr von der klassischen Bassgitarre weg zu gehen, überflüssige Gitarrenspuren raus zu nehmen, um diese durch 70-er Jahre Yamaha Piano-Sounds zu ersetzen.

Der Opener des Albums, “Midnight Rain”, beginnt mit einem dramatischen, präpariert klingenden Klavier, das so bedrohend klingt, wie ich es bisher nur von Cranes’ “Forever” kannte. Die anfängliche Beklemmung durch das Klavier, löst sich jedoch in einem Refrain voller schmerzverzerrtem Sexappeal und einer gleichsam unendlichen Liebesgeschichte auf: “…nothing’s gonna change my love for you…you’re everything I wanted you to be, I wanted you to be, I wanted you to be…”

Der Albumtitel und das Titelstück “Keep Your Darkness Secret” ist an Depeche Mode angelehnt, doch soll er nicht so verzweifelt und jammerig wirken. Moto Boy meint: „Alle Menschen haben eine dunkle Seite. Doch nicht jeder kann sich den Luxus leisten, diese zu zeigen, wie eventuell Popstars, von denen man das sogar erwartet. Ein Lehrer zum Beispiel muss diese Seite geheim halten“ (Quelle: Sydsvenkan) Unsere strahlenden Profilbilder und Fotos auf Facebook und Instagram stehen dafür, wie sehr auch wir unsere dunkle Seite geheim halten. Wer postet schon Fotos, weinend, wütend, neidisch – in tiefer Verzweiflung, Trauer oder gar Hass. Ist es nicht auch so, dass wir uns dadurch angreifbar und verletzbar machen würden. Dieser perlige, himmlisch klingende Titelsong hält uns auf jeden Fall davon ab, unsere Geheimnisse leichtfertig preis zu geben.

Moto Boy klingt auf diesem Album so verbindlich wie nie, schafft eine unglaubliche Intimität. Eines der schönsten Stücke ist vielleicht „This Is Love“. Mehr als nur eine Ballade. „…this is all we can get, no memorse, no regret, this is love. breathe it out, breathe it in, it takes an end to begin, this is love…“ Ganz automatisch sieht man sich eng umschlungen, mit dem Menschen seines Herzens, wippend in einem romantischen Tanz, sich tief in Augen und Seele blickend. „A Dance Like We Used To“ schließt magisch an diesen Song an und erhält die sinnliche, prickelnde, beinahe erotische Zweisamkeit.

Schauen: die aktuelle, zweite Single “Too Young To Know”

Trotzdem fehlt das obligatorische, romantisch unschuldige Stück zum Popowackeln auf der Tanzfläche nicht. Zu dem sich die jungen Mädchen drehen können bis ihnen schwindelig wird, während sie von diesem schönen, gefühlvollen Moto Boy träumen: “Too Young To Know”. Dieser Song greift die aktuelle Welle des elektronischen Tanzpops in Schweden, mit dem auch die Band Kent Album für Album und Single für Single sicher fährt, aber auch den Dreampop Ende der Achtziger, wie wir ihn von Cocteau Twins kennen, voll auf. Grandioses Stück und aktuelle Single.

“Nothing Shatters Like A Heart” überrollt uns nahezu mit einer dramatischen Orgel und herrlichen weiblichen Chorgesängen, die an- und abschwellen, wie pazifische Wellen. Sie übermannen uns, machen uns wehrlos. Wir versinken. “It hits me like the dark…baby when you fall apart, fall into my arms…nothing shatters like a heart…” Völlig aufgelöst und willenlos überrascht Moto Boy uns am Ende des Albums noch mit einem opulenten Meisterstück: “It Was Always You” Sirrende Streicher, treibende Trommelwirbel, ekstatische Chorgesänge, ein wahrer musikalischer Orgasmus, der sich mit einem sanften Gitarrenakkord verabschiedet und uns völlig fertig einfach liegen lässt. Danke und Tschüss. Ich habe bekommen was ich wollte. Zum Glück kann ich nochmal auf Repeat drücken.

Geheimnisvoll - Cover des Albums "Keep Your Darkness Secret"

Fazit: Dieses Album ist wirklich außerordentlich liebevoll arrangiert. Streicher, Glöckchen, Sphären, beeindruckende Satzgesänge. Alles an den richtigen Stellen, ohne in die Pathosfalle zu tappen. Die reduzierten Gitarren, im Vergleich zu den Vorgängern “Moto Boy” und “Lost In The Call”, stehen Oskar Humlebo außerordentlich gut. “Keep Your Darkness Secret” beweist, dass es noch wahre musikalische Popkunst gibt. Seine dunkle Stimmung erinnert mich an Songs von This Mortal Coil, Cocteau Twins, Cranes und auch Slowdive. Was auch immer in Moto Boy gfahren ist, he was touched by the hand of god. Es freut mich sehr, dass ich am 8. Mai in Stockholm sein werde und Moto Boy ein Konzert im Södra Teatern gibt. In kleines Highlight im Kurzurlaub. Dann wird er sicher nur da stehen mit seiner Gitarre, wie ein Junge.

Moto Boys drittes Studioalbum “Keep Your Darkness Secret” erschien am 26. März auf dem schwedischen Label Songs I Wish I Had Written.

Schauen: Moto Boy mit der ersten Single “Someday” vom aktuellen Album. Am Schlagzeug seht ihr Bengt von The Cardigans/ Brothers Of End

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50 und kein Stück weniger Sexappeal - Dean Wareham

Dean Wareham musiziert jetzt ohne Britta – und was soll man sagen: Sein erstes Soloalbum ist eine Streicheleinheit und einfach herrlich lunaesque. Im Herbst letzten Jahres kündigte der Ex-Luna Frontmann dieses frühlingshafte Album bereits mit der EP “Emancipated Hearts” an. Ein Befreiungsschlag. Deans sensible, fragile Stimme, die immer noch einen glitzekleinen, charmanten neuseeländischen Akzent aushaucht, klang noch nie so befreit. Fast so als hätte man den Schleier einer Braut gelüftet, die gerade vom Altar geflohen ist. Reiß ihn vom Kopf, schmeiß ihn hoch in die Luft und schaue in den wolkenlosen, sonnigen Himmel und fühle das freie Hüpfen deines Herzens. Lass uns einfach durchbrennen!

Einfach alles zurück lassen – einen Moment lang, ein Album lang. Und dann nochmal auf Repeat. “The Dancer Disappears” – aber nicht von der Tanzfläche, sondern in eine andere Welt. Schon dieser erste Track enthüllt eine zauberhaft schöne Traumwelt, die ganz eigene Welt von Dean Wareham. “…There’s a dream, there is a dream that I’m to catch… I’m ready to leave this whole wide world behind…” Wie in Zuckerwatte gebettet, gleitet man in einem Ford Galaxy 500 durch die Milchstrasse, umgeben von glitzernden Synthesizer-Klängen. Und dieser holzige, klare Basslauf erst, was macht der mit mir?! Der ist wie das Schnurren einer Katze, einer sehr gemütlichen, freundlichen, groovigen Katze. Deans Frau Britta lässt hier ihre Wärme in die Seiten fließen.

The Dancer Disappears from Dean Wareham on Vimeo.

Wareham muss uns nicht davon überzeugen, dass er noch immer ein begnadeter Gitarrist ist. Aber er ruft es uns wieder ins Gedächtnis mit einem federleichten Gitarrensolo in “Beat The Devil”: Ein Song so leicht wie ein Wiegenlied. Rein und jungfräulich nahezu. Die Spiritualität eines Kindes und eines alten, weisen Mannes treffen in “Heartless People” gleichermaßen aufeinander, wahrhaft gesegnet. “But You, You and I, hate to see a flower die…”. Bemerkenswert ist auch Warehams Gitarrensolo in “I Can Only Give My All”. Dean selbst sagt, dass er sich in diesem Gitarrensolo vollkommen verloren hat.

Leichtigkeit weicht auf dem neuen Album nur selten bittersüßer Wehmut. Die ist so schnell vorbei, wie man einen Martini Dry ausgeschlürft hat. “Love Is Not A Roof Against The Rain” stimmt uns melancholisch und lässt uns über die Dinge im Leben nachdenken, die wir erreicht haben oder auch nicht.

Aufgenommen wurde die Platte in Kentucky, im Haus des Produzenten Jim James, Sänger und Songwriter von My Morning Jacket. James Input war wichtig für die Platte und dessen Sound. Er hat ein bisschen Magie in die Songs gestreut. In „Babes In The Woods“ spielt er die knirschende, verzerrte Gitarre, die klingt als würde ein Ungeheuer durch das Tiefste des Waldes stapfen und Frieden und Idylle zertreten. Ein willkommener Störenfried. Das Tamburin gibt dem Song zum Ende hin einen genialen Drive. „…Take care…Take care…Take care of the Babes in the Woods…“ singt Wareham in hoher Kopfstimme. Geht für mich auch echt in Endlosschleife – einer meiner neuen Lieblingssongs.

Seine Kopfstimme erinnert mich hier an die alten Zeiten von Galaxie 500. Und ich war von jeher ein Fan. Auch Luna habe ich später nicht weniger geliebt. Eine Neuauflage von Galaxie 500 bzw. Luna wird es jedoch nicht geben und ich bin heilfroh, dass Wareham nicht mit auf den Reunion-Zug aufspringt, wie Slowdive, My Bloody Valentine oder andere Dreampop-Bands. Dean sagt dazu: “Es wäre so, als würde man wieder mit einer Ex-Freundin aus der High School zusammen kommen, in diesem Fall mit Zweien”.

Es wird eine kleine Tour geben und Wareham wird unter anderem auf dem Indietracks Festival in Derbyshire Ende Juli spielen. Die Band probt schon fleißig. Seine Frau Britta Phillips wird am Bass mit auf Tour sein. Warehams Freund Roger Brogan wird die Drums spielen und Raymond Richards übernimmt die spacigen Keybordsounds. Richards tourte auch schon mit Hope Sandoval und Mojave 3 (ehemals Slowdive). Es werden auch die besten Stücke von Luna und Galaxie 500 auf den Konzerten nicht ungehört bleiben, was meine Freude nur steigen lässt.

Es ist spät, es war ein herrlicher Tag und es wird Zeit zum Einschlafen, um dabei noch einmal dieses bezaubernde Album zu hören. Dann streut dieser attraktive Dean Wareham mir mit all seinen Songs noch etwas Sternenstaub in die Augen und schickt mich ins Reich der Träume: “…There’s nothing wrong with the road we’re on… Happy and free for a while…Happy and free for a while…”

Dean Warehams erstes, selbstbetiteltes Soloalbum erschien am 11.März 2014 und ist als CD und auf Vinyl erhältlich (und natürlich digital).

So schaut sie aus die brandneue Scheibe von Dean Wareham

Lest auch gerne meinen Artikel über Luna: The Greatest Band You Never Heard Of. Dort erfahrt ihr einiges über Deans frühere Bands Luna und Galaxie 500 und deren Entstehung.

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Cover der neuen Single "La Belle Epoque" von Kent, die heute in Schweden veröffentlicht wird

Läuten Kent da etwa ein neues Zeitalter ein? - “La Belle Epoque” Oder wollen sie mit diesem bissigen Text ihrer neuen Single nur unsere egoistische Gesellschaft wachrütteln? Unsere kleine, heile Welt ein bisschen kaputt hauen, wie der kleine Junge die Sandburg im Sandkasten, die er seinem Spielkameraden nicht gönnt. Es ist erst ein paar Tage her, da habe ich mir gewünscht, dass Musiker weniger über Herzeleid und Liebesschmerz trällern würden, sich ein Stück von sich selbst entfernen, und ihr Augenmerk mehr nach Außen richten, auf unsere angeschlagene Welt, und das was in ihr geschieht.

Joakim Bergs Texte werden kränker und kränker, wie unsere Gesellschaft. Schon in der ersten Textzeile spielt Berg auf Nationalsozialismus an, der auch in Schweden Anhänger zu verzeichnen hat. “Jag är handen som håller flaggan” (Ich bin die Hand, die die Flagge hält) Auf Terrorismus, der überall lauert, sei er von Medien gemacht, Ideologien oder von Staatsapparaten, nichts mehr als ein Machtinstrument: “Jag är bomben på terminalerna i väskan som lämnats kvar” (Ich bin die Bombe in der Tasche, die im Terminal abgestellt wurde) Böse. Jaa, alles ist ganz nah und auch in dir?! So ein bisschen vielleicht?!

Ich hab da mal ins Textbuch von meinem Kumpel Jocke geschaut: Lyrics "La Belle Epoque"

Okay, Jocke Berg unterscheidet sich sich mit seinem Text nicht unbedingt von der Tagesschau oder Explosiv, oder anderem “Alles ist so schlecht TV”. Aber: Er prangert sich selbst an, uns alle, er zieht uns alle rein und packt uns beim Schlawittchen. In irgendeiner Textzeile aus Identifikationen vom Grausamsten finden wir uns wieder, und seien wir auch nur der misstrauische Nachbar oder mobben Kollegen am Arbeitsplatz. Wir verabscheuen diese Welt, in der wir leben. Hassen die Menschen, die in ihr leben. “Ich habe nichts gegen Menschen als solche, meine besten Freunde sind welche.” (Lieblingsblumfeldtextzeile, musste sein)

Dennoch klingt der Song optimistisch. Da ist eine Chance, wenn wir uns auf unser Menschsein besinnen. Alle zusammen. Der Chorus auf Jockes Gesang und die vielen über- und unterlegten zweiten Stimmen unterstützen das ganz eindeutig. Der Refrain klappt nach typischer Kent-Manier herrlich auf und strahlt. Ein Hoffnungsschimmer. Es gibt noch immer Schönes. Sonne, Frühling, Menschen, die wir lieben. Alle für alle. Doch sind wir letztendlich doch uns selbst am nächsten und verschwinden in der grauen Welt? Alle für Alle, Einer für Einen? “Alla för alla, en för en”

Bin gespannt was das Album uns bringen mag. Dieser Song ist zumindest einer der besseren, wenn ich die beiden letzten Alben “En plats i solen” und “Jäg är inte rädd för mörkret” in die meine Einschätzung einbeziehe. Kent haben mich enttäuscht in den letzten Jahren, haben Ihre Seele nach und nach verkauft. “Jag är staten & kapitalet” (Ich bin der Staat und das Kapital), singt Jocke in “La Belle Epoque”. Vielleicht hat er dies erkannt und holt sein Herz beim Holländermichel wieder ab – Mit irgendeinem Trick.

Hören und Text mitlesen:

Kents elftes Studioalbum erscheint am 30.April im Land der Schweden.

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Thomas Öberg sieht in Dein Welpenherz (Foto: Frida Nilson)

Gastbeitag von Laika

Eine Ode an den Tod? Bob Hund lassen uns Ihre zweite, neue Single aus keinem angekündigten Album da und seit nun gut vier Wochen wabert sie in meinem Hirn umher. Ich fahre auf meiner Vespa umher und singe leise dieses seltsame Ding, “Åh Döds” (hier auf Spotify zu finden) heißt dieses (ich setze es in Anführungszeichen) “Lied”. Und ich empfinde es als als Klagelied und als Befreiung. Und das hier ist keine Rezension. Es ist ein “Ja, ich weiß was Du meinst und danke, dass Du mir hilfst, das fühlen zu dürfen”. Und ein Tipp, sich diesem Lied einmal anzunehmen und es in sein Leben zu lassen. Mein Schwedisch ist ganz gut. Nie verstehe ich so alles von dem, was Thomas Öberg mir zusingt. Sein Klagen aber, das verstehe ich.

Ich war so froh, als ich Anfang Juli auf Bob Hunds Facebook-Seite las, dass eine neue Single zum Download verfügbar sei. Ich saß nachts allein in einem Hotelzimmer in New York und lud es mir direkt auf mein Smartphone runter, setzte meine Kopfhörer auf und legte mich aufs Bett. Das Fenster war geöffnet, es war schwül-heiß, draußen hupten andauernd Autos und Sirenen heulten. Ich war kaputt und müde, und ich hatte Heimweh. Dann drückte ich auf Play. Was da aus meinen Kopfhörern kam, das war etwas Besonderes. Etwas noch Besondereres, als ich es da in einer Julinacht von Bob Hund erwartet hatte.

“Oh Tod, höre meine Bitte, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen – wenigstens noch ein Jahr”. Peng – das saß. Der erste Satz hatte mich mitten ins Mark getroffen. “Du reißt das Bild aus dem Rahmen, Atem ausgepustet, Körper lahm, Hölle, blau und kalt. Nun bist Du der einzige, der den Schlüssel hat.” Thomas Öberg spricht ganz ruhig, behutsam, flüstert fast. Ein Chor singt “Oh Tod, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen?”, kaum Instrumente, nur Stimmen und ich mitten drin mit meinen Gedanken. Dann setzen das Schlagzeug und der Bass ein und du wirst reingezogen in die Welt, in die Trauer, Angst, Umsicht, Vertrautheit. Ja, Tod, bitte, was kann ich tun? Du bist überall. Du hast einfach so Menschen geholt, die ich liebe. Und hat es dich interessiert? Du hast den Schlüssel, aber, komm, ein Jahr noch! Was kostet es Dich? Das denke ich, während ich das höre und ich fange an zu weinen. Ich weine nicht oft und gewiss nicht viel. Und wenn es um den Verlust von geliebten Menschen geht, versuche ich es oft zu verdrängen. Aber Thomas, ich höre Dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und dieses in ein wunderschönes “Poplied” zu packen und das Thema Tod so klar und ohne Umschweife zu besingen, das ist mutig. Und neu für mein kleines Welpen-Indiepopperherz.

“Jung, alt, arm, reich alle müssen Deinem Rhythmus folgen. ob du es wagst die zu verschonen, die wir lieben? wenigstens noch ein Jahr?” Der Chor und Thomas und alle flehen und aus einem Flüstern wird ein Beben und die Instrumente werden lauter und vehementer und flehender und man will sich auf die Knie schmeißen und mitrufen. Ja Bitte, Tod, hör unser Flehen, verdammt nochmal höre unser verdammtes Flehen! Thomas schreit. Der Chor ruft. Dann ein tiefes Dröhnen, eine tiefe Stimme, die sich über das Flehen legt und ein Brechen der erschöpften Stimmen… bis alles in einem Zischen und einem Unbehagen endet, mit dämonisch klingenden Stimmen, die unverständliche Worte brabbeln und das Ende verheißen. Denn “Nun bist es nur noch Du, der den Schlüssel hat”.  und wenn alles Flehen nichts bringt, dann aber bitte “wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr”.

Dieses Werk endet nach 7 Minuten und 47 Sekunden. Ich liege da in meinem Hotelzimmer und fasse nicht, was ich erlebt habe. Ich habe geweint und mich über so Geniales gefreut. Es hat sich eine kleine Tür geöffnet, durch die ich luke, in mein Herz, das nach so vielen Jahren noch immer trauert und in alle trauernden Herzen da draußen. Und ich denke über Bob Hund nach, die mich seit 15 Jahren jetzt schon begleiten und gerade ihren Proberaum in Südschweden aufgelöst und alle Instrumente verkauft haben. Ich denke, ganz heimlich, “Tod, bitte verschone Bob Hund, wenigstens noch ein Jahr, sie dürfen mich nie verlassen. Nie.”

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Kitchens Of Distinction vor ca. 20 Jahren, v.l. Patrick Fitzgerald, Dan Goodman und Julian Swales

Mein Herz hüpft heute vor Glück. Soeben hat Patrick Fitzgerald (Stephen Hero) über facebook bekannt gegeben, dass das neue Kitchens of Distinction Album am 30. September über das Label 3 loop music erscheint. Ich konnte es die ganze Zeit kaum glauben, dass es wirklich – nach fast 20 Jahren Pause – eine neue Scheibe meiner Lieblings-ShoeGAYzer geben soll. Doch K.O.D. springen auf den Zug des Dreampop-Revivals mit auf und die Gewissheit darüber breitet sich nun wohlig in mir aus. Es gibt einen kleinen Clip von 30 Sekunden in denen K.O.D. einen ihrer neuen Songs präsentieren: “Extravagance”. Ihr könnt diesen auf 3 loop musics facebook Profil anhören, und was man hört, klingt angenehm vertraut. Der Song “Extravagance” handelt vom Leben und Tod von Marchesa Luisa Casati, eine Art italienische Modeikone aus den Goldenen Zwanzigern. Fotos von ihr und ihrer Ruhestätte sollen, laut Fitzgerald, auch das Artwork der neuen Platte bestimmen. Ich bin sooooo gespannt.

Anbei ein paar alte, unwiderstehliche, himmlische Tracks:

Schauen: “When in Heaven” vom Album “The Death Of Cool”

“The 3rd Time We Opened The Capsule” vom Debutalbum “Love is Hell”, 1989

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Der 39-jährige Håkan Hellström, live am 8. Juni in Göteborg (Foto: hakanfans/Instagram)

Das vergangene Wochenende in Göteborg glich eher einer Pilgerreise als einem Städtetrip. Sommerliche Temperaturen, strahlender Sonnenschein und das Event des Jahres liessen die Herzen der Göteborger und die, der uns Angereisten höher schlagen. Ich spreche nicht von Prinzessin Madeleines royaler Traumhochzeit, denn die Göteborger lieben ihren ganz eigenen Prinzen: Håkan Hellström.

Große Acts wie Bruce Springsteen oder Depeche Mode mögen die ausverkauften Göteborger Konzerthallen füllen, aber es ist unmöglich den Helden der Stadt zu toppen. Wohl auch im strömenden Regen hätten sich die 27.000 hingebungsvollen Fans am Samstag in der alten Arena im Slottsskogen versammelt. Ob junge Mädchen in Matrosenkostümen, die Håkan in den ersten Reihen mit verheulten Augen und verschmierter Wimperntusche anschmachten und sämtliche Texte ekstatisch, wie im Gebet mitsingen, oder ältere Damen, die mit ihren Ehemännern Hand in Hand auf den Rängen der Arena Platz nehmen und sich vertraut und glücklich anstrahlen: Der Håkan Hellström-Fan kennt kein Alter, kein Geschlecht und auch keine Landesgrenzen.

Junge Männer und Frauen stimmen sich schon in den knackig vollen Trams auf dem Weg in den Slottsskogen mit lauten Fangesängen ein (und ordentlich Alkohol, der in Schweden niemals fehlen darf) und geben dabei die ein oder andere Hellström-Hymne zum Besten. Fast wie junge, euphorische Pfadfinder auf dem Weg zum ersten großen Abenteuer. Beginnen sollte das Konzert um 20.00 Uhr. Dicht gedrängt stehen wir ungefähr 30 Meter von der Bühne entfernt und warten ungeduldig auf Håkan. Doch der Prinz nimmt sich Zeit. Nach 45 Minuten Wartezeit auf engstem Raum muss ich doch raus aus der Masse und wir ziehen uns zurück auf die Ränge. Wenig später entpuppt sich dies als weise Entscheidung.

Als Håkan ganz in schwarz gekleidet und mit Zylinderhut die Bühne betritt, flippen die Leute nahezu aus. Schon bei den ersten Takten des Openers „Det kommer aldrig va över för mig“ (Für mich wird es niemals vorbei sein) gehen die Fans, ausnahmslos, total ab. Sie hüpfen und klatschen im Takt mit und einige Jungs tanzen so aggressiv, dass man besser Abstand hält, um keinen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen oder gar einen Fuß. Hellström strotzt vor Kraft erobert sein Publikum im Sturm „…som en orkan kan jag svepa bort dig, jag tänker aldrig dö nej, det kommer aldrig va över för mig…“ (Wie ein Orkan kann ich dich wegfegen, ich denke, niemals sterben, nein, für mich wird es niemals vorbei sein).

Göteborg diente auch auf der Bühne als Kulisse. Im Hintergrund Sohn der Stadt Evert Taube auf der Parkbank (Foto: parabolfantast/Instagram)

Heimspiel für den Jungen aus der Stadt

Doch was macht diesen Göteborger Typen, der früher so gerne Matrosenanzüge trug und so ein herrlich verschmitztes Lächeln hat, so besonders und unwiderstehlich? Ganz einfach: Er ist ein Junge aus der Stadt, wie die Menschen, die vor ihm stehen. Man teilt die Straßen, die Sonne, und die Sehnsucht nach dem kurzen Sommer. Man kennt sich, die Gesichter der Häuser und die Geschichten der Menschen, die dahinter leben. Hellström hat die große Gabe sich in die Herzen seines Publikums zu singen und fühlt sich sichtlich wohl dabei. Ein jeder Göteborger kann sein Leben in seinen Texten wieder finden und sich mit Hellström verbrüdern. So viele sind mit seiner Musik groß geworden, verbinden ein halbes Leben damit. Nun können sie gemeinsam aus voller Brust aufsingen. Welch ein Gefühl von Freiheit in Verbundenheit.

Hellström weiß darum und begrüßt sein Publikum herzlich und aufrichtig mit „Kära vänner“ (Liebe Freunde) und „Gott folk“ (Liebe Leute). Er erzählt, dass er eine Woche lang gebangt und gebetet habe, dass das Wetter an diesem Abend mitspielt und die Sonne scheint. Man merkt, dass der Abend auch für ihn etwas Besonderes ist und dort nicht nur einfach das neue Album mit ein, zwei Zugaben runter gedudelt wird, (so wie es andere große schwedische Bands mitunter tun). Hellström schätzt jeden Blumenkranz, den die Mädchen ihm zuwerfen und jedes kleine Geschenk, das auf die Bühne fliegt.

Ein Rendezvous mit Evert Taube

Gleichermaßen schätzt er seine Band. Allesamt klasse Musiker – nicht nur auf den gängigen Instrumenten. Wir hören in „Klubbland“ eine grandiose Ska Trompete in „2 steg från paradise“ (zwei Schritte vom Paradis entfernt) eine zwitschernde Blockflöte. Herrlich rhythmische Congas geben den Songs einen Hauch Extra-Groove. (Der Trommler wird sich später noch als wahrer Künstler erweisen und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ auf seinen Zähnen spielen). Auch Evert Taube, wahrlich ein Göteborger Komponist aus dem letzten Jahrhundert, ist auf der Bühne mit dabei – wenn auch nur als Pappmaché-Figur auf einer Parkbank. Håkan braucht eine Weile ihm zu erklären, dass neue Zeiten angebrochen sind.

Als echte Rock‘n Roller entpuppen sich die Musiker bei „Jag vet inte vem jag är men jag vet att jag är din“ (Ich weiß nicht wer ich bin, aber ich weiß, dass ich dir gehöre). Songs des neuen Albums wie „Du kan gå din egen väg“ (Du kannst deinen eigenen Weg gehen) und „När lyktorna tänds“ (Wenn die Laternen angezündet werden) zünden dabei genauso gut wie die Klassiker „Shelley“ und „Klubbland“.

Håkan Hellström und Thomas Öberg performen Sci Fi Skåne (Foto: hakanfans/Instagram)

Håkan kriegt uns alle rum

Håkans Stimme ist außerordentlich facettenreich, stark, soulig, aber auch sinnlich und zerbrechlich. Er kriegt und hat uns an diesem Abend alle, doch bewußt wird uns das erst bei dem Song „Nu kan du få mig so lätt“ (nun kannst du mich so leicht kriegen). Meine erste Glücksträne habe ich in diesem Moment verdrückt. Hach, dieses Gefühl. Das Herz so offen und aufgeweicht. Der folgende Song „Du måste dö några gånger innan man kan leva“ (Du musst ein paar mal sterben, um zu leben) sticht da nochmal richtig rein.

Eigentlich hätte Håkan Hellström keinerlei Unterstützung gebraucht die Temperaturen noch mehr zu erhöhen, springt da nicht der maskierte Thomas Öberg von Bob Hund auf die Bühne. Wir können kaum fassen was wir dort sehen, brauchen einen Moment um zu kapieren, dass dort tatsächlich Hellström und Öberg gemeinsam „Jag har aldrig bott vid en landsväg“ singen. Bei dem Songs von Sci-Fi Skåne handelt es sich wiederum um eine schwedische Coverversion des Songs „Going up the Country“ von Canned Heat. Nun, wessen Idee dieser Auftritt auch immer war, sie ist grandios.

So richtig Fahrtwind auf, nimmt die Show mit den soulig, rockigen Nummern ”Gårdakvarnar och skit” (irgendwas und Scheiße), ”Dom där jag kommer från” (von wo ich komme) und „Kom igen Lena!“ (Komm wieder Lena!). „Ramlar“ (Stürzen) – eine gute Portion verrückter Rock und gerade das elektronische „Pistol“ (Pistole) bilden vorerst den Abschluss den Konzertes. Nach dem sich der rote Vorhang schließt und das eigentliche Konzert beendet, ist es an der Zeit sentimental zu werden.

Auch mich hat Håkan an diesem Abend rumgekriegt. (Foto: laika_alfonsdottir/Instagram)

Dem Morgengrauen entgegen

Für die Zugabe wird die neue Ballade „Valborg“ (Walpurgisnacht) ausgepackt, die wie ein uraltes, schwedisches Volkslied klingt. Ganz zurecht kann man sich dabei vorstellen, an einem Lagerfeuer zu sitzen und sich hals über Kopf und leichtsinnig zu verlieben. Alle singen im Chor mit Håkan „…Ja, jag är din om du vill ha en idiot, lägg din hand i min, lägg din hand i min…“ (Ich bin dein, wenn du einen Idioten willst, leg deine Hand in meine).

Dann werden endlich die beiden großen Hits gespielt: „Känn ingen sorg för mig Göteborg“ (Sorge dich nicht um mich Göteborg), das Lied der Göteborger schlechthin, und „En Mittsommernattsdröm“ (Ein Mittsommernachtstraum). Welch eine Stimmung! Die Leute liegen sich zuhauf in den Armen, man ist tief gerührt und schon fast traurig, dass dieses Volksfest alsbald zu Ende gehen wird. „Du är snart där“ (Bald bist du da) ist der letzte Song an diesem Abend. In Göteborg geht die Sonne unter und der Abend wird mit einem gigantischen Feuerwerk gekrönt. Auf den großen Monitoren neben der Bühne laufen Bilder aus dem Stummfilm „Moderne Zeiten“. Charlie Chaplin und Paulette Goddard laufen Hand in Hand auf einer langen, einsamen Strasse dem Morgengrauen entgegen. The End.

Nun fahre ich wieder durch die Strassen Berlins, meine Kopfhörer auf den Ohren und höre das aktuelle Album „Det kommer aldrig va över för mig“. Dieser neue, wilde Hellström hat mir ganz schön den Kopf verdreht und imponiert mir wesentlich mehr als der Junge im Matrosenanzug. Ich träume mich in das Konzert hinein. Versuche diese Momente unvergesslich zu machen. Schreibe diesen Artikel, den ich in ein paar Jahren noch einmal lesen kann. Dann bin ich wieder da.

Lauschen: Tausende von Menschen singen mit Håkan Hellström - “Pistol” vom aktuellen Album Det kommer aldrig va över för mig”

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.