Stars “The Five Ghosts”

Wenn es eine Band gibt, die meine Erwartungshaltung an ein neues Album nicht enttäuscht, dann ist es die kanadische Band Stars − glaubte ich. Von Geisterhand geschrieben ist es nicht, das fünfte Studioalbum „The Five Ghosts“. Es erschien bereits im Sommer, doch entfaltet es seine eigentliche Schönheit und seinen Tiefsinn erst jetzt − zur Winter-Weihnachtszeit. Eine Zeit in der man empfänglicher scheint für lieblich anmutende Klänge.

Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt so ein melodramatisches, feierlich klingendes Album wie “The Five Ghosts” in der heißen Jahreszeit zu veröffentlichen. Der Hörer hat in sommerlicher Hitze keine Lust auf Schwere, keine Lust auf Botschaften aus dem Jenseits und schon gar nicht darauf Séancen abzuhalten. Doch in winterlicher Idylle öffnen sich die Herzen − und vielleicht auch spirituelle Kanäle?

Schon der Opener “Dead Hearts” imponiert mit seiner Schlichtheit und doch bitterlichen Süße. Ein Frage-Antwort-Spiel bestimmt die Strophe. Kaum ein anderer Boy-Girl Gesang hat so viel natürlichen, fast naiven Charme wie jener von Amy Millan und Torquil Campbell. “It’s hard to know they’re out there…dead hearts are everywhere” − wenn man genau hinschaut sieht man sie, die toten Herzen. Sie begegnen uns jeden Tag in den Straßen und Läden. Der emotionale Ausverkauf hat begonnen und findet zum Jahresende seinen Höhepunkt.

Hochgefühle erzeugt wiederum der engelsgleiche Gesang von Amy Millan. Man muss diese mädchenhaft leichte Stimme einfach lieben, wenn sie wie ein Heiligenschein auf dem elektronischen 80er Jahre Diskosound liegt. Nie zuvor hat sich das Quintett aus Toronto so sehr von den 80ern inspirieren lassen.”Wasted Daylight” und “We Don’t Want Your Body” sind wahre Tanzstücke.

“Fixed” ist vielleicht der gelungenste Popsong des Albums. Nicht umsonst war es die erste ausgekoppelte Single und demzufolge vielversprechend. Zu vielversprechend, denn die Dynamik und Frische des Songs kann durch die übrigen Stücke des Albums nicht getoppt werden. Dennoch gibt es einige wundervolle Balladen. Für diese hochemotionalen, jedoch bescheiden wirkenden Momente werden Stars geliebt. Für das schwelgerische „Changes“ möchte man Amy Millan direkt zu Füßen fallen. Wie die Heilige Jungfrau Maria strahlt ihr Gesang voller Klarheit und ist doch zuckersüß wie ein kandierter Apfel.

Wie eine winterliche, sternenklare Nacht verzaubert „Winter Bones“. Weltschmerzlerisch singt Amy Millan „can I come to your house?, I’m caught in the ropes and the wires, the sun settles hard in the south, winter lives in my bones, it’s all I’ve ever known“.

Trotz all des wunderlichen Ohrenglitzerns gelingt es Stars mit „The Five Ghosts“ nicht in neue Sphären und Tiefen vorzustoßen. Es fehlt die absolute emotionale Entladung, wie man sie von „Set Yourself On fire“ und „In Our Bedroom After The War“ kennt. Aber es ist mein Winteralbum und die perfekte akustische Ergänzung für das Schneetreiben dort draußen. Und vielleicht gibt es morgen Abend, am heiligen Abend eine kühle, frische, klare Nacht voller Stars.

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Die Band

Seit langen zählen Stars aus Toronto zu den Geheimtipps der kanadischen Musikszene. Gegründet hat sich das Quintett vor zehn Jahren in Montreal, dabei bestand von je her eine enge Verbindung zur Band Broken Social Scene, bei der alle fünf Sterne auch Mitglieder sind und mit denen sie einst das Label Arts & Crafts teilten. Die beiden Frontleute Amy Millan und Torquil Campbell arbeiten auch jeweils an einer Solokarriere. Amy Millan veröffentlichte im letzten Jahr ihr bereits zweites Soloalbum „Masters Of The Burial“. Vocalist Torquil Campbell ist bisher mit seinem Nebenprojekt Dead Child Star weniger erfolgreich. Ihr meist gelobtes Album ist „Set Yourself On Fire“ aus dem Jahre 2004.

Hörproben:

mp3: Stars – Winter Bones
mp3: Stars – Changes
mp3: Amy Millan – Towers

winterlich ❄

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Die englische Sängerin Lou Rhodes, die bessere Hälfte des Manchester Trip-Hop-Duos Lamb, gab kürzlich über Facebook bekannt, dass sie mit dem Bandkollegen Andy Barlow an einem neuen Album arbeite. Da geht mir doch just zu Weihnachten das Herz auf. Hieß es doch 2004 die beiden müssen wegen zu vieler Differenzen und kreativer Spannungen eine „künstlerische Pause“ einlegen.

Auch privat war 2004 für Lou Rhodes eine Zeit des Umbruchs. Nach der Trennung von ihrem Ehemann verlässt die heute 46-jährige die Heimat Manchester und zieht mit den beiden Söhnen zunächst mit einem Wohnmobil durch Großbritannien. In der Kommune „Ridge Farm“ in der englischen Grafschaft Surrey, in der Nähe von London, finden die Drei ein neues Zuhause. Heute leben sie auf einem Anwesen in Wiltshire. Abseits vom Großstadttrubel findet sich Ruhe. Körper und Geist können entschleunigen, sich selbst neu erfahren. Lou Rhodes kann tief in sich selbst eindringen – jede Zelle des Körpers mit Spiritualität tränken.

Geerdet und besinnlich klingt fortan auch Lou Rhodes’ Musik. 2006 gründet sie ihr eigenes Label „Infinite Bloom“, verfeinert ihr Gitarrenspiel, komponiert neue Songs und singt beeindruckender als jemals zuvor. Dabei tritt sie mit einer jugendlichen Frische und  Natürlichkeit auf, die ihr verdammt gut steht und ihr fast etwas Überirdisches verleiht.

Wenn Lou Rhodes die Bühne betritt, braucht sie keinen modischen Fummel wie Robyn, kein Gala Make-up und Federschmuck im Haar wie etwa Nina Persson, keine dramatischen, affektierten Gesten. Sie braucht nur einen Stuhl, ihre Gitarre und den direkten Draht zu etwas, das wir vielleicht nicht begreifen können.

Am 6.Mai dieses Jahres sah ich Lou Rhodes zum zweiten mal live. Ein bestuhltes Konzert im Lido in Berlin. Sie strahlt etwas Magisches aus, wenn sie dort sitzt, in sich versunken die Gitarre zupft und eine Stimme aus ihrer Kehle strömt, die Eisberge schmelzen lässt und mir einen heißkalten Schauer über den ganzen Körper jagt. Ein süßer Schmerz breitet sich in der Brust aus und nimmt so viel Platz ein, dass es mir fast die Luft zum Atmen raubt.

Sie stellte ihr bereits drittes Soloalbum „One Good Thing“ vor und spielte auch hauptsächlich Songs von diesem. „One Good Thing“ – vielleicht sogar die beste Sache in diesem Jahr. So ein Album voller Schmerz, und doch voller Kraft und Zuversicht. Denn durch den plötzlichen Tod ihrer Schwester Janey gab es für Lou Rhodes viel Schmerz und Trauer zu bewältigen in den vergangenen Jahren.

Aufrichtig klang Lou Rhodes stets auf ihren Soloalben. Eine Aufrichtigkeit die dem Gesang bei Lamb fehlte, jedoch schindete jener nicht weniger Eindruck. Bei Lamb‘s Trip Hop standen Rhythmik und Sound definitiv im Vordergrund. Lou Rhodes Gesang setzte den Tracks lediglich die Krone auf und sorgte für den nötigen Gänsehaut-Effekt. Wir werden sehen inwiefern Lou Rhodes Solokarriere als Folkmusikerin Einfluss auf die neuen Songs von Lamb hat. Das neue, fünfte Werk wird übrigens “5″ heißen. Ich freue mich drauf. Ich freue mich auf das kommende Frühjahr – denn dann gibt es ganz sicher das neue Album von Lamb. Am 5.Mai.

Diskografie

Lamb

  • Lamb (1996, Fontana Records)
  • Fear Of Fours (1999, Polygram Records)
  • What Sound (2001, Mercury Records)
  • Between Darkness And Wonder (2003, Mercury Records)

Lou Rhodes

  • Beloved One (2006, Fullfill)
  • Bloom (2008, A&G Records)
  • One Good Thing (2010, Motion Audio)

Neue Songs von Lamb könnt ihr auf deren Myspacepage hören:
www.myspace.com/lambofficial

Hier könnt ihr genaues über Lou Rhodes Beweggründe zum neuen Album lesen und es auch vorbestellen:
lambofficial.com/home

mp3: Lou Rhodes – Janey
mp3: Lou Rhodes – There For The Taking
mp3: Lamb – Gorecki

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.