Die neue Scheibe von Interpol: "El Pintor"

Anfang der 2000er Jahre schossen gitarrenlastige Neo Post-Punk Bands in New York City wie Pilze aus dem Boden. Eine der erfolgreichsten und charismatischsten unter ihnen ist Interpol. Ihr eigenwilliger Sound erinnerte nur anfänglich an die nordenglische New Wave Formation Joy Divison, ist in der gut fünfzehnjährigen Schaffenszeit jedoch zu etwas unverwechselbar Coolem avanciert. Das neue, fünfte Studioalbum „El Pintor”, ein Anagramm zu Interpol, hört sich an, wie am Polarkreis aufgenommen, malt eisige und zugleich feurige Landschaften. Paul Banks Stimme klirrt frostig, als hätte ihn seine Muse, die Schneekönigin, jüngst geküsst – einen Dolch aus Eis ins Herz gerammt.

„El Pintor“ auf den MP3-Player gepackt, laufe ich beim ersten Hören des Albums durch die polnische Ostseestadt Danzig. Über den treibenden, süchtig machenden Eröffnungstrack „All The Rage Back Home“ habe ich mich neulich schon ausgiebig ausgelassen, daher starte gleich mit Track 2: „My Desire“. Dieser beginnt mit einer scharfen, bohrenden Gitarre, die sich in die Gehörgänge fräst. Sie erinnert mich unweigerlich an eine orientalische, üppige Tänzerin, die im Takt geschmeidig ihre Hüften bewegt, Begierden weckt. „In my desire, I‘m a frustrated man…“, singt Paul Banks jammerig, meckert vertraut, wie eine Bergziege, die es nicht schafft auf den nächsten Fels zu springen. „Gott, kann ich ihn erlösen!“, denke ich. Der blubbernde Bass rollt, wie die kleinen Wellen, den Fluss hinab, bringt mich vorbei an alten, zerfallenen Speichern und Fabriken, in Fließrichtung gen Meer. Die Stadt lichtet sich. Im Refrain kämpft Banks Gesang gegen scharfen, eisig schneidenden Wind an, bald erschöpft, als würde er, wie einst Roald Amundsen, auf dem Weg zum Südpol sein.

Danzig/ Gdansk Polen (Foto: Kevlarseele/Instagram)

Der nächste Track „Anywhere“ geht so richtig ab. Daniel Kesslers Gitarre überrascht uns mit einer erstaunlich frischen Hookline, führt uns in eine poppige Strophe, die zum Tanzen einlädt. Der Refrain ist jedoch nichts für Zartbesaitete. Hier entblösst sich unbeherrscht die widersprüchliche Gier nach Freiheit und Besitz. „The Ocean, I could go anywhere, I could go anywhere, so free, it‘s my nature to want, I could go anywhere…“ Sam Fogarinos straff gespieltes Schlagzeug peitscht einen fast brutal durch den Rest des Liedes, fordernd, aber auf ästhetischste Weise, mit ganz wundervollen Wirbeln. Schon hier verlangt das Album nach der Geschwindigkeit und Anonymität einer Metropole und ich wünschte, ich würde die Madison Avenue entlang laufen. Schnell, im Takt dieser bis ins Mark erschütternden Snaredrum, will ich mich beeindrucken lassen. Die gleiche Stadt, eine neue Geschichte.

„Same Town, New Story“ hätte auch gut als Opener des Albums funktioniert, nimmt uns sofort mit auf eine imaginäre Reise. Als Start für eines der kommenden Interpol-Konzerte sollte es aber seinen Platz ganz vorn finden. Alle einzelnen Signale sind klar und für sich wahrzunehmen. Banks prägnanter Gesang, die einzelne, blinkende E-Gitarre, der pochende Bass, der mich warm umschließt, das schwere Schlagzeug. Ein Geschenk für den Regelschieber am Mischpult. Interpols Texte konnte ich nie in ihrer Gesamtheit begreifen. Doch mag ich es, wenn Banks Geschichten über Männer und Frauen erzählt und die Abgründe, in die sie sich begeben. „How many bones were lost? he just had to play his hand, what is a womans duty? she was always tougher than… she said: Who‘s gonna save that from you? who‘s gonna save that from you?“, ruft Banks klagend. Schon läuft ein eiskalter Schauer über meinen Rücken. Während des innehaltenden C-Teils haben “El Pintor” und ich unsere erste erotische Begegnung. Er pulsiert warm und klar, schärft das Bewusstsein in einem Moment der Innigkeit für das, was man will….“and then she’ll sulk slowly…”

„My Blue Supreme“ ist ja wohl der genialste Song den Interpol jemals geschrieben haben, meiner Meinung nach ihr Meisterstück. Er ist knackig mit knapp drei Minuten, folgt keiner klassischen Songstruktur. Die Stimmungen wechseln rasch. Oft sind es Fragmente, die etwas in mir berühren, eine Brücke ins eigene Leben schlagen. Hier ist es in der Tat die Brigde, die mir kleine Nadeln ins Herz sticht: „When love comes, honey, take it, only one in a hundred make it, we fake until there‘s nothing to fake… When love comes, honey, show it, so many of us growling, this kind of shit don‘t heal in a week…“ Wie heilsam wirkt da der Refrain, der so breit wie das blaue Himmelszelt über allem steht, hineinstrahlt ins Herz, trotz all der melodischen Melancholie. Wird Paul Banks heller Kopfstimmengesang in der Strophe noch durch die zischende Hi-Hat zerhackt, reißt sein eindringlicher Gesang den Refrain gewaltsam auf, wird unterstützt durch den Chor der Boys in Anzügen: „Cruising in my blue supreme, cruising in my blue supreme, is someone there I‘m dying to be, nothing ever comes for free, cruising in my blue supreme…“ Ja! Man kann sich ruhig eine Weile baden in diesen romantisch traurigen Gitarrensphären.

Folgen einem strikten Dresscode: Interpol v.l. Daniel Kessler, Sam Fogarino und Paul Banks.

Dann kommt die Diskopop-Nummer schlechthin, ich will tanzen! Mein Herz freut sich. Oh ja! „Everything Is Wrong“? – nicht an diesem Track. Dieser groovige Basslauf ist einfach Wahnsinn, versetzt den Körper in magische Schwingung. Wer greift jetzt eigentlich für Carlos D. in die dicken vier Seiten? Ich vermisse ihn zumindest bei diesem Floorfiller kein bisschen. Und erst diese schimmernde Gitarre. Sie glitzert als würden kleine Eiskristalle den Sonnenstrahl reflektieren. Brilliant, und sexy. Das darf man nicht unterschlagen. Diesen Refrain kann man bis zur Ekstase hören: „Everything is wrong, wrong, everything is wrong, all we have is time, but my heart is going wrong…“

„Breaker 1“ ist das geheimnisvollste Stück des Albums. Es wirkt meditativ, fast beschwörerisch. „Come back, come back, I‘m the warning, come back, come back, breaker one“ – wie psychedelisch. Grandioserweise gibt es sogar einen Hauch Shoegaze auf „El Pintor“. „Ancient Ways“ hat genau mein Tempo. Das schnelle Raveschlagzeug erinnert an Nummern von Ride, Kitchens Of Distiction und Curve. Da schlägt auch mein Herz gleich wieder so, wie es soll: Schneller, stolpert, bekommt Rhythmusstörungen. Die schrammeligen, lauten Gitarren imponieren mir. Hier hört man ganz deutlich, dass Alan Moulder gezaubert hat. Die Richtung, die Interpol hier einschlagen, gefällt mir ausgesprochen gut. „Uuuuhuuuh, fuck the ancient ways!“

Jeder Song eine absolute Granate, spricht ausgerechnet der letzte Track des Albums „Twice As Hard“ mich so gar nicht an und ist, nun ja, hart zu nehmen. Er hat eine Schwere und Dramatik, die mich nicht berührt, wirkt viel zu getragen und aufgeblasen. Er fängt sogar nach zwei Minuten, extrem an zu nerven. Es ist nicht so, dass ich ihm keine Chance gegeben habe. Ich muss sogar feststellen – es waren zu viele. Das malerische „Tidal Wave“ wäre ein gelungener Abschluss gewesen. Es bringt endlich die langersehnte Erschöpfung. Man sitzt am Meeresrand, schaut auf den Horizont, beobachtet, wie die Gischt des Meeres näher und näher kommt, die steigende Flut uns überschwemmt, mitreißt in die Unendlichkeit. Aber es hindert mich ja nichts daran, an dieser Stelle auf Stop zu drücken – außer mein Rausch.

Schauen: Interpol sprechen über die Entstehung von “El Pintor”

Fazit: Interpols Musik hat von je her eine hohe erotische Ausstrahlung auf mich gehabt. Auch wenn die Songs wenig Sanftes, Zärtliches, nichts Weibliches besitzen, konnte und kann ich meinen Reiz in all dem Testosteronüberschuss finden. „El Pintor“ besitzt ein sexuelles Feuer, dessen Strahlkraft an Unbeschreiblichkeit grenzt und mir restlos den Kopf verdreht, mich in den erwarteten Langzeitrausch versetzt. Diese fantasievollen, üppigen Gitarrenklänge, gepaart mit einer hohen Dynamik – sei es Banks Gesang oder die unerschöpflich gespielten Drums – wirken wie ein Kraftspender in Zeiten des Umbruchs, wecken Bewegungsbereitschaft und sei es nur „for a night out“, um so richtig einen drauf zu machen. Die Bassläufe sind, trotz des Ausstiegs von Carlos D., energetisch und homogen – wärmen von innen. Es brodelt Lava unter all dem Eis. Ehrlich gesagt, ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass „El Pintor“ wirklich so gut ist. Kann sein, dass Interpol hier sogar ihren Zenit erreichen. Ich spüre es fast. Genialer kann ein Album nicht sein. Dank sei auch Alan Moulder, meinem Lieblingsklangkünstler und Ehemann von Toni Halliday (Curve), der all den Tracks einen so herrlich unwirklichen Sound verleiht. Ich kann mich nur noch restlos auf das Konzert am 4. Februar in Berlin freuen. Bald, bald!

Schauen: Interpol – Anywhere ( live at Glastenbury 2014)

“El Pintor” erschien am 5. September 2014 auf dem Label Soft Limit. Aufgenommen wurden die Songs in den Electric Lady Studios sowie im Atomic Sound in NYC. Geschrieben und produziert wurde das Album von Interpol. Gemixt hat Alan Moulder.

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Ein geheinmisvoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson (Foto: www.josefinmirsch.com)

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Sei es Angst, Liebe oder der pure Drang zu überleben. Die Auferstehung nach einem Kampf. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils ihr erstes Soloalbum.

Für Ninas Stimme wurde auf „Animal Heart“ ordentlich viel Platz geschafft. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail, liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich mit einem Schmunzeln wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. Und dann denke ich beim Zuhören wieder, ach so viele können es doch nicht sein.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv, weil ich anstatt „Come be my man, baby bail with me…“ dazu tendiere „Baby, bang with me“ zu verstehen. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief ein in diesen besungenen Ozean, und mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft holen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist es ist durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na willste mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepopmusiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu A Camp gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass sie es so richtig drauf hat und keinen Peter Svensson braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie anfing zu schreiben, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: Bedford & Bowery)

„Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tischchen bis zu den Vorhängen. Doch machmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben. „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“, völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu meinen Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Nein, Nina hat keine dicke Spinne auf dem Kopf, zum Glück nur einen Origami-Kranich - Nina Persson live im Heimathafen Berlin, Animal Heart Tour (Foto: Jana Legler für Rockzoom)

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle frei lebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurück ziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Ich sehe einen bengalischen Tiger, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“

Aber sollten wir uns nicht vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns herum, und manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einen die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller, kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in den Refrain mit einem knackigen Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: „Digestif“

Es gibt dunkle Biester, die lange an uns gezerrt und genagt haben. Biester aus der Vergangenheit, die wir lange ausdiskutiert haben, die wir endlich aussperren müssen und dann irgendwo ablegen, ganz bewußt, mit Leichtigkeit. Wie das Trinkgeld auf dem Tisch eines Cafés, an dessen Namen man sich morgen nicht mehr erinnern wird, geschweige denn daran, wo es ist. „Forgot To Tell You“ lässt uns, mit seinen hellen, perligen Gitarrenklängen, Platz nehmen auf einer großen Wiese. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen die schlechten, alten Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, Don’t know what, don’t know what…” Der folgende Track, “Catch me crying”, wird nicht geskippt, aber “Forgot To Tell You” gleich nochmal angehört.

Ein schönes Ritual: Dinge, die man zurück lassen möchte, einfach mit einem Ballon ziehen lassen.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein und ich hatte die charismatische Gitarre von The Smiths „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgange schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit. Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Goldenes Licht durchflutet auch die kleinste und verborgenste Zelle unseres Körpers. „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

Elfen-Style: So sieht es aus, Nina Perssons "Animal Heart" Cover

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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Manchmal müssen wir sie beleuchten - unsere dunkle, schöne Seite / Moto Boy 2014

Ich muss gestehen, dass ich von jeher einen ausgeprägten Hang zum Androgynen hatte. Es ist beunruhigend und verführerisch, fremdartig und einnehmend. Doch Moto Boy ist mehr als das: Er selbst wirkt wie ein scheues, doch schillerndes Fabelwesen aus Hopeland mit engelsgleicher Chorknabenstimme, die uns mit ungeahnten Klängen und Melodien  verzaubert, und dem Gesicht einer Venus. Moto Boy lädt uns auf seinem neuen Album “Keep Your Darkness Secret” ein, in sein dunkles Geheimnis, doch gibt er es nicht vollständig Preis. Wir müssen tief graben in seiner Dreampop-Welt aus Dramatik und Verletzlichkeit. Tief eintauchen in sein dunkles, schäumendes Meer aus Sphären und lockenden Sirenen.

In den letzten drei Jahren kehrte Moto Boy, alias Oskar Humlebo, seiner Heimat Schweden den Rücken zu. Die Städte Malmö, Göteborg und Stockholm hatte er vorerst satt und er zog ins, für die Schweden so hippe, Berlin. Dort mietete ein Zimmer, richtete ein Studio ein und suchte Inspiration. Erste Songs für das neue Album nahm er dort auf. Nur ergab es sich so, dass Humlebo im Sommer 2012 auf Tour war mit The Cardigans und eines Abends in Jakarta im Hotelzimmer saß, während besagtes Zimmer in Berlin, wegen des Nachbarn über ihm, der in der Badewanne eingeschlafen war und vergaß den Wasserhahn zu zu drehen, komplett überflutet wurde und sein sämtliches Hab und Gut sowie alle bisherigen Aufnahmen, wie vom Tsunami vernichtet wurden. Alle Stücke mussten neu aufgearbeitet werden und wurden, nun, noch besser.

“Keep Your Darkness Secret” ist Moto Boys drittes Studioalbum und meiner Meinung nach auch sein bestes. Seine Songs klingen noch mutiger und außerirdischer. Dunkler. Nicht vielleicht auch deshalb, weil diese im Berliner Birthmark Studio aufgenommen wurden – im beeindruckenden, alten DDR-Funkhaus, einem gigantischen, architektonischen Hingucker, mit einer interessanten Geschichte. Produziert hat Moto Boy die Stücke zusammen mit dem österreichischen Produzenten Niko Stössl, der auch an Dave Gahans (Depeche Mode) Soloalbum als Gitarrist mitwirkte. Seine Idee war es auch in den Songs mehr und mehr von der klassischen Bassgitarre weg zu gehen, überflüssige Gitarrenspuren raus zu nehmen, um diese durch 70-er Jahre Yamaha Piano-Sounds zu ersetzen.

Der Opener des Albums, “Midnight Rain”, beginnt mit einem dramatischen, präpariert klingenden Klavier, das so bedrohend klingt, wie ich es bisher nur von Cranes’ “Forever” kannte. Die anfängliche Beklemmung durch das Klavier, löst sich jedoch in einem Refrain voller schmerzverzerrtem Sexappeal und einer gleichsam unendlichen Liebesgeschichte auf: “…nothing’s gonna change my love for you…you’re everything I wanted you to be, I wanted you to be, I wanted you to be…”

Der Albumtitel und das Titelstück “Keep Your Darkness Secret” ist an Depeche Mode angelehnt, doch soll er nicht so verzweifelt und jammerig wirken. Oskar meint: „Alle Menschen haben eine dunkle Seite. Doch nicht jeder kann sich den Luxus leisten, diese zu zeigen, wie eventuell Popstars, von denen man das sogar erwartet. Ein Lehrer zum Beispiel muss diese Seite geheim halten“. Unsere strahlenden Profilbilder und Fotos auf Facebook und Instagram stehen dafür, wie sehr auch wir unsere dunkle Seite geheim halten. Wer postet schon Fotos, weinend, wütend, neidisch – in tiefer Verzweiflung, Trauer oder gar Hass. Ist es nicht auch so, dass wir uns dadurch angreifbar und verletzbar machen würden. Dieser perlige, himmlisch klingende Titelsong hält uns auf jeden Fall davon ab, unsere Geheimnisse leichtfertig preis zu geben.

Moto Boy klingt auf diesem Album so verbindlich wie nie, schafft eine unglaubliche Intimität. Eines der schönsten Stücke ist vielleicht „This Is Love“. Mehr als nur eine Ballade. „…this is all we can get, no memorse, no regret, this is love. breathe it out, breathe it in, it takes an end to begin, this is love…“ Ganz automatisch sieht man sich eng umschlungen, mit dem Menschen seines Herzens, wippend in einem romantischen Tanz, sich tief in Augen und Seele blickend. „A Dance Like We Used To“ schließt magisch an diesen Song an und erhält die sinnliche, prickelnde, ja erotische Zweisamkeit.

Schauen: die aktuelle, zweite Single “Too Young To Know”

Trotzdem fehlt das obligatorische, romantisch unschuldige Stück zum Popowackeln auf der Tanzfläche nicht. Zu dem sich die jungen Mädchen drehen können bis ihnen schwindelig wird, während sie von diesem schönen, gefühlvollen Moto Boy träumen: “Too Young To Know”. Dieser Song greift die aktuelle Welle des elektronischen Tanzpops in Schweden, mit dem auch die Band Kent Album für Album und Single für Single sicher fährt, aber auch den Dreampop Ende der Achtziger, wie wir ihn von Cocteau Twins kennen, voll auf. Grandioses Stück und aktuelle Single.

“Nothing Shatters Like A Heart” überrollt uns nahezu mit einer dramatischen Orgel und herrlichen weiblichen Chorgesängen, die an- und abschwellen, wie pazifische Wellen. Sie übermannen uns, machen uns wehrlos. Wir versinken. “It hits me like the dark…baby when you fall apart, fall into my arms…nothing shatters like a heart…” Völlig aufgelöst und willenlos überrascht Moto Boy uns am Ende des Albums noch mit einem opulenten Meisterstück: “It Was Always You” Sirrende Streicher, treibende Trommelwirbel, ekstatische Chöre, ein wahrer musikalischer Orgasmus, der sich mit einem sanften Gitarrenakkord verabschiedet und uns völlig fertig einfach liegen lässt. Danke und Tschüss. Ich habe bekommen was ich wollte. Zum Glück kann ich nochmal auf Repeat drücken.

Geheimnisvoll - Cover des Albums "Keep Your Darkness Secret"

Fazit: Dieses Album ist wirklich außerordentlich liebevoll arrangiert. Streicher, Glöckchen, Sphären, beeindruckende Satzgesänge. Alles an den richtigen Stellen, ohne in die Pathosfalle zu tappen. Die reduzierten Gitarren, im Vergleich zu den Vorgängern “Moto Boy” und “Lost In The Call”, stehen Oskar Humlebo außerordentlich gut. “Keep Your Darkness Secret” beweist, dass es noch wahre musikalische Popkunst gibt. Seine dunkle Stimmung erinnert mich an Songs von This Mortal Coil, Cocteau Twins, Cranes und auch Slowdive. Was auch immer in Moto Boy gfahren ist, he was touched by the hand of god. Es freut mich sehr, dass ich am 8. Mai in Stockholm sein werde und Moto Boy ein Konzert im Södra Teatern gibt. In kleines Highlight im Kurzurlaub. Dann wird er sicher nur da stehen mit seiner Gitarre, wie ein Junge. Seinen Lippenstift raus holen und fragen: “Läppstift eller läppstift?”

Moto Boys drittes Studioalbum “Keep Your Darkness Secret” erschien am 26. März auf dem schwedischen Label Songs I Wish I Had Written.

Schauen: Moto Boy mit der ersten Single “Someday” vom aktuellen Album. Am Schlagzeug seht ihr Bengt von The Cardigans/ Brothers Of End

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50 und kein Stück weniger Sexappeal - Dean Wareham

Dean Wareham musiziert jetzt ohne Britta – und was soll man sagen: Sein erstes Soloalbum ist eine Streicheleinheit und einfach herrlich lunaesque. Im Herbst letzten Jahres kündigte der Ex-Luna Frontmann dieses frühlingshafte Album bereits mit der EP “Emancipated Hearts” an. Ein Befreiungsschlag. Deans sensible, fragile Stimme, die immer noch einen glitzekleinen, charmanten neuseeländischen Akzent aushaucht, klang noch nie so befreit. Fast so als hätte man den Schleier einer Braut gelüftet, die gerade vom Altar geflohen ist. Reiß ihn vom Kopf, schmeiß ihn hoch in die Luft und schaue in den wolkenlosen, sonnigen Himmel und fühle das freie Hüpfen deines Herzens. Lass uns einfach durchbrennen!

Einfach alles zurück lassen – einen Moment lang, ein Album lang. Und dann nochmal auf Repeat. “The Dancer Disappears” – aber nicht von der Tanzfläche, sondern in eine andere Welt. Schon dieser erste Track enthüllt eine zauberhaft schöne Traumwelt, die ganz eigene Welt von Dean Wareham. “…There’s a dream, there is a dream that I’m to catch… I’m ready to leave this whole wide world behind…” Wie in Zuckerwatte gebettet, gleitet man in einem Ford Galaxy 500 durch die Milchstrasse, umgeben von glitzernden Synthesizer-Klängen. Und dieser holzige, klare Basslauf erst, was macht der mit mir?! Der ist wie das Schnurren einer Katze, einer sehr gemütlichen, freundlichen, groovigen Katze. Deans Frau Britta lässt hier ihre Wärme in die Seiten fließen.

The Dancer Disappears from Dean Wareham on Vimeo.

Wareham muss uns nicht davon überzeugen, dass er noch immer ein begnadeter Gitarrist ist. Aber er ruft es uns wieder ins Gedächtnis mit einem federleichten Gitarrensolo in “Beat The Devil”: Ein Song so leicht wie ein Wiegenlied. Rein und jungfräulich nahezu. Die Spiritualität eines Kindes und eines alten, weisen Mannes treffen in “Heartless People” gleichermaßen aufeinander, wahrhaft gesegnet. “But You, You and I, hate to see a flower die…”. Bemerkenswert ist auch Warehams Gitarrensolo in “I Can Only Give My All”. Dean selbst sagt, dass er sich in diesem Gitarrensolo vollkommen verloren hat.

Leichtigkeit weicht auf dem neuen Album nur selten bittersüßer Wehmut. Die ist so schnell vorbei, wie man einen Martini Dry ausgeschlürft hat. “Love Is Not A Roof Against The Rain” stimmt uns melancholisch und lässt uns über die Dinge im Leben nachdenken, die wir erreicht haben oder auch nicht.

Aufgenommen wurde die Platte in Kentucky, im Haus des Produzenten Jim James, Sänger und Songwriter von My Morning Jacket. James Input war wichtig für die Platte und dessen Sound. Er hat ein bisschen Magie in die Songs gestreut. In „Babes In The Woods“ spielt er die knirschende, verzerrte Gitarre, die klingt als würde ein Ungeheuer durch das Tiefste des Waldes stapfen und Frieden und Idylle zertreten. Ein willkommener Störenfried. Das Tamburin gibt dem Song zum Ende hin einen genialen Drive. „…Take care…Take care…Take care of the Babes in the Woods…“ singt Wareham in hoher Kopfstimme. Geht für mich auch echt in Endlosschleife – einer meiner neuen Lieblingssongs.

Seine Kopfstimme erinnert mich hier an die alten Zeiten von Galaxie 500. Und ich war von jeher ein Fan. Auch Luna habe ich später nicht weniger geliebt. Eine Neuauflage von Galaxie 500 bzw. Luna wird es jedoch nicht geben und ich bin heilfroh, dass Wareham nicht mit auf den Reunion-Zug aufspringt, wie Slowdive, My Bloody Valentine oder andere Dreampop-Bands. Dean sagt dazu: “Es wäre so, als würde man wieder mit einer Ex-Freundin aus der High School zusammen kommen, in diesem Fall mit Zweien”.

Es wird eine kleine Tour geben und Wareham wird unter anderem auf dem Indietracks Festival in Derbyshire Ende Juli spielen. Die Band probt schon fleißig. Seine Frau Britta Phillips wird am Bass mit auf Tour sein. Warehams Freund Roger Brogan wird die Drums spielen und Raymond Richards übernimmt die spacigen Keybordsounds. Richards tourte auch schon mit Hope Sandoval und Mojave 3 (ehemals Slowdive). Es werden auch die besten Stücke von Luna und Galaxie 500 auf den Konzerten nicht ungehört bleiben, was meine Freude nur steigen lässt.

Es ist spät, es war ein herrlicher Tag und es wird Zeit zum Einschlafen, um dabei noch einmal dieses bezaubernde Album zu hören. Dann streut dieser attraktive Dean Wareham mir mit all seinen Songs noch etwas Sternenstaub in die Augen und schickt mich ins Reich der Träume: “…There’s nothing wrong with the road we’re on… Happy and free for a while…Happy and free for a while…”

Dean Warehams erstes, selbstbetiteltes Soloalbum erschien am 11.März 2014 und ist als CD und auf Vinyl erhältlich (und natürlich digital).

So schaut sie aus die brandneue Scheibe von Dean Wareham

Lest auch gerne meinen Artikel über Luna: The Greatest Band You Never Heard Of. Dort erfahrt ihr einiges über Deans frühere Bands Luna und Galaxie 500 und deren Entstehung.

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Woodlands Cover zum Debutalbum

Eigene Schatten werfen

Es ist da! Das Album, dass mich in diesem Jahr endlich vom Hocker haut. Faszinierend ehrlich und erdig präsentiert sich Woodlands, das neue Trio von First Floor Power Mitglied Sara Wilson. Stimmlich gereift, unverfälscht und kraftvoll kann Sara aus dem Schatten ihrer großen Schwester Jenny Wilson heraustreten, ins musikalische Spotlight einer begnadeten Band rücken, und zu dem stehen was sie schafft: bewegende, authentische und warme Songs.

Neben Saras dynamischem Gitarrenspiel, beeindrucken mich Marcus Holmbergs sinnliche, holzige Bassläufe. Einige von Euch werden ihn vielleicht von der schwedischen Indiepop-Band Komeda aus Umeå kennen. Das Trommeln übernimmt Saras Lebenspartner Niklas Korssell, der im Bereich Jazz und Pop angesiedelt ist und auch mit First Floor Power auf Tournee war.

v.l. Marcus Holmberg, Niklas Korssell und Sara Wilson sind Woodlands © Magnus Åström

Sound wie frisch aus dem Proberaum

Die Bandmitglieder leben in Stockholm, aufgenommen wurden die Songs jedoch innerhalb von fünf Tagen in den Tambourine Studios in Malmö von Per Sunding: ein alter Bekannter. Der Sänger und Bassist von Eggstone war auch Produzent von den Bands Bob Hund, The Ark und The Cardigans. Vielleicht ist es aber doch nur Zufall, dass Woodlands erste Single “River Running Wild” mit seinem fluffigem, verspieltem Gitarrensound und dem wippenden Blubberbass mich an The Cardigans Single “For What It’s Worth” erinnert.

Das Woodlands-Album ist jedoch kein produzierter Hochglanzpop. Vielmehr klingen die Songs wie frisch im Proberaum mit dem 8-Spur-Gerät aufgenommen, was durchaus im Sinne der Band ist. “River Running Wild” positioniert sich in der Mitte des Albums und stellt den poppigen Höhepunkt des Debuts dar. Die Lyrics bilden für mich jedoch einen starken Kontrat, handeln sie vom Verlust und Tod eines geliebten Menschen und dem was danach kommt. Ebenso beeindruckend finde ich den schwelgerischen Opener “Move Forward”. Ganz sanft fügen sich Schlagzeug, Gitarre und Bass, streicheln einander ganz warm. Wunderbar herrlich klappt der Refrain mit seinen zweiten Stimmen auf, verkündet Aufbruch und wird wundersam doch durch die Traurigkeit und Klarheit der gesungenen Worte auf der Stelle gehalten. „The streets we walk were buildt to fast, I could feel it under my feet, it wouldn‘t last…“

Wir alle kennen das Gefühl, wenn der Traum die Liebe zurückbringt und die Realität einem die Wahrheit, beim Erwachen, wie ein nasses Handtuch ins Gesicht klatscht. „Housebuilding“ ist ein Song der vom Zerbrechen der Liebe handelt, die Veränderung realisiert. Sich quält aber auch festhält und einen Neuanfang will. „I can‘t realize that this is happen to us [...] I wanna build a house where you stand, I wanna grow some flowers in your hand…“ Der Song beginnt seicht, verführt mich als Hörer und rüttelt mich wach mit einem überraschenden, knirschenden, dreiminütigen Gitarrensolo, das wie ein Aufschrei all den nicht in Worte fassbaren Schmerz aber auch alle Hoffnung ausdrückt.

Sara an der Gitarre, Woodlands live am 20.10.12 in Göteborg © Christer Hedberg

Ein erlösender Schrei

„I Wanna Know“ ist einer der Songs, an denen ich mich kaum satt hören kann, und der mit seinem poppigen Drive und dem knackigem Refrain durchaus auch auf der Tanzfläche Spaß macht. Der darauf folgende Song „Lazy Days“ und „Cheap Cigarettes“ sind schon bessere Rocknummern. Erinnern mich auch ein wenig an den Rock ’n’ Roll und die Surfmusik der Siebziger Jahre. Die Satzgesänge der Jungs unterstützen diesen Eindruck stark. Wesentlich schwerer kommt dagegen „Kids“ daher. Ein knurrender Bass, eine fette Gitarrenwand und ein schweres, schleppendes Schlagzeug dominieren den Sound, in dem Saras federleichte Stimme tänzelt.

Wie simpel und aufrichtig und trotzdem ergreifend Lyrics doch sein können, denke ich beim letzten Song des Albums: „I didn‘t have no one till I met you, I didn‘t have the strength to make it through, Oh I felt safe, we put your arms around me, and I got the strength to make it through“. Aufrichtige Emotionalität und ein natürlicher, unaufdringlicher Lo-Fi-Sound runden das Album in „Make It Through“ ab.  Ich kann mir vorstellen wie unglaublich fetzig es sein muss diesen Song live zu spielen. Saras Gitarrenriff führt die Instrumente durch ein meditatives, nahezu orgiastisches Zusammenspiel, welches mit einem erlösenden Schrei der drei Musiker endet. Wie genial und nie gehört.

Es ist nicht einfach, so schöne Worte für Woodlands wie Peter Morén vom Label Ingrid zu finden, aber ich kann nur, wie er, zutiefst dankbar sein, dass diese drei Musiker sich gefunden haben. Ich hoffe ich habe euch soweit angefixt, dass ihr neugierig geworden seid – auf Woodlands und ihr tolles Album. Ein Album mit dem Potenzial für immer.

Schauen:

WOODLANDS- RIVER RUNNING WILD from WOODLANDS on Vimeo.

Lauschen:

Woodlands – Housebuilding by INGRID

Kaufen:

Woodlands startete 2011 mit dem gemeinsamen Musizieren. Das selbstbetitelte Debut wurde am 31.Oktober 2012 auf dem schwedsichen Label INGRID veröffentlicht.

* Eine von 300 Platten könnt ihr im Ingrid-Labelshop bestellen *

* Auf iTunes könnt Ihr Woodlands auch erwerben *

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So wie Porzellan - das Cover des aktuellen Albums von Fotos

Ich wußte, dass ich die Hamburger Band Fotos nicht schlecht finde, wenn immer ich sie in den vergangenen Jahren mal irgendwo gehört habe. Dass sie einen wahrhaften Gefühlssturm in mir auslösen, habe ich erst in den letzten Tagen erfahren. Erst vor kurzem kaufte ich ihre aktuelle Scheibe “Porzellan”. Ich würde glatt sagen, dass es mein Album des Jahres ist, doch das “zerbrechliche” Stück erschien schon im Herbst 2010. Wenn es nur 20 Jahre älter und in England produziert worden wäre, könnte man meinen Alan McGee von Creation Records hätte seine Finger im Spiel gehabt. Die Lücke zum internationalen Indiepop-Trend erkannt, sind die Jungs von Fotos auf den Zug des Shoegaze-Revival aufgesprungen und sind dabei absolut überzeugend.

Als ich das Albumcover gesehen habe, musste ich an Tocotronics geniales “weißes Album” denken – muss ich gestehen. Eine Fragilität mit klaren Strukturen. Ich erwartete ein helles Rauschen, welches beim ersten Hören auch tätsächlich durch meine Gehörgänge in die Seele drang. Ausgerechnet mit den Aufnahmen von Olaf Opal, dem Produzenten von Juli, Slut und The Notwists wunderbaren Album “Neon Golden” verabschieden sich Fotos vom Deutschrock der Vorgängeralben. Das neue Soundgewand steht ihnen gut.

“Porzellan” startet mit einem durchsichtigen Intro. Eine Welt in feine, leicht zerreißbare Spitze gehüllt. Zart und klar, bis die kreischenden Gitarren und tobenden Drums von “Alles Schreit” die Transparenz zerfetzen. “Kein Glitter und kein Glanz scheint mir erstrebenswert, ist nur Flitter ist nur Ramsch, der ständig an mir zerrt. Der schrille Shoegaze-Sound scheint wie immer optimal die Vergangenheit von sich wegzusprengen. Der Band wird es nicht leid in aktuellen Interviews zu thematisieren wie EMI sie in eine bestimmte Image-Schublade drängen wollte. Der Titelsong “Porzellan” wirkt dagegen recht sperrig. Den mehr klagend rufenden Gesang von Thomas Hessler (Tom nicht “Icke”) muss man hier mögen. Mich erinnert er zu sehr an Kim Frank von Echt. Der Refrain fegt alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Es wird Platz geschaffen. Platz für die “Nacht”.

Dort will man verweilen, nie dass sie zuende geht. “Bring mir die Nacht, bring mir ihr Fieber, bring mir heimlich ihre elegante Pracht, ihre rätselhafte Fracht. Katzenhafte Gitarren säuseln wie kühler Wind durch Weite und Stille der Nacht. Todessehnsucht finde ich darin. Verloren im All der Fragen, warten auf den Wagen, der die Nacht bringt und ertragen Hesslers Stimme klingt sensibel, fleht um Erlösung und ist dabei nicht allein. Die zweite Stimme von Valeska Steiner lockt mehr und mehr in die geheimnisvolle Dunkelheit.

Fotos vor der Taj Mahal - Deniz Erarslan, Tom Hessler, Benedikt Schnermann, Friedrich Weiß (v.l.)

Wundervolle Chöre und zweite Stimmen von Valeska finden wir auch in “On The Run”, “Wasted” und im letzten Song “Wellen”. “On The Run” klingt wie eine abenteuerliche Flucht. Am Ende steht man jedoch da und bemerkt, dass man sich wie in einem Albtraum nicht von der Stelle bewegt hat. Keine Chance dem eigenen Kerker zu entkommen. Um eine vergangene Liebe dreht es sich in “Wasted”. Eine perlige Gitarre füllt den Raum zwischen den Gesängen: Da ist ein Sieb in unserem Kopf, durch das Erinnerung troft, die an dich und die an mich

Bedrohlich wird die Stimmung in “Feuer”. In den tiefen stampfenden Bässen hören wir die Glut pulsieren und die Flammen aufkeimen. Ein vernichtendes Lodern, langsam und qualvoll: Mein Feuer frisst dein Feuer, mein Feuer frisst dich”. Der darauffolgende “Ritt” ist wie ein Trip. Eine gezupfte Gitarre, ein Gesang, so zerbrechlich wie die Illusionen eines Rausches. Wie eine Rückwärtsfahrt durch das eigene Leben. Wir bleiben nicht stehen bis wir die Welt von vorne sehen”

Das man keine Angst vor der “Angst” haben muss, erfahren wir in diesem großartigen Popsong. Was hier an Genialität und Einfachheit aufeinander trifft, lässt mein Herz mit den coolen Drums vom Snareman Benedikt Schnermann vor unsäglicher Freude hüpfen. Sag “Hallo!” zu deiner Angst, schau ihr direkt ins Gesicht. Große Britpop- und Shoegazeikonen können hier Angst um ihren Thron bekommen, so majestätisch kommt das Stück daher. Das letzte Highlight von “Porzellan” ist “Raben”. Wieder einmal lassen Fotos die Vergangenheit zurück, retten sich wie Ratten an Land. Episch und triumphierend marschieren sie in ihre eigene Welt – selbstbestimmt und neu definiert.

Fazit: “Porzellan” von Fotos trifft den Indie-Zeitgeist wie kein anderes deutschsprachiges Album. Lyrisch und musikalisch führen sie die Tradition der Hamburger Schule-Bands fort, haben sich dabei aber doch neu erfunden. Hier fahren Engel Achterbahn und ich fahr mit. Das Album erschien am 10.September 2010 auf Snowhite/Universal.

Schauen: Video zur aktuellen Single “Nacht”

Lauschen: Fotos – Angst

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FM Belfast können auch Kaffeekränzchen

Da denkt man man kennt alle isländischen Bands und dann sowas. FM Belfast – dass das kein nordirischer Radiosender ist, der über Krawalle in deren Hauptstadt berichtet war mir nicht gleich klar, dafür ist das Thema so brandaktuell. Auf Belfaster Straßen geht es heute wieder ganz schön ab. Zeit sich neben der aktuellen Nachrichtenlage mal mit dem noch gar nicht so alten, zweiten Album “Don’t Want To Sleep” der Elektronik-Band FM Belfast aus Reykjavik zu beschäftigen.

Eigentlich begann es mit einem Weihnachtsgeschenk. 2005 wollten Árni Rúnar Hlöðversson und Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir ihren Freunden zum Fest eine Freude machen und bastelten einen schnittigen Elektrotrack. Das kam gut an und führte prompt zur Zusammenarbeit mit den múm-Bandmitgliedern Árni Vilhjálmsson und Örvar Þóreyjarson Smárason. 2008 veröffentlichten die vier Elfen ihr Debut mit dem passenden Titel „How To Make Friends“.

Ganz so bieder wie oben auf dem Foto sollte man sich die Truppe jedoch nicht vorstellen. Sie sind regelrechte Rampensäue und nutzen jede Gelegenheit live zu spielen. Dabei holen sie sich auch gerne dutzendweise Verstärkung mit auf die Bühne. In diesem Sommer bespaßen sie wieder unzählige Festivals und der aktuelle Longplayer “Don’t Want To Sleep” der Isländer erweist sich dafür mit seiner Frische mehr als tauglich. Schlafen kann man schließlich später, erst mal wird ordentlich gefeiert. So die Botschaft.

Gute Laune bringen sie aber auchs ins Wohnzimmer und wenn man die Stereoanlage ganz laut aufdreht, wird die Wohnung schnell zum Dancefloor. Da kann man sich einmal gut durch- und ausschütteln bei diesen frischen Elektrorhythmen. Die Klänge, die den Tastenintrumenten entlockt werden, sind unschuldig, keine großartig produzierten Beats oder Frickeleien. Experimentierfreude und natürlicher Charme sind hier so bestimmend und mitreißend. Das gute alte Casio-Keyboard, forsche mehrstimmige Gesänge, Trompeten- und Pianoklänge bestimmen den Sound der Platte, von der ich nur sagen kann: anschaffen!

Nach dem hässlichen Ding müsst ihr Ausschau halten

“Don’t Want To Sleep” von FM Belfast erschien am 3.Juni 2011 auf Morr Music.

Schauen: FM Belfasts “Vertigo” live in ihrem Studio in Reykjavik.

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Einladend, das Cover von The Horrors "Skying"

Nachdem ich The Horrors eingängige Single “Still Life” vor ein paar Wochen erstmalig bei MotorFM gehört hatte, konnte ich es gar nicht abwarten endlich ihr neues, drittes Album “Skying” in den Händen zu halten. Trotz Krankschreibung bin ich am Freitag erst mal in den Saturn geschwankt um meine Kopie zu holen. Die hatten die Scheibe jedoch noch nicht geliefert bekommen, oder die “freundlichen” Mitarbeiter waren zu faul zum auspacken. Im Mediamarkt stand das gute Stück dann schon im Regal und hat auf mich und seine Hörer gewartet.

Das Cover von “Skying” bietet uns einen exzellenten Blick auf Himmel und Meer und erinnert mit seinen psychedelischen Regenbogenfarben an alte Shoegazealben von Ride oder The Telescopes. Es lädt zum Träumen ein. Auch machen die Fotos der fünf Jungs aus Southend einen natürlicheren Eindruck als auf früheren Werken, wo sie sich im typischen, horrorhaften Style von “The”-Bands präsentierten – Hauptsache Skinny Jeans und gut toupierte Haare.

Der Opener “Changing The Rain” bestätigt zum Glück den optischen Eindruck des Booklets -  Rückwärtsgitarrenwände à la My Bloody Valentine,  groovige Drums mit viel Raum und ein vertäumter, wenn auch nicht sonderlich charismatischer Gesang von Frontmann Faris Badwan katapultieren uns ein Stück weit nach oben. Dann ist er da, der erste gelungene Moment des Albums: “You Said” – Synthesizerteppiche, viel PlingPling und Bläsersätze. Alles dreht sich im Kopp – aber so schön.

Doch die Jungs können auch stampfenden Britpop wie ihre großen Vorväter aus den Neunzigern, wie sie gleich in ihrem dritten Stück “I Can See Trough You” unter Beweis stellen. Das klingt nicht unbedingt wie ein Abklatsch von Pulp – nur wenn man es unbedingt möchte. Dafür drängt sich einem im vorletzten Stücks “Monica Gems” der Vergleich zu Suede mehr als auf. Brett Anderson wird sich geschmeichelt fühlen – ich als Suede-Fan weniger.

The Horrors gemütlich - darf man sich dazu legen?

Eine potentielle zweite Single stellt “Endless Blue” dar. Wirklich wundervoller, eigenwilliger Dreampop, der mich im Himmel von The Horrors ankommen lässt, vor allem wenn diese rockige Gitarre nach zwei Minuten untrafeinem Intro loslegt – genial. “Dive In” ist ein Stück in das man wirklich gerne eintaucht. Sein Rhythmus ist fast ekstatisch und die einzelnen Elemente des Songs bauen sich nach und nach zu einer riesigen flukturierenden Säule auf, in der man mittendrin ist, wie im Auge eines Hurricans.

“Dive In” und das darauffolgende Stück “Still Life” bilden für mich den Höhepunkt des Albums von The Horrors. Eine bessere Single als “Still Life”, in der sie ihre gesamte musikalische Reife und den Mut zu großem, erwachsenen Rock zeigen, hätten sie nicht wählen können. Beim ersten Hören dachte ich es sei ein mir nicht bekannter Klassiker von Tears For Fears – so erhaben klingt das Stück. Dieser Track hat Zeit und macht süchtig – “…the moment that you want is coming if you give it time…”

Immer wieder, jedoch nicht überraschend, tauchen Elemente aus dem Postpunk auf. The Horrors feiern das Post-Punk Revival nahezu und die Feier gelingt Ihnen gut. Die Einladung auf diese himmlische Party kann man gar nicht ausschlagen. Wild geht es zu, sind die Jungs in den Mittzwanzigern doch einfach zu jung sich auszuruhen. Zum Balladen schreiben bleibt ihnen noch genug Zeit, so legen sie gen Ende von “Skying” einen Zahn zu – “Moving Further Away”.

“Oceans Burning” - das klingt fett, soll es sicher auch. Dieses fast achtminütige Epos ist das Finale von “Skying” und beginnt als besinnlicher Song, der sich im Sythesizer-Gesäusel verliert und uns scheinbar den Wind aus den Segeln nimmt. Doch The Horrors lassen uns nicht einfach in einer Flaute auf dem himmlischen Ozean zurück. Nein, wenn dann soll der Hörer auch ordentlich an Höhe verlieren. Wer bisher nicht wusste, wie freier Fall klingt, sollte sich die letzten zwei Minuten einfach ausgestreckt auf den Boden legen und fühlen. “…on a lonely ship we are waking like an ocean which is sighing oh…”

Fazit: The Horrors “Skying” ist Ohrenglitzern pur und bringt uns an einen Ort fernab der Realität. Alles passt wirklich gut zusammen. Nur der Bandname ist irgendwie nicht mehr so ganz treffend. Ich hoffe die Jungs werden das bald bemerken. Das Album erschien am 8.Juli auf XL Recordings.

THE HORRORS – Still Life (2011) from cosset galeria on Vimeo.

Lauschen: The Horrors – Still Life

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Bezaubernd - Rebekkas Mixtape "Sounds Of The Enchanted Forest"

Ein hübsches Mixtape habe ich letzte Woche von Rebekka aka Beam bekommen – “Sounds Of The Enchanted Forest“. Da ich es selbst so liebe Mixtapes zu basteln, war ich ganz angetan als Julien von Der Impuls vor einigen Wochen die Mixtape-Tauschrunde unter uns Musikbloggern ins Leben rief.  Ich war ganz schön gespannt, wer mich wohl gewichtelt hat und auf die Cd, die in meinem Briefkasten gelandet ist. Gewollt oder nicht, Rebekkas Mixtape trifft meinen Geschmack. Ein Hauch Mystik, Melancholie und der rote Faden, der mich quer durch den Wald jagt – einen verzauberten.

Lucky Elephants lockende Glöckchen im Opener “When You Fall To Earth” schallen aus dem Wald und führen uns leichten Fußes und mit einem Lächeln in diese magische Welt. Dort geht es lebhaft zu – links und rechts meines Ohres klickt und klackert es, hin und wieder ein Knarren, wie von einer alten Eiche. Eine holzige und erdige Akustik bestimmt den Mix. Unruhige Percussions wie in Patrick Watsons “Where The Wild Things Are” stören die äußerliche Anmut des Waldes nur insofern, als dass sie all das Leben in ihm wiederspiegeln.

Auch elfenhafte Gesänge begegnen uns des Weges – von Victoria Bergsman von Taken By Trees und der Girlscombo Warpaint. Besonders angesprochen haben mich das experimentelle Shoegazestück “Fall Down Slow” von Sin Fang. Sing Fang ist das Soloprojekt des isländischen Sängers Sindri Már Sigfússon von Seabear. Auch der katzenhafte Gesang der ausstralischen Sängerin Sia ist beeindruckend und der Song “Moon” lässt den Wald erglitzern.

Sindri von der isländischen Band Seabear

Hier könnt ihr einigen Songs von Rebekkas “Sounds Of The Enchanted Forest lauschen:
mp3:Sia – Moon
mp3:Warpaint – Lissie’s Heart Murmur
mp3:Sin Fang – Fall Down Slow

Vielen Dank an Rebekka und ihre tolle Zusammenstellung. Schaut gern auf ihren Blog der noch im Aufbau ist – The World According To Beam.

Das Mixtape zu den Mittsommernachtsspitzen hat Alexander von freeQnet erhalten.

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Lamb

Lou Rhodes & Andy Barlow sind wieder Lamb - und genialer als zuvor

Lange war ich in ein Album nicht mehr so verliebt. Perfekt harmonieren Andy Barlows geniale Elektronik und Lou Rhodes‘  überirdische Stimme. Diese Fügung geht unter die Haut wie nichts anderes. Welch Glück, dass die beiden einander einst in Manchester begegnet sind und uns nach langer Lamb-Pause mit ihrem fünften Album “5” beschenken. Dort treffen düster schwere Beats und feinstes Gefrickel auf eine Lou Rhodes, die nie sensibler, dichter, lieblicher, dramatischer, erotischer und weiser klang. Eine Offenbarung.

Seit ich 1999 das erste mal Lambs “Gorecki” gehört habe, war es um mich geschehen. Ich konnte nicht genug bekommen vom Charisma dieser Band, dieser treibenden Melancholie. Ich konnte nicht umhin Album für Album aufzusaugen um festzustellen, wie jedes Signal liebevoll arrangiert und der Sound bis zum Optimum ausgefeilt wird, ja sie dabei immer nur besser wurden. Ich ärgere mich, dass ich “5” derzeit nur als matschige iTunes mp3 hören kann. Wie ärgerlich, dass ich mir die limitierte Cd nicht bestellt habe, um über meine Anlage in den vollen Genuß dieses Werkes kommen kann. Doch meine heiligen Boxen schlafen noch gut verschweißt in Plastikhüllen, und die gesamte Anlage muss nach den vielen Umzügen erst aufgebaut werden.

Am liebsten möchte ich alle zum Hören dieses Albums verdonnern. Jedes einzelne Stück ist ein Spektakel. Vom säuseligen Opener “Another Language” bis hin zum finalen, phänomenalen Duett “Back To Beginning” von Lou Rhodes und Damien Rice, findet sich die ganze Vielfalt von Lamb.  Das mysteriöse “Butterfly Effect” – in welches ich richtig vernarrt bin -  sowie “Strong The Root” liefern derbe Beats und wir hören eine coole, nein die coolste Lou Rhodes.

“Build A Fire” ist eine wahre Rockhymne und wenn man im Refrain richtig mitgeht, findet man sich im Stadion in einer springenden, triumphierenden Masse wieder, die die Hände hochreißt, wie man selbst auch. Nachdenklich werden wir in “Wise Enough”. Jeder Moment unseres so kurzen Lebens wird gewertschätzt, unser Dasein hinterfragt. Lieblichkeit und Leichtigkeit erfahren wir in “Rounds” – wow, dieser Gesang geht so unter die Haut und die Sphäre trägt davon. Ich muss gleich noch mal anschalten “…ever going round and round, the circle game we’re in…”

Lauschen:
mp3:Lamb – Rounds

5” erschien am 5.Mai auf Strata Music. Bei gibt es das Album ab 1.Juli.

Lambs “Gorecki”

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.