
Toni Halliday – bekannt als eiskalte, furchteinflößende, verführerische Sängerin des Shoegaze-Elekro-Duos Curve ist nach mehrjährigem Schweigen zurück als Chatelaine. Es tut verdammt gut diese samtige, kühle, melancholische Stimme wieder zu hören. Sie klingt angenehm vertraut, erwachsen – aber auch weise? Toni Halliday stöhnt auf dem Solodebut „Take A Line For A Walk“ noch immer ungebändigt, verletzt aus ihrer Höhle heraus, will gestreichelt werden, warnt jedoch gleichzeitig davor auch nur einen Fuß in diese zu setzten, sonst gibt es einen heißen Satz Krallen.
Der 31.01.2005 war kein guter Tag für Curve-Fans. Toni gab auf der Homepage bekannt, dass sie unglücklich mit Curve geworden sei über all die Jahre, ihre Leidenschaft für Musik verliere in ihrer Arbeit mit Dean Garcia. Sie meinte es sei Zeit Befriedigung in anderen Projekten zu suchen und dabei nichts übers Knie zu brechen. Hallidays Unzufriedenheit scheint verständlich. Den Ruhm haben in den 90ern schließlich und endlich andere eingefahren. Zumindest ist die stimmliche und musikalische Ähnlichkeit zu Shirley Manson bzw. Garbage nicht nur den Curve-Fans aufgefallen und missfallen. Ob Garbage ohne Curve so klängen, wie sie klingen, bleibt also mehr als fraglich.
Nach 15 Jahren Curve und unzähligen Gastgesängen u.a. für Robert Plant, Leftfield, The Killers und Recoil, wurde es für Toni also Zeit, wenn auch erst im Alter von 46, sich stimmlich so zu zeigen, wie sie sich selbst empfindet. Nicht neu – aber dichter, sensibler, offenherziger. In den 9 Songs des neuen Soloalbums „Take A Line For A Walk“, das im Juni erschien und gemixt wurde von Toni Hallidays Ehemann Alan Moulder, zeigt ihre Stimme erstmals eine Fragilität, die man bei Curve bestenfalls erahnen konnte. Toni lässt uns dicht heran – aber nicht zu dicht.
Ihre Unnahbarkeit und gleichzeitig animalische Erotik ist das was Halliday ausmacht. Es ist das Authentische an ihr. Unterstrichen wird dies auf „Take A Line For A Walk“ durch eine subtile Piano-Begleitung und den Einsatz feiner Streichersätze. „Oh Daddy“ ist eine eindrucksvolle Ballade, in der die Protagonistin an der Vergangenheit festhält und doch neue Wege beschreiten muss – loslassen muss. So ist der Refrain ein akustischer Befreiungsschlag, der ins Mark trifft – unsere infantile Seite anspricht.

„I want to crawl inside my cage – where life remains“ singt die sanfte Tigerin in „Life Remains”. Der Wille zum Überleben ist da und das Voranschreiten und Durchhalten wird belebt durch eine militärisch treibende Snare-Drum, die auch den Song „Head To Head“ bestimmt. In „Killing The Feeling“ singt Halliday wiederum so leicht und mühelos, als wäre sie ein kleiner Zweig. Nur einen Windhauch würde es benötigen sie endgültig zu brechen. Ein hochemotionales Stück, das nichts weiter braucht als ein Piano, Percussions und dezente Backing Vocals.
Hallidays Talent für‘s Songwriting stellt sie einmal mehr im Opener „Broken Bones“ unter Beweis. Ein bittersüßer Streicher-Teppich beschwert den desillusionierten Refrain in dem es heißt „These are my broken bones, these are my sticks and stones, this is the end of the rope, no white horses to bring me home“. Ein Song der auch gut hätte den Abschluss des Albums darstellen können. Darum weiß auch Halliday, deshalb schließen zwei wirklich gelungene Remixe von Kurt Feldmen (The Pains Of Being Pure At Heart) und Flood (Post-Punk-Produzent Mark Ellis) „Take A Line For A Walk“ ab.
Der Titelsong „Take A Line For A Walk“ ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Johnny Cashs „I Walk The Line“. Was Halliday jedoch genau damit sagen will, kann ich nicht knacken. Es heißt “listen closely, hear a talk“ – vielleicht komm ich ja noch drauf.
Das Album ist solide, zeitlos, unterwirft sich nicht dem Zwang der Aktualität. Es werden Erinnerungen geweckt an Cocteau Twins’ „Victorialand“ oder an Annie Lennox‘ „Diva“. Toni Halliday bleibt eine der letzten Diven der 90er – eine Indie-Göttin, die weiß woher sie kommt, aber noch nicht weiß was sie in Zukunft finden wird. „Take A Line For A Walk“ ist ein Album für solche, die die Zukunft suchen und dabei in der Vergangenheit graben.
mp3: Chatelaine – Oh Daddy
mp3: Chatelaine – Broken Bones
Tags: Alan Moulder, Chatelaine, Curve, Dean Garcia, Piano, Sängerin, Shoegaze, Streicher, Take A Line For A Walk, Toni Halliday