Mittwoch 13. Juni 2012

von Sandra Duvander

The Cardigans 2006 (Magnus, Bengt, Nina, Lasse, Peter v.l.)

Die Reise beginnt

Es war schon eigenartig The Cardigans nach so vielen Jahren wieder live zu sehen. So geschehen am vergangenen Freitag im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen. Im Sommer treten dort jeden Freitag bekannte Bands vorwiegend aus dem Genre Rock auf und geben der Veranstaltung ihren Namen: Fredagsrock. Hier zwischen Zuckerwatte und Softeis soll sie nun beginnen die große Tour “Gran Turismo”, die für die Cardigans in Japan enden wird.

Unwirklich erscheint die Kulisse von Achterbahn, Karussell und orientalischem Märchenpalast aus Tausend und einer Nacht, während wir (ich war mit drei hartgesottenen Cardifans unterwegs) an der Absperrung vor der malerisch eingebetteten Bühne warten. Irgendwie unwirklich auch die Tatsache, dass Cardigans ihr Album „Gran Turismo“ von 1998 spielten.

Nach dem pfeifenden Intro startet die Band gegen 22 Uhr. Das Konzert beginnt mit dem bassintensiven „Paralyzed“. Bekannte Gesichter auf der Bühne. Magnus Svenningsson am knurrenden Bass, Bengt Lagerberg an den Drums, die Tasten drückt Lasse Johansson Ståle. Für Peter Svensson greift Moto Boy alias Oskar Humlebo in die Gitarrenseiten.

Doch alle warten in diesem Moment nur auf sie – Nina Persson. Mit langsamen Schritten schwebt sie auf die Bühne, sie lächelt nicht. Fast krankhaft dürr sieht sie aus in ihren schwarzen Röhrenjeans, dem schwarzen Cape und den Plateauschuhen. Gewollt oder nicht, sie wirkt irgendwie zu bis oben hin. Die schwarz geschminkten Augen und die hohlen Wangenknochen lassen sie verrucht aussehen. Und doch finde ich sie schön in all dieser Unwirklichkeit. „This is where your sanity gives in and love begins…“

Nina Persson

Nina Persson (Quelle: Undertoner)

Der Regen trägt Ninas Stimme

Ninas Stimme klingt gewaltig und rauchig. Sie singt diese alten Songs mit einer neuen Tiefe. Ihre Stimme ist tragfähiger, Ninas Ausdruck dramatischer. Die aufziehenden Regenwolken wirken wie eine melancholische Antwort auf ihren Gesang. Ich schaue Nina an, sehe wie sie über das Publikum hinweg schaut in eine andere Zeit. Ich höre diese alten Songs und habe die Texte nicht vergessen. Ganz automatisch singe ich Zeile für Zeile mit, lasse mich zurück katapultieren in die Neunziger. An diesem Abend stehen zwei Sandras dort vor der Bühne im Regen. Die Sandra, die damals vor fast 14 Jahren wie irre die “Gran Turismo” beim Autofahren in strahlendem Sonnenschein gehört und lauthals mitgesungen hat. Andererseits, die Sandra von heute, die nostalgisch in die Vergangenheit blickt in einem Regencape vorne im Publikum.

Beim Betrachten merkt man, dass die Band einander gut kennt, gibt es die Cardigans in diesem Jahr offiziell 20 Jahre. Doch haben sie mitunter Schwierigkeiten ein harmonisches Klangbild zu erzeugen. Es ist doch zu lange her, dass sie zusammen auf der Bühne standen. Die ersten fünf Songs der Gran Turismo „Paralyzed“, „Erase/Rewind“, „Explode“, „Starter“ und „Hanging Around“ spielt die Band solide. Lediglich Moto Boys Gitarre gibt bei „Hanging Around“ irgendwie den Geist auf und Magnus muss Peter Svenssons verrücktes Solo am Bass spielen. Nina verausgabt sich stimmlich, was der folgenden Ballade „Higher“ nicht unbedingt zugute kommt.

„Marvel Hill“ empfand ich immer als Höhepunkt der “Gran Turismo”. Auch an diesem Abend hat dieses Lied eine magische Wirkung auf mich. Ich kann nur die Augen schließen mich Bengts sattem Snare-schlag und Ninas weinerlichem Gesang hingeben „…I close my eyes, it‘s on the other side and what I‘ve worked so hard to gain, I‘d gladly give away…“

Bei der Rocknummer „My Favourite Game“ sind die Fans dann das erste mal so richtig außer Rand und Band. Ich muss ziemlich aufpassen, nicht umgeworfen zu werden, denn in meiner nostalgischen Stimmung habe ich so gar keine Lust wild umherzuspringen. „Do You Believe“ ist dann wieder ein Song der mich stark berührt, ebenso „Junk Of The Hearts“. „…when your faith is gone, and when you can‘t believe, I‘m on my hands and knees…“

Moto Boy, Nina & Magnus (Quelle: Undertoner)

Ein Lied aus dem 18. Jahrhundert

Während das Gran Turismo-Outro „Nil“ vom Band läuft, verschwinden Nina und Co. Backstage. Zeit das Album und das Outfit zu wechseln. Die erste Zugabe startet mit „For What It‘s Worth“ und Nina schmettert die schönsten Ah-ah-ah-ah-ah-ah-aaahs von sich, die es jemals gab. Die Kommunikation mit dem Publikum ist herzlich, soviel kann ich, trotz meines grottigen Schwedisch, mitbekommen. Nachdem Songs aus dem 20. und 19. Jahrhundert gespielt wurden, meint Nina sei es Zeit auch etwas aus dem 18.Jahrhundert zu spielen. „Lovefool“ wird angestimmt, kommt aber wider Erwarten nicht allzu gut an. Scheint als hätten sich auch die Fans von der alten, zuckersüßen Nina verabschiedet.

Die „You‘re The Storm“ B-Seite „Hold me“ kannte ich noch nicht und gefällt mir absolut. Das mitreißende „Live and Learn“ bringt mich zum Schmunzeln. Es zeigt mir doch mal wieder, dass man nur glaubt aus Fehlern zu lernen und letztendlich doch immer wieder die gleichen Fehler macht. Die einzige (Rock)Nummer der Super Extra Gravity „I need some fine wine and you, you need to be nicer“ ist ein gelungener Abschluss der ersten Zugabe. Doch so angefixt können die Cardigans die Cardifans nicht im Regen stehen lassen. „Wir spielen mehr Musik!“ ruft Nina als sie nach kurzen Verschwinden wieder auf die Bühne tritt.

„Oh mirror, mirror upon the wall, who is the fairest of them all, mirror, mirror made no reply, mirror went black and cracked from side to side…“ Die nächste beeindruckende, mir noch unbekannte Rocknummer beschall das Tivoli – „Give Me Your Eyes“. Es scheint als befänden sich auf den B-Seiten der Cardigans-Singles Perlen zauberhaften Schimmers. Wie auch Ninas Augen bei diesem Song voller Ernergie schimmern und blitzen, fast wie dämonisch besessen.

Enden wollen die Cardigans das Konzert dann doch mit einer Ballade von der Long Gone Before Daylight: „ Communication“. Diese haut gerade bei diesem wundervollen Song auf der Bühne nicht hin. Der Sound ist matschig, die Harmonien stimmen nicht und die arme Nina hat keine Ahnung, wo verdammt noch mal sie drauf singen soll.

Am Ende des Konzertes nimmt Magnus Nina in den Arm und flüstert ihr etwas zu. Was auch immer es ist, es beflügelt die Fantasie. Werden sie ein neues Album zusammen machen? Wird Peter dann wieder in die Band kommen? Gibt es ein ferne Zukunft für die Cardigans? Ich wünsche es mir. Denn ich würde auch in 10 Jahren wieder auf die Reise gehen, um vor dieser Band im Publikum stehen – ganz vorne.

Schauen: “Hold me”

Lauschen:

The Cardigans – Hold Me

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The Cardigans – Give Me Your Eyes

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3 Kommentare zu “The Cardigans auf großer Reise – Gran Turismo”

  1. Nils sagt:

    ..die gar nicht angezeigt wird. Och.. dann halt hier:
    http://www.youtube.com/user/tent23

  2. Nils sagt:

    Ach, vergessen habe ich ja noch: Danke fürs Video verlinken ;-)
    Mehr davon gibt es auf der verlinkten YT-Seite.

  3. Nils sagt:

    Sehr schön geschrieben und auch wenn ich weiter weg stand (nämlich exakt da, wo das “Hold me”-Video entstanden ist), kann ich Deine Aussagen unterschreiben. Es war irgendwie ein surreales, aber eben auch wunderschönes Konzert und man darf gespannt sein, ob es für diese -meiner Ansicht nach sträflichst unterschätzte- Band eine Zukunft gibt.

    P.S. Lovefool kam weiter hinten ganz gut an und ich, der das Lied nie richtig mochte, fand es an diesem Abend seltsam hübsch.

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