Dienstag 6. August 2013

von Laika

Thomas Öberg sieht in Dein Welpenherz (Foto: Frida Nilson)

Gastbeitag von Laika

Eine Ode an den Tod? Bob Hund lassen uns Ihre zweite, neue Single aus keinem angekündigten Album da und seit nun gut vier Wochen wabert sie in meinem Hirn umher. Ich fahre auf meiner Vespa umher und singe leise dieses seltsame Ding, “Åh Döds” (hier auf Spotify zu finden) heißt dieses (ich setze es in Anführungszeichen) “Lied”. Und ich empfinde es als als Klagelied und als Befreiung. Und das hier ist keine Rezension. Es ist ein “Ja, ich weiß was Du meinst und danke, dass Du mir hilfst, das fühlen zu dürfen”. Und ein Tipp, sich diesem Lied einmal anzunehmen und es in sein Leben zu lassen. Mein Schwedisch ist ganz gut. Nie verstehe ich so alles von dem, was Thomas Öberg mir zusingt. Sein Klagen aber, das verstehe ich.

Ich war so froh, als ich Anfang Juli auf Bob Hunds Facebook-Seite las, dass eine neue Single zum Download verfügbar sei. Ich saß nachts allein in einem Hotelzimmer in New York und lud es mir direkt auf mein Smartphone runter, setzte meine Kopfhörer auf und legte mich aufs Bett. Das Fenster war geöffnet, es war schwül-heiß, draußen hupten andauernd Autos und Sirenen heulten. Ich war kaputt und müde, und ich hatte Heimweh. Dann drückte ich auf Play. Was da aus meinen Kopfhörern kam, das war etwas Besonderes. Etwas noch Besondereres, als ich es da in einer Julinacht von Bob Hund erwartet hatte.

“Oh Tod, höre meine Bitte, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen – wenigstens noch ein Jahr”. Peng – das saß. Der erste Satz hatte mich mitten ins Mark getroffen. “Du reißt das Bild aus dem Rahmen, Atem ausgepustet, Körper lahm, Hölle, blau und kalt. Nun bist Du der einzige, der den Schlüssel hat.” Thomas Öberg spricht ganz ruhig, behutsam, flüstert fast. Ein Chor singt “Oh Tod, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen?”, kaum Instrumente, nur Stimmen und ich mitten drin mit meinen Gedanken. Dann setzen das Schlagzeug und der Bass ein und du wirst reingezogen in die Welt, in die Trauer, Angst, Umsicht, Vertrautheit. Ja, Tod, bitte, was kann ich tun? Du bist überall. Du hast einfach so Menschen geholt, die ich liebe. Und hat es dich interessiert? Du hast den Schlüssel, aber, komm, ein Jahr noch! Was kostet es Dich? Das denke ich, während ich das höre und ich fange an zu weinen. Ich weine nicht oft und gewiss nicht viel. Und wenn es um den Verlust von geliebten Menschen geht, versuche ich es oft zu verdrängen. Aber Thomas, ich höre Dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und dieses in ein wunderschönes “Poplied” zu packen und das Thema Tod so klar und ohne Umschweife zu besingen, das ist mutig. Und neu für mein kleines Welpen-Indiepopperherz.

“Jung, alt, arm, reich alle müssen Deinem Rhythmus folgen. ob du es wagst die zu verschonen, die wir lieben? wenigstens noch ein Jahr?” Der Chor und Thomas und alle flehen und aus einem Flüstern wird ein Beben und die Instrumente werden lauter und vehementer und flehender und man will sich auf die Knie schmeißen und mitrufen. Ja Bitte, Tod, hör unser Flehen, verdammt nochmal höre unser verdammtes Flehen! Thomas schreit. Der Chor ruft. Dann ein tiefes Dröhnen, eine tiefe Stimme, die sich über das Flehen legt und ein Brechen der erschöpften Stimmen… bis alles in einem Zischen und einem Unbehagen endet, mit dämonisch klingenden Stimmen, die unverständliche Worte brabbeln und das Ende verheißen. Denn “Nun bist es nur noch Du, der den Schlüssel hat”.  und wenn alles Flehen nichts bringt, dann aber bitte “wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr”.

Dieses Werk endet nach 7 Minuten und 47 Sekunden. Ich liege da in meinem Hotelzimmer und fasse nicht, was ich erlebt habe. Ich habe geweint und mich über so Geniales gefreut. Es hat sich eine kleine Tür geöffnet, durch die ich luke, in mein Herz, das nach so vielen Jahren noch immer trauert und in alle trauernden Herzen da draußen. Und ich denke über Bob Hund nach, die mich seit 15 Jahren jetzt schon begleiten und gerade ihren Proberaum in Südschweden aufgelöst und alle Instrumente verkauft haben. Ich denke, ganz heimlich, “Tod, bitte verschone Bob Hund, wenigstens noch ein Jahr, sie dürfen mich nie verlassen. Nie.”

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.