Sonntag 13. April 2014

von Sandra Duvander

Ein geheinmisvoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson (Foto: www.josefinmirsch.com)

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Sei es Angst, Liebe oder der pure Drang zu überleben. Die Auferstehung nach einem Kampf. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils ihr erstes Soloalbum.

Für Ninas Stimme wurde auf „Animal Heart“ ordentlich viel Platz geschafft. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail, liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich mit einem Schmunzeln wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. Und dann denke ich beim Zuhören wieder, ach so viele können es doch nicht sein.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv, weil ich anstatt „Come be my man, baby bail with me…“ dazu tendiere „Baby, bang with me“ zu verstehen. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief ein in diesen besungenen Ozean, und mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft holen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist es ist durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na willste mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepopmusiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu A Camp gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass sie es so richtig drauf hat und keinen Peter Svensson braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie anfing zu schreiben, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: Bedford & Bowery)

„Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tischchen bis zu den Vorhängen. Doch machmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben. „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“, völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu meinen Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Nein, Nina hat keine dicke Spinne auf dem Kopf, zum Glück nur einen Origami-Kranich - Nina Persson live im Heimathafen Berlin, Animal Heart Tour (Foto: Jana Legler für Rockzoom)

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle frei lebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurück ziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Ich sehe einen bengalischen Tiger, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“

Aber sollten wir uns nicht vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns herum, und manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einen die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller, kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in den Refrain mit einem knackigen Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: „Digestif“

Es gibt dunkle Biester, die lange an uns gezerrt und genagt haben. Biester aus der Vergangenheit, die wir lange ausdiskutiert haben, die wir endlich aussperren müssen und dann irgendwo ablegen, ganz bewußt, mit Leichtigkeit. Wie das Trinkgeld auf dem Tisch eines Cafés, an dessen Namen man sich morgen nicht mehr erinnern wird, geschweige denn daran, wo es ist. „Forgot To Tell You“ lässt uns, mit seinen hellen, perligen Gitarrenklängen, Platz nehmen auf einer großen Wiese. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen die schlechten, alten Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, Don’t know what, don’t know what…” Der folgende Track, “Catch me crying”, wird nicht geskippt, aber “Forgot To Tell You” gleich nochmal angehört.

Ein schönes Ritual: Dinge, die man zurück lassen möchte, einfach mit einem Ballon ziehen lassen.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein und ich hatte die charismatische Gitarre von The Smiths „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgange schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit. Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Goldenes Licht durchflutet auch die kleinste und verborgenste Zelle unseres Körpers. „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

Elfen-Style: So sieht es aus, Nina Perssons "Animal Heart" Cover

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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