Montag 14. November 2016

von Sandra Duvander

Die irische Künstlerin Róisín Murphy ist eine echte Rampensau und immer für ein gutes Foto zu haben (Quelle: hole-boss /instagram)

Soeben ist die Maschine von Los Angeles nach München abgehoben und ich schaue auf die im Sonnenuntergang glühenden Straßen der Stadt der Engel herab. Elf Stunden Flugzeit liegen vor mir. Ich fühle mich unendlich glücklich und dankbar über diese wundervollen Tage in Kalifornien und einen unvergesslichen Abend im El Rey Theater auf dem Wilshire Boulevard.

Vor 15 Jahren gehörte ich nicht zu den Leuten, die sich zu Moloko im Club den Arsch abgetanzt haben – heute sähe das anders aus. Seit “Hairless Toys” bin auch ich im Róisín Murphy-Fieber und habe nun das große Glück eine ganze, faszinierende und schillernde Murphy-Welt zu entdecken. Eine Welt, ja ein murphyeskes Universum, in dem Queen Róisín allein regiert, doch das jeder für sich beanspruchen kann. Dieses familiäre, intime Gefühl gibt diese Künstlerin einem unweigerlich und zu jeder Zeit.

Das El Rey Theater in sommerlich heißen L.A. - Róisín Murphys Location am 9.11.2016 (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Tonight Is The Night

Der Konzertbesuch war, dank des Tipps eines Freundes, eher spontan und wir hatten Glück noch Karten für das ausverkaufte Konzert zu ergattern. So fieberte ich die ganze Woche auf diesen Moment hin und war mächtig aufgeregt, meine neue Heldin endlich das erste Mal live zu erleben. Róisín Murphy hat an diesem Mittwoch Abend im moderat großen El Rey Theater so ziemlich jeden in ihrem magischen Bann bezogen.

Das Publikum bestand aus allerhand grotesk kostümierten, bunten Party-Poeple, allesamt gut drauf und in Clublaune. Nach dem Support “With You”, tobte die Masse vor Ungeduld. Dann kam die “Mastermind” endlich auf die Bühne, eröffnete mit gleichnamigen Song vom aktuellen Album “Take Her Up To Monto”. Wow! Was eine Granate. Róisín Murphy zeigte den Leuten, was es heißt eine begnadete Rampensau zu sein und heizte der Menge zunächst mit Moloko-Songs, wie “Forever More” und “Dirty Monkey” ordentlich ein. Die Stimmung war von vornherein heiß. Heißer wurde es nur noch durch Róisíns Allover-Sexiness, oder wie auch immer ich die gleißende Ausstrahlung dieser Frau in Worte fassen soll.

Róisín in einem ihrer unzähligen Outfits (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman

Eine Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman, die eigentlich Burlesque-Tänzerin oder Stripperin hätte werden sollen, wäre da nicht diese brilliante Stimme. Sei es der pinke Flamingo auf dem Kopf, das opulente, rüschige Ballkleid oder die Warnweste mit Schutzhelm: Egal welches Kleidungsstück aus dem Kostümfundus sich Róisín Murphy gerade elegant vom Körper streift oder wieder drüber, die Stimme sitzt und schillert in unendlichen Facetten. Kann laut und leise, schrill und sanft. Erzählen, verlangen, geben.

Nach “Dear Miami” (Overpowered) und “Tight Sweater”, ebenfalls ein Moloko-Song, folgte ein Stück von Murphys überragender Italo-Pop EP “Mi Senti”. Das stimmgewaltige “Tatty Narja” brachte die kleine Halle zum Beben. Mit “Gone Fishing”, “Evil Eyes” und “House Of Glass” folgten drei geniale Songs vom Meisterwerk “Hairless Toys”. Mit “Ten Miles High” baute Róisín in Bauarbeiterkluft riesige Murphyhäuser bis in die Stratosphäre. Und dann war es endlich soweit, darauf haben alle gewartet: “When I think that I’m over you, I’m overpowerd, it’s long overdue, I’m overpowered”. Alle haben wir laut mitgesungen, gestrahlt, und die Hymne gefeiert.

Róisín genießt es im Mittelpunkt zu stehen, hier mit pinkem Flamingo auf dem Kopf während des Songs "Gone Fishing" (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Come make me whole – Body and soul

“Never underestimate creative people and the depts that they will go…” – kurz hinter der Bühne verschwunden, toste Róisín stapfend zu den Beats von “Exploitation” (Hairless Toys), das Ballkleid rauschend in die Luft wirblend und mit Glitzermaske, auf die Bühne. Dabei sah sie aus, wie eine strahlend schimmernde Pazifikwelle. Zauberhaft. Eine grandiose Performance und einer der besten Songs des Abend, wie ich finde.

Für ein paar Minuten ruhte sich die Band backstage aus, während das Publikum wie von Sinnen “Encore, encore, encore…” brüllte. Zuerst zeigte sich die Band erneut hinter ihren Instrumenten. Dann schleppte sich Róisín, in einer Art 100 Kilo gold-schwarzem Wollfetisch-Kostüm, auf die Bühne, um die sinnliche Ballade „Exile“ (Hairless Toys) zu präsentieren. Dann drehte die Band zum Moloko-Song „Pure Pleasure Seeker“ (Things To Make And Do) völlig auf. Jeder der vier Jungs durfte mal zusammen mit Queen Róisín ins Mikro brüllen. Róisín zeigte sich dem Publikum zum Anfassen nah und heizte ihm zusätzlich mit dem Refrain der Moloko-Hymne „Sing It Back“ (I am Not A Doctor) so richtig ein. Hier grölte wirklich jeder vollen Herzens mit.

Im rauschenden Ballkleid und Glitzermaske während des Songs "Exploitation" (Foto: hole-boss /instagram)

Final spielte die Band noch einmal „Exploitation“ an und Róisín stellte, im Rhythmus zu den Beats, ihre geniale Band vor. Ich könnte die einzelnen Mitglieder jetzt googeln und aufzählen, aber was soll‘s. Der Gitarrist vor meiner Nase sah echt gut aus und erkannt habe ich nur den irren Eddie am Keybord.

Fazit: Ein echt wahnsinnig guter Abend mit einer extrovertierten, publikumsnahen Róisín Murphy, die es sichtlich liebt im Mittelpunkt zu stehen. Es wurden neue Songs von ihren Soloalben gespielt aber auch Moloko-Klassiker. Das Publikum eine bunte Mischung aus L.A.s halber Schwulen- und Queerszene und echte Fans. Die Stimmung war grandios, der Saal betanzt und bekifft. Glücklich.

Danke für einen unvergesslichen Abend in L.A. - Roisin und ihre Jungs (Foto: esdanyboy /instagram)

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