Samstag 17. Dezember 2016

von Sandra Duvander

Die Jungs das letzte Mal auf der Bühne v.l. Sami Sirviö, Joakim Berg, Markus Mustonen und Martin Sköld (Foto: rockfoto.nu)

Es ist 20 Uhr am 17. Dezember 2016. Kent betreten ein letztes Mal die Bühne in der Tele2 Arena in Stockholm. Der Abschied vom Abschied beginnt. Knapp drei Monate Tournee liegen hinter den coolen Jungs in schwarzer Lederkluft. 28 Konzerte in ganz Skandinavien. Schon in ein paar Stunden wird Schwedens größte Rockband Geschichte sein. Sie hinterlassen uns nach 26 Jahren Karriere zwölf Studioalben und unzählige Erinnerungen.

Vor einigen Tagen habe auch ich Abschied genommen. War auf dem ersten Konzert der letzten drei ins Schwedens Hauptstadt. Schon zeitig haben wir uns auf den Weg gemacht. Warten in nordischer Eiseskälte eine gute Stunde vor den Toren der riesigen Arena, um einen guten Platz vor der Bühne zu bekommen. Der Beginn der Show wird mit einem dreißig Minuten Countdown eingeläutet – auf der riesigen Videoleinwand.

Ein visuelles Spektakel - Filmemacher Adam Berg kreierte eine geniale Videoshow für Kents Abschieds-turne. (Foto: instagram)

Ein visuelles Spektakel der Meisterklasse

Von der ersten Sekunde an begegnen wir Magie auf dieser Videoleinwand. Aus dem Dunklen läuft sie auf uns zu – die uns bekannte Trommlerin mit den blonden Zöpfen, kommt näher und näher bis wir in ihre großen, wasserblauen Augen schauen. Zuerst kommen die drei Backgroundsängerinnen Daniela Sörensen, Carolina Wallin Pérez und Malin Brudellauf die Bühne. Dann Sami Sirviö, Markus Mustonen, Martin Sköld und zuletzt Joakim Berg. Ich stehe weit vorn an der Bühne, Joakim vor mir und ich kann es kaum glauben, dass dies nun das letzte Mal sein soll, dass wir einander sehen.

Opener ist eine Kurzversion von „GIGI“ vom aktuellen Album „Då som nu för alltid“. Es folgt die Hymne „999“ (Jag är inte rädd för mörkret) und eine neue, poppige Version der Ballade „Lilla Ego“ (Hagnesta Hill) aus dem Jahre 1999. Die Kent-Fans sind von Anfang an gut drauf, grölen alle Songs lauthals mit. „Romeo återväder ensam” (Du & Jag Döden) bringt mich das erste Mal so richtig zum Tanzen und ich fühle einen süßen Schmerz in meiner Brust.

Kent-Frontmann und Songwriter Joakim Berg spielt Gitarre (Foto: instagram/@sandrafotar)

Är du lycklig nu? – Bist du jetzt glücklich?

Auf den Playlists der vorigen Konzerte konnte ich bereits sehen, dass Kent „Vinter02“, einen meiner absoluten Lieblingssongs, neu in die Setlist aufgenommen haben. Der Grund dafür war mir nicht ganz klar, doch hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass sich dahinter noch etwas Anderes verbirgt, gab es doch während der gesamten Tour keine signifikanten Veränderungen an der Setlist. Dies ist aufgrund des minutiös geplanten, visuellen Erlebnisses auch nicht möglich. Videokünstler Adam Berg (Joakims Bruder) liefert wundervolle, naturgewaltige Bilder, die sich wie ein roter Faden durch das Konzert ziehen und Kents Geschichte neu erzählen. Bei „Var är vi nu“ (Tigerdrottningen) schauen wir den fallenden Schneeflocken zu und spüren dabei, wie die Erde sich dreht. Zu „Hjärta“ (Röd) bewundern wir den anmutigen, weißen Andalusier-Hengst, der auf den Punkt genau, zu Beginn des Refrains in Slow-Motion die Vorderhufe in die Höhe reißt.

Mit „Andromeda“, „Egoiste“ und „Vi är för alltid“ liefern Kent ordentlich ihre aktuellen Songs ab und lassen sich gebührend feiern. Dann zeigt sich auf der Leinwand eine nächtliche, winterliche Landschaft und ein weißer Tiger läuft durch den Schnee. Majestätisch und friedlich. Ich weiß nun wird es hart für mich. Jocke singt warm und getragen „Är du lycklig nu, är du lycklig nu? Har vi tid innan allting tar slut? (Bist du glücklich nun, bist du glücklich nun? Haben wir Zeit bevor alles ein Ende nimmt?) – Wie kann ich glücklich sein, wo es nun zu Ende geht? Wie kann ich? Und doch bin ich unendlich dankbar für all die Jahre mit Kent und lasse dieses Lied „Innan allting tar slut“ (Isola) in mein Herz strömen und die Tränen nehmen ihren Lauf. Dieses Gefühl werde ich niemals vergessen.

* “Innan allting tar slut” live in Stockholm 16. Dezember 2016 *

Die Überraschung des Abends: “Vinter17″

Eine weitere große Hitsingel folgt nach „La Belle Epoque“ (Tigerdrottningen) und „Ingenting“ (Tillbaka till samtiden) – „Kärleken väntar“ (Vapen & Ammunition). Dann gibt es die wirkliche Überraschung des Abends. Jocke erzählt, dass er während der Tour einen weiteren Song geschrieben hat, den die Band erst drei Mal geprobt hat und sie diesen nun das erste Mal live spielen werden „Vinter17“ – der Kreis schließt sich. Der neue Song ist eine gute Rocknummer und man denkt „Hey, das könnte auch ein alter Song sein, der ist cool!“

Trotzdem fand ich, dass die Band im Vergleich zu dem Konzert, welches ich am 12. November in Malmö erlebte, nicht gut drauf war. Joakim hatte kaum Lust zu reden und auch die Band machte einen müden Eindruck. Sicher werden die Jungs unglaublich erschöpft sein und sind vielleicht wirklich froh, wenn die Tour nun zum Ende kommt. Dies äußerte sich auch darin, dass die Band nicht wie sonst nach dem Konzert zu den Fans kam, um Rosen zu verteilen. Wir warteten sicher fünfzehn Minuten. Kein Jocke, kein anderes Bandmitglied ließ sich blicken. Ich hätte gern, extra aus Berlin angereist und auch Kent-Fan seit vielen vielen Jahren, eine Rose bekommen und meine Dankbarkeit persönlich geäußert. Einige junge Mädchen, die vor der Bühne lauerten, mussten bitterlich weinen, als die Security Leute verkündeten, dass heute niemand raus käme zu ihnen. Die Enttäuschung war groß. Gerade eben habe ich auf facebook ein Video mit der heutigen Bandverstellung gesehen. Joakim und die Band sind sichtlich berührt, ringen selbst mit den Tränen, bringen vor Rührung kaum ein Wort raus. Am heutigen Tag ist Kent bewusst, dass es das nun war. Mir stockt der Atem bei diesem Anblick.

Auch Kent sind vom Abschied sichtlich berührt und verteilen Luftküsse für die Fans (Foto: Instagram/@lovisaantonsson)

Im Refrain zu „Jag ser dig“ (Jag är inte rädd för mörkret) kann sich das Publikum selbst auf der Leinwand sehen. Sich erkennen, winken, sich freuen. „Musik non Stop“ (Hagnesta Hill) wird eine richtige Popnummer und das schwedische Hochzeitstanzlied Nummer Eins „Utan dina andetag“ bricht auf diesem Konzert wirklich jedem das Herz. Ich muss sagen, dass mich Joakims Gesang an diesem Abend wirklich beeindruckt, berührt hat. Ich habe ihn noch niemals so warm, gefühlvoll und klar singen hören. Chapeau!

„Välkommen, välkommen hit! Vem du än är, vad du än är.“ In den Neunzigern holte man zum Schunkeln die Feuerzeuge raus, heute gibt es die passende App, um bei „Sverige“ (Vapen & Ammunition) Stimmung zu erzeugen. Es ist so schön, all die tausenden Lichter zu sehen, die die Arena hell erstrahlen lassen und so ein Gefühl von Gemeinsamkeit erschaffen. Du gehörst dazu, wir alle sind willkommen und gehen diesen Weg gemeinsam. „747“ (Isola) war stets der letzte Song auf allen Kent-Konzerten. Ein Song, welcher mir persönlich sehr viel bedeutet. Nun tanzte ich ein letztes Mal dazu. Ein letztes Mal sind tausende Arme in der Luft und winken im Takt nach links und rechts.

* ich habe mich sichtlich über den Konfettiregen gefreut *

Den sista sången – Das letzte Lied

Dann die erste Zugabe: “Förlatelsen”. Über mein Lied habe ich in meinem letzten Blogeintrag schon ausführlich geschrieben. Es folgt das ultrapoppige „Dom andra“ eine Singel von Kents Hitalbum „Vapen & Ammunition“ (2002). Dann ist es an der Zeit: „Vi ska alla en gang dö…“ (wir werden alle einmal sterben…) „Mannen i den vita hatten“ (Du & Jag Döden) ist bombastisch, strahlend, explosiv. Jeder im Saal weiß, dass sich gleich der Himmel öffnet und es buntes Kent-Konfetti regnet. Doch das ist nur der kleine Tod. Denn er kommt erst – “Den sista sången”.

Die Masse tobt, ruft laut: „En gång till, en gång till, en gång till…“, voller Erschöpfung vom Singen, Applaudieren, Tanzen, Jubeln, Weinen, nach bereits zwei ein halb Stunden Spielzeit und 24 Liedern. Auf der schwarzen Videoleinwand läuft eine Gestalt auf uns zu, wie schon zu Anfang des Konzertes. Ein Kind, doch das Bild sieht aus wie ein Foto-Negativ. Dann kommen zuerst die Mädchen zurück auf die Bühne, lassen sich feiern und dann die Jungs. Alle ganz in weiß gekleidet. Markus haut schwer in die Trommeln seines Schlagzeuges und es ertönen wundervollste sphärische Gitarren. Jocke singt die ersten Zeilen, als würden warme Sonnenstrahlen aus ihm heraus fließen “Dina solvarma händer, svala stillahavsvindar lekte i ditt hår…” Nur vor ein paar Wochen bin ich noch mit einem Freund in der kalifornischen Sonne durch Malibu gecruist und wir hörten dieses Lied. „…jag minns det som om det var igår, vi körde genom Malibu när det äntligen blivit vår…” wir sehen uns an und müssen lachen.

Nun zieht sich der alte, weiße Tiger zum Sterben in sein dunkles Versteck zurück. Vielleicht ruht er sich aber auch nur aus und wagt sich in ein paar Jahren wieder zurück ins seine alte Welt. Vi har en mikroskopisk chans att bli gamla tillsammans.

* Kents Abschiedsvideo “Den sista sången” erschien am 19. Dezember 2016 als Dank an die treuen Fans *

Kent verbeugen sich vor ihrem Publikum (Foto: instagram/@nilscarmel)

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1 Kommentar zu “Abschied von Kent – “Den sista sången” live in Stockholm”

  1. [...] Konzerte gab einige wunderbare in 2016. Mit einem Freund aus München war ich im April bei Muse in London in einer riesigen Arena und über 60.000 singenden Fans. Die Show einfach der Wahnsinn. Fliegende Drohnen und eine 360 Grad Bühne mit 3D Effekt. The Cure habe ich seit 10 Jahren das erste Mal wieder live gesehen. Nicht zu vergessen der Abschied von meiner Lieblingsband Kent und meine beiden Konzertbesuche in Malmö und Stockholm bei ihrer Abschiedsturnee „Den sista sangen“ [...]

Über Mittsommernnachtsspitzen

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