Freitag 30. Juli 2010

von Sandra Duvander

Auf 20 Jahre Bandgeschichte und 9 Studioalben kann Kent mittlerweile zurückblicken. Fans der ersten Stunde können sich sehr wohl noch mit Joakim „Jocke“ Bergs rotzigem Gesang und dem frischen aber oft dreckigem Gitarrensound der ersten Jahre identifizieren. Ende der Neunziger waren es Kents Alben „Isola“ und „Hagnesta Hill“, die mit schwelgerischer Melodramatik Melancholiker dahin schmelzen ließen. Tendenziell wurden Kent mit den Jahren immer elektronischer – noch brüsten sie sich auf ihrer Homepage aber mit dem Titel „Sveriges största rockband“ – Schwedens größte Rockband.

Nach Jahren harter Arbeit, die gekrönt wird mit dem Playstation-Karaokespiel „Singstar“, gönnen sich Kent nun ihren Platz in der Sonne. Cover und Titel des neuen Albums „En Plats I Solen“ vermitteln ein Gefühl von Pauschalreise. Es wurde billig eingekauft. “Getty Images” bietet eine Vielzahl an Bildern mit tollen Urlaubsmotiven und Kent wurde glatt fündig. Fast sieht man Jocke Berg und Martin Sköld Cocktail-schlürfend am Strand unter Palmen sitzen und locker ein paar seichte Melodien trällern. Auch der Titel des Albums ist verraucht. Vor zwei Jahren erschien in Kents Heimat der Roman “En Plats I Solen” von Liza Marklund und schon 1951 badete Liz Taylor im gleichnamigen Film im Sonnenlicht. Und inhaltlich?

„En Plats I Solen“ ist nur stellenweise ein entspanntes Sommeralbum. Die Doppelsingle „Gamla Ullevi/Skisser För Sommaren“ vermittelt mit ihren sonnigen Beats und der fluffigen Hookline zwar ein großes gemeinschaftliches Party-Gefühl, ein angenehmes Nebeneinander – doch gibt es die für Kent typische traurige Gewissheit um die Flüchtigkeit des Moments. „Du hittar inget här bara ögonblick när man förlorar sitt grepp om tiden“ (du findest hier nichts, nur den Augenblick in dem man das Gefühl für die Zeit verliert) heißt es in „Team Building“. Ein Song, dessen Basslinie sich sofort ins Herz wippt und der als Höhepunkt der Platte einen Hauch von Wehmut hinterlässt.

Nach dem kühlen, elektronischen Album „Röd“ halten nun wieder Gitarren Einzug in Kents Ferienreservoir. Sanft führt die Band mit stehenden Akustikgitarrenakkorden in ihr neues Album ein. Der Opener „Glasäpplen“ klappt weit auf und wirkt, mit einer gewissen Monotonie, wie ein Sog gegen den man sich schlecht wehren kann. Wirkt auf „En Plats I Solen“ aber auch der winterliche Vorläufer. Einige der 10 Lieder wurden sogar noch für das Vorgängeralbum geschrieben und so finden wir uns mit „Ismaels“ kristallklarem Melodieverlauf und seinen gewaltigen Bässen auf dem Dancefloor eines Elektroschuppens wieder. Doch eine Prise Düsterkeit wie in „Minimalen“ und “En Ensam Lång Väg Hem” schadet nicht. Wo Sonne ist, ist eben auch Schatten. Das weiß niemand besser als Jocke Berg.

Nichts bleibt wie es ist in „Ärlighet, Respekt, Kärlek“ – eine gelungene mit Streichern und Chor gestützte Midtempo-Ballade, die uns vor Augen hält, was wir verlieren können. Anschließend verlieben wir uns neu in „Varje Gång Du Möter Min Blick“, lassen uns verzaubern vom Moment der ersten Begegnung. Kent hat hier liebevoll zwei magische Popnummern mit echtem Ohrwurmcharakter produziert, die den Kern von „En Plats I Solen“ bilden und hitverdächtig an das Erfolgsalbum „Vapen & Ammunition“ von 2002 erinnern.

Kann gut sein, dass Kent mit „En Plats I Solen“ an diesen einstigen Erfolg anknüpfen will. Wie auf der „Vapen & Ammunition“ gibt es auch hier weibliche Unterstützung. „Passagerare“  ist ein Duett mit Gesang von Rebecka Törnqvist und bildet den Abschluss des Albums. Ein Frage-Antwort-Spiel bestimmt den Refrain dieses Stückes und besticht den Hörer mit seiner geheimnisvollen Atmosphäre. „Vad är min tystnad värd?“ – Was ist mein Schweigen wert?

Nun Kent können mittlerweile machen was sie wollen. Sich den Luxus leisten mitunter halbherzig Alben zu produzieren. Der Kent-Fan steht zu seiner Band, wie eine Mutter zu ihren Kindern und wird kaum etwas schlecht finden. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. So auch „En Plats I Solen“, das letztendlich nicht wirklich mit seinen Vorgängern mithalten kann, aber auf seine Weise gelungen ist. Denn Jocke Bergs Stimme und seine melancholische Lyrik sind „zuhause“. Seine Stimme weckt die süße Sehnsucht nach etwas was man nicht kennt – nie kannte-  nie kennen wird.

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2 Kommentare zu ““En Plats I Solen” von Kent”

  1. Frank sagt:

    Fand Röd ja leider nicht gut, vielleichtn sollte ich mir die hier doch mal anhören, wenn mehr gitarren drauf sind und nicht so viel elektro wie vorher.

  2. laika sagt:

    schöne Rezension, ich sollte es mir nochmal anhören. Im Vergleich zu dem hier http://plattenvorgericht.blogspot.com/2010/07/kent-en-plats-i-solen.html kann man sich bei dir ja noch sein eigenes bild machen

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