gemacht für die Ewigkeit: Slowdives "Just For A Day"

Da ist es wieder: dieses kaum Aushalten können vor Schönheit. Das Engegefühl in der Brust, der Kloß im Hals, der die Luft zum Atmen so sehr abschnürt. Tränen suchen sich ihren Weg aus den Augen, fließen über Wangen, Mund, tropfen ins Dekolleté. Wie quälend schön sind diese Synthesizerteppiche, diese lieblich traurigen Gesänge. Dieses heiße Anschwellen der Gitarrensounds in “Catch The Breeze”: ”…hey are you feeling something new?…”

Einige Jahre ist es her, dass ich Slowdives Debutalbum “Just For A Day” das letzte Mal hörte. Heute stelle ich mit süßem Schmerz in der Brust fest, dass es nichts von seiner betörenden Wirkungskraft verloren hat. Der Schmerz wird nunmehr gefüttert von Erinnerungen. Erinnerungen, die mitunter 20 Jahre alt sind. Für wie viele Menschen war dieses Album ein Rettungsanker auf der stürmischen See der Gefühle, ein Licht in so manch dunkler Nacht? Eine tröstende, wenn auch schwere Decke? Wie Blei lag die Magie dieses Werkes oft auf unserer Seele. Doch spiegelte es nur unsere Melancholie – war und ist zuhause.

All das begann mit einem Trick. Slowdive tourte im Sommer 1991 mit den Songs ihrer 3 EPs. Neil Halstead – Sänger, Gitarrist und Songwriter der Shoegaze-Band aus Reading – erzählte Alan McGee von Creation Records Slowdive hätte genug Songs für ein Debutalbum. In Wirklichkeit war dies nicht der Fall. Die Band hatte nicht einen einzigen neuen Song, durfte jedoch auf Kosten von Creation ins Studio. Der ganze Prozess des Songwritings verlagerte sich auf mehrere Wochen Tonstudio inklusive harten Cannabiskonsums.

Das im Rausch von 6 Wochen produzierte Debut der Dreampopper wurde am 2.September 1991, vor genau 20 Jahren, veröffentlicht und rutschte tatsächlich in die Top10 der UK Indie Charts. Geliebt wurde das schwermütige Werk von den Kritikern trotzdem nicht. Es wurde als Gegenschlag zum aktuellen Shoegazetrend verrissen und als ideenlos und düster hingestellt. Ein Schicksal, welches sich alle Alben von Slowdive teilen mussten. Zu unrecht. „Just For A Day“ kann nur als gute Kinderstube ihres folgenden Werkes „Souvlaki“ gelten und findet in „Pygmalion“ seine Vollkommenheit.

Slowdive 1991 - das Girl ist Bassistin & Sängerin Rachel Goswell. Der Typ ganz rechts Frontmann Neil Halstead

Keinem Liebhaber des Dreampop bleibt der Zugang zu “Just For A Day” verwehrt. Wir glühen mit der schweren Hitze des Openers “Spanish Air”.“Celias Dream” ist der schönste Traum, den wir träumen können. “Waves” und “Brighter” lassen uns im blendenden Glitzern der Wellen auf das weite Meer hinaustreiben. Wir verirren uns – so gewollt. Werden immer kleiner, verlieren uns – so gewollt.

Hypnotisierend umkreist Rachel Goswells zarte Stimme, den knabenhaft reinen Gesang von Neil Halstead im letzten Song “Primal”. Wie unschuldig wird er zerdrückt, von einer Macht, die er nicht besiegen kann. “…I can’t believe, it scares me, can’t believe…” Niemals zuvor haben zwei Stimmen so gänzlich harmoniert, wie diese beiden, sowohl bei Slowdive als auch bei der aktuellen Band Mojave3. Als wären sie ein Liebespaar, dass nicht zueinander finden kann, voller Sehnsucht und Herzeleid.

Die Musik von Slowdive, so auch ihr Debut “Just For A Day” ist für Melancholiker gemacht. Kaum anders lassen sich diese von Schmalz triefenden, wehleidigen Songs ertragen. Leiden muss man lieben, weil Liebe Leid niemals ausschließt. Weil die Liebe nicht unendlich ist, wir uns im Moment des größten Glücks ihrer Vergänglichkeit bewusst sind. “Love, just for a day…”

Heute nach 20 Jahren kann ich mich nur für all die Momente, die ich mit dieser Platte und auch mit dieser Band verbinde, bedanken. “Just For A Day”, ein Album für die Ewigkeit gemacht. Nicht immer zu hören, doch all die Jahre immer wieder einmal.

Lauschen:

Slowdive – Primal

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Slowdive – Celia’s Dream

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Tags: , , , , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

So wie Porzellan - das Cover des aktuellen Albums von Fotos

Ich wußte, dass ich die Hamburger Band Fotos nicht schlecht finde, wenn immer ich sie in den vergangenen Jahren mal irgendwo gehört habe. Dass sie einen wahrhaften Gefühlssturm in mir auslösen, habe ich erst in den letzten Tagen erfahren. Erst vor kurzem kaufte ich ihre aktuelle Scheibe “Porzellan”. Ich würde glatt sagen, dass es mein Album des Jahres ist, doch das “zerbrechliche” Stück erschien schon im Herbst 2010. Wenn es nur 20 Jahre älter und in England produziert worden wäre, könnte man meinen Alan McGee von Creation Records hätte seine Finger im Spiel gehabt. Die Lücke zum internationalen Indiepop-Trend erkannt, sind die Jungs von Fotos auf den Zug des Shoegaze-Revival aufgesprungen und sind dabei absolut überzeugend.

Als ich das Albumcover gesehen habe, musste ich an Tocotronics geniales “weißes Album” denken – muss ich gestehen. Eine Fragilität mit klaren Strukturen. Ich erwartete ein helles Rauschen, welches beim ersten Hören auch tätsächlich durch meine Gehörgänge in die Seele drang. Ausgerechnet mit den Aufnahmen von Olaf Opal, dem Produzenten von Juli, Slut und The Notwists wunderbaren Album “Neon Golden” verabschieden sich Fotos vom Deutschrock der Vorgängeralben. Das neue Soundgewand steht ihnen gut.

“Porzellan” startet mit einem durchsichtigen Intro. Eine Welt in feine, leicht zerreißbare Spitze gehüllt. Zart und klar, bis die kreischenden Gitarren und tobenden Drums von “Alles Schreit” die Transparenz zerfetzen. “Kein Glitter und kein Glanz scheint mir erstrebenswert, ist nur Flitter ist nur Ramsch, der ständig an mir zerrt. Der schrille Shoegaze-Sound scheint wie immer optimal die Vergangenheit von sich wegzusprengen. Der Band wird es nicht leid in aktuellen Interviews zu thematisieren wie EMI sie in eine bestimmte Image-Schublade drängen wollte. Der Titelsong “Porzellan” wirkt dagegen recht sperrig. Den mehr klagend rufenden Gesang von Thomas Hessler (Tom nicht “Icke”) muss man hier mögen. Mich erinnert er zu sehr an Kim Frank von Echt. Der Refrain fegt alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Es wird Platz geschaffen. Platz für die “Nacht”.

Dort will man verweilen, nie dass sie zuende geht. “Bring mir die Nacht, bring mir ihr Fieber, bring mir heimlich ihre elegante Pracht, ihre rätselhafte Fracht. Katzenhafte Gitarren säuseln wie kühler Wind durch Weite und Stille der Nacht. Todessehnsucht finde ich darin. Verloren im All der Fragen, warten auf den Wagen, der die Nacht bringt und ertragen Hesslers Stimme klingt sensibel, fleht um Erlösung und ist dabei nicht allein. Die zweite Stimme von Valeska Steiner lockt mehr und mehr in die geheimnisvolle Dunkelheit.

Fotos vor der Taj Mahal - Deniz Erarslan, Tom Hessler, Benedikt Schnermann, Friedrich Weiß (v.l.)

Wundervolle Chöre und zweite Stimmen von Valeska finden wir auch in “On The Run”, “Wasted” und im letzten Song “Wellen”. “On The Run” klingt wie eine abenteuerliche Flucht. Am Ende steht man jedoch da und bemerkt, dass man sich wie in einem Albtraum nicht von der Stelle bewegt hat. Keine Chance dem eigenen Kerker zu entkommen. Um eine vergangene Liebe dreht es sich in “Wasted”. Eine perlige Gitarre füllt den Raum zwischen den Gesängen: Da ist ein Sieb in unserem Kopf, durch das Erinnerung troft, die an dich und die an mich

Bedrohlich wird die Stimmung in “Feuer”. In den tiefen stampfenden Bässen hören wir die Glut pulsieren und die Flammen aufkeimen. Ein vernichtendes Lodern, langsam und qualvoll: Mein Feuer frisst dein Feuer, mein Feuer frisst dich”. Der darauffolgende “Ritt” ist wie ein Trip. Eine gezupfte Gitarre, ein Gesang, so zerbrechlich wie die Illusionen eines Rausches. Wie eine Rückwärtsfahrt durch das eigene Leben. Wir bleiben nicht stehen bis wir die Welt von vorne sehen”

Das man keine Angst vor der “Angst” haben muss, erfahren wir in diesem großartigen Popsong. Was hier an Genialität und Einfachheit aufeinander trifft, lässt mein Herz mit den coolen Drums vom Snareman Benedikt Schnermann vor unsäglicher Freude hüpfen. Sag “Hallo!” zu deiner Angst, schau ihr direkt ins Gesicht. Große Britpop- und Shoegazeikonen können hier Angst um ihren Thron bekommen, so majestätisch kommt das Stück daher. Das letzte Highlight von “Porzellan” ist “Raben”. Wieder einmal lassen Fotos die Vergangenheit zurück, retten sich wie Ratten an Land. Episch und triumphierend marschieren sie in ihre eigene Welt – selbstbestimmt und neu definiert.

Fazit: “Porzellan” von Fotos trifft den Indie-Zeitgeist wie kein anderes deutschsprachiges Album. Lyrisch und musikalisch führen sie die Tradition der Hamburger Schule-Bands fort, haben sich dabei aber doch neu erfunden. Hier fahren Engel Achterbahn und ich fahr mit. Das Album erschien am 10.September 2010 auf Snowhite/Universal.

Schauen: Video zur aktuellen Single “Nacht”

Lauschen: Fotos – Angst

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Tags: , , , , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·

Herzschlag

Wenn man, wie ich mit Liegegips „Das Fenster zum Hof“ spielt, und gegenüber immer nur den gleichen langweiligen Typen aus dem Fenster rauchen sieht – bietet es sich derweilen an ein paar Horrorfilme aus dem Regal zu fischen. Um die Besonderheit des heutigen Tages zu unterstreichen, nehme man „My Bloody Valentine“ aus dem Jahre 1981 an – Splatter pur. Dort werden wenigstens echte Herzen verschickt und ein bisschen Kannibalismus gibt es auch – man kann sich also zum Fressen gern haben. Okay, die Story um die verschütteten Bergleute ist etwas platt, führt sie doch aber zu einer der besten und prägendsten Shoegaze-Bands aller Zeiten.

Die Urmitglieder von My Bloody Valentine – Gitarrist und Sänger Kevin Shields und der Drummer Colm Ó Ciosóig – kannten sich schon aus frühester Dubliner Kindheit. Die Beiden spielten schon zu Schulzeiten in verschiedenen Bands miteinander. Nach der Schule wurden da wohl heimllich Splatter-Movies geschaut, die anscheinend derart reinhauten, dass sie hilfreich bei der Suche nach einem geeigneten Bandnamen waren.

Ungewöhnlich, wie der Bandname, war auch My Bloody Valentines Musik. Fette Gitarrenwände, der Einsatz von Rückkopplungen und sphärische Gesänge im Hintergrund, machten ihren Sound unverwechselbar und waren richtungsweisend für die Entwicklung der britischen Musikszene Ende Achtziger/ Anfang Neunziger. Klaus Lage beschrieb ihre Musik als „Engel fahren Achterbahn“ – anders ist es nicht.

Ihre wichtigen EPs und Alben produzierten My Bloody Valentine auf Alan McGees Label Creation. Die Produktion ihres verführerisch pulsierenden Albums „Loveless“ führte das Indielabel 1991 in finanzielle Schwierigkeiten – das ist wahre Leidenschaft. Die Band musste jedoch zwangswechseln zu Island Records. Auch dort gab es Ärger. My Bloody Valentine hatte 500.000 Pfund für unverwertbare Studioaufnahmen ausgegeben und wurde daraufhin rausgeschmissen. Das war das Beziehungsaus.

Das Fenster zum Hof

Wer hat die bessere Aussicht?

„Loveless“ – eigentlich das schönere, erotischere Geschenk zum Valentinstag. Klänge, die das Blut ins Wallen und den Körper zum Beben bringen. Ein Album zum Träumen. Schmeißt die Pralinen und Blumen in die Tonne und legt dieses Album auf. Auch ich lausche gerade – diesem Highlight des Tages. Derweil schaue ich aus dem Fenster. Vielleicht kommt Grace Kelly ja noch vorbei und zaubert mir ein perfektes Dinner. Vegetarisch bitte.

Musik für das perfekte Valentinsdinner von My Bloody Valentines Album “Loveless”  & Lambs “Between Darkness And Wonder”:
My Bloody Valentine – Blown A Wish
My Bloody Valentine – Only Shallow
Lamb – Hearts And Flowers

Besser als der Slasher-Movie:

Tags: , , , , ,

· · · ◊ ◊ ◊ · · ·
Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.