50 und kein Stück weniger Sexappeal - Dean Wareham

Dean Wareham musiziert jetzt ohne Britta – und was soll man sagen: Sein erstes Soloalbum ist eine Streicheleinheit und einfach herrlich lunaesque. Im Herbst letzten Jahres kündigte der Ex-Luna Frontmann dieses frühlingshafte Album bereits mit der EP “Emancipated Hearts” an. Ein Befreiungsschlag. Deans sensible, fragile Stimme, die immer noch einen glitzekleinen, charmanten neuseeländischen Akzent aushaucht, klang noch nie so befreit. Fast so als hätte man den Schleier einer Braut gelüftet, die gerade vom Altar geflohen ist. Reiß ihn vom Kopf, schmeiß ihn hoch in die Luft und schaue in den wolkenlosen, sonnigen Himmel und fühle das freie Hüpfen deines Herzens. Lass uns einfach durchbrennen!

Einfach alles zurück lassen – einen Moment lang, ein Album lang. Und dann nochmal auf Repeat. “The Dancer Disappears” – aber nicht von der Tanzfläche, sondern in eine andere Welt. Schon dieser erste Track enthüllt eine zauberhaft schöne Traumwelt, die ganz eigene Welt von Dean Wareham. “…There’s a dream, there is a dream that I’m to catch… I’m ready to leave this whole wide world behind…” Wie in Zuckerwatte gebettet, gleitet man in einem Ford Galaxy 500 durch die Milchstrasse, umgeben von glitzernden Synthesizer-Klängen. Und dieser holzige, klare Basslauf erst, was macht der mit mir?! Der ist wie das Schnurren einer Katze, einer sehr gemütlichen, freundlichen, groovigen Katze. Deans Frau Britta lässt hier ihre Wärme in die Seiten fließen.

The Dancer Disappears from Dean Wareham on Vimeo.

Wareham muss uns nicht davon überzeugen, dass er noch immer ein begnadeter Gitarrist ist. Aber er ruft es uns wieder ins Gedächtnis mit einem federleichten Gitarrensolo in “Beat The Devil”: Ein Song so leicht wie ein Wiegenlied. Rein und jungfräulich nahezu. Die Spiritualität eines Kindes und eines alten, weisen Mannes treffen in “Heartless People” gleichermaßen aufeinander, wahrhaft gesegnet. “But You, You and I, hate to see a flower die…”. Bemerkenswert ist auch Warehams Gitarrensolo in “I Can Only Give My All”. Dean selbst sagt, dass er sich in diesem Gitarrensolo vollkommen verloren hat.

Leichtigkeit weicht auf dem neuen Album nur selten bittersüßer Wehmut. Die ist so schnell vorbei, wie man einen Martini Dry ausgeschlürft hat. “Love Is Not A Roof Against The Rain” stimmt uns melancholisch und lässt uns über die Dinge im Leben nachdenken, die wir erreicht haben oder auch nicht.

Aufgenommen wurde die Platte in Kentucky, im Haus des Produzenten Jim James, Sänger und Songwriter von My Morning Jacket. James Input war wichtig für die Platte und dessen Sound. Er hat ein bisschen Magie in die Songs gestreut. In „Babes In The Woods“ spielt er die knirschende, verzerrte Gitarre, die klingt als würde ein Ungeheuer durch das Tiefste des Waldes stapfen und Frieden und Idylle zertreten. Ein willkommener Störenfried. Das Tamburin gibt dem Song zum Ende hin einen genialen Drive. „…Take care…Take care…Take care of the Babes in the Woods…“ singt Wareham in hoher Kopfstimme. Geht für mich auch echt in Endlosschleife – einer meiner neuen Lieblingssongs.

Seine Kopfstimme erinnert mich hier an die alten Zeiten von Galaxie 500. Und ich war von jeher ein Fan. Auch Luna habe ich später nicht weniger geliebt. Eine Neuauflage von Galaxie 500 bzw. Luna wird es jedoch nicht geben und ich bin heilfroh, dass Wareham nicht mit auf den Reunion-Zug aufspringt, wie Slowdive, My Bloody Valentine oder andere Dreampop-Bands. Dean sagt dazu: “Es wäre so, als würde man wieder mit einer Ex-Freundin aus der High School zusammen kommen, in diesem Fall mit Zweien”.

Es wird eine kleine Tour geben und Wareham wird unter anderem auf dem Indietracks Festival in Derbyshire Ende Juli spielen. Die Band probt schon fleißig. Seine Frau Britta Phillips wird am Bass mit auf Tour sein. Warehams Freund Roger Brogan wird die Drums spielen und Raymond Richards übernimmt die spacigen Keybordsounds. Richards tourte auch schon mit Hope Sandoval und Mojave 3 (ehemals Slowdive). Es werden auch die besten Stücke von Luna und Galaxie 500 auf den Konzerten nicht ungehört bleiben, was meine Freude nur steigen lässt.

Es ist spät, es war ein herrlicher Tag und es wird Zeit zum Einschlafen, um dabei noch einmal dieses bezaubernde Album zu hören. Dann streut dieser attraktive Dean Wareham mir mit all seinen Songs noch etwas Sternenstaub in die Augen und schickt mich ins Reich der Träume: “…There’s nothing wrong with the road we’re on… Happy and free for a while…Happy and free for a while…”

Dean Warehams erstes, selbstbetiteltes Soloalbum erschien am 11.März 2014 und ist als CD und auf Vinyl erhältlich (und natürlich digital).

So schaut sie aus die brandneue Scheibe von Dean Wareham

Lest auch gerne meinen Artikel über Luna: The Greatest Band You Never Heard Of. Dort erfahrt ihr einiges über Deans frühere Bands Luna und Galaxie 500 und deren Entstehung.

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Dean & Britta

durchgebrannt - Dean & Britta

Eine sanfte Stimme, eine warme, singende Gitarre und eine unglaubliche Gelassenheit – das sind sie wohl die Markenzeichen von Dean Wareham. In Sachen Sexappeal und Coolness ist Wareham kaum zu übertreffen – wäre an seiner Seite nicht seine attraktive Ehefrau – die Bassistin und Sängerin Britta Phillips. Kennen lernten sich die beiden vor elf Jahren in New York City – in Deans Band Luna.

Luna – das ist Wärme, Weite und Erdigkeit – doch auch die Enge der amerikanischen Großstadt. Alternative Country – schwer wie ein heißer Sommertag, und doch luftig und leicht, wie der Rock eines Mädchens, der vom heißen Wind leicht angehoben wird. Sinnlich und rund, wie die Kurven, die sich darunter verbergen. Aber auch kantig, wie die Gesichter der Häuser in der Fifth Avenue. „The greatest band you never heard of“ nennt das „Rolling Stone Magazin“ Luna noch heute. In der Tat kennen sie nur wenige. Dabei könnte die Band heute auf 20 Jahre Geschichte zurückblicken – wenn es sie denn noch gäbe.

Das Ende von Luna war der Anfang des Duos Dean & Britta. Der Anfang von Luna war das Ende eines Trios – Galaxie 500. 1977 zog der 1963 in Wellington in Neuseeland geborene Dean Wareham nach New York City. Wareham ging dort auf die Dalton Schule und lernte 1981 seine späteren Galaxie 500-Mitstreiter Damon Krukowski und Naomi Yang kennen. Viele Jahre waren die drei eng befreundet und besuchten auch die Harvard-Uni in Boston. Dean Wareham ist also kein typischer Rockstar – er ist ein typischer Rockstar mit Soziologie-Studium.

In heimischen Gefilden gründen Soziologen, die frisch von der Uni kommen ein Taxiunternehmen – soweit das Klischee. In Amerika hat man, sofern sich Gleichgesinnte finden, das Glück eine Band zu gründen. Wareham hatte viel Glück, denn Galaxie 500 war mit ihrem Slowcore beliebt und konnte Ende der Achtziger vor allem im shoegazeverrückten England punkten. Nach der Produktion von drei Alben „Today“, „On Fire“ und „This Is Our Music“ hatte Dean Wareham das Leben mit der Band jedoch schon ziemlich satt.

1990 stand eine große Japan-Tour als Vorband der Cocteau Twins an. Damon und Naomi wollten diese Tour unbedingt machen und riefen Dean an um zu fragen, ob er einverstanden sei, dass sie Tickets für den Flieger kaufen. Dean sagte am Telefon einfach: „Nein ich komme nicht mit!“ Er kündigte quasi aus heiterem Himmel – so kam es zumindest den beiden anderen vor. Er wollte einfach raus aus der Band – sich wieder frei fühlen. Die tiefe Freundschaft, des seit der Schulzeit eingeschweißten Teams, musste in den kommenden Jahren stark leiden. Doch für Wareham fiel mit dem Ausstieg aus Galaxie 500 ein großes Gewicht von seiner Seele. Es war Zeit für etwas Neues und Frisches – Zeit für Luna.

Luna

Luna: Sean Eden, Dean Wareham, Lee Wall und Britta Phillips (v.l.)

Klang Galaxie 500 wie eine alte Spieluhr in den letzten Atemzügen – hat Dean bei Luna ordentlich am Schlüssel gedreht. Das neue Tempo stand Luna gut. Mit der neuen Band ist es ihm gelungen sein Talent als Songwriter weiter auszubauen. Deans Gitarrenspiel wurde immer beseelter und subtiler, ging weite Wege, ja erzählte mehr und mehr die Geschichte eines jeden Liedes.

Luna habe ich zuletzt 2000 im Hamburger Logo zu ihrer „The Days Of Our Nights“ Tour gesehen. Dean sagt über Lunas fünftes Album „The Days Of Our Nights“, dass es mit Abstand das Schlechteste war, was die Band jemals produziert hat. Luna stand damals enorm unter Druck und musste für ihre Plattenfirma Elektra ein „Hitalbum“ produzieren – andererseits würden sie rausfliegen – was sie auch taten. „The Slow Song“ war der Lieblingssong des Produzenten, der meinte man solle die Qualität des Songs an den Rest von „The Days Of Our Nights” anpassen und einfach auf Deutsch singen – to fuck it up. Der Text ist tatsächlich ein eher amüsanter. (Hörprobe am Ende des Textes)

Britta Phillips ist damals frisch als Bassistin für Justin Harwood (früher The Chills) in die Band gekommen. Beim Hamburger Gig hat sie einen souveränen, verdammt groovigen Bass gespielt und sah in ihren Hot Pants so heiß aus, wie die junge Brigitte Bardot. Als Luna dann ihre Coverversion von Serge Gainsbourgs „Bonnie & Clyde“ spielten, und Dean und Britta gemeinsam sangen, ist mir das Knistern zwischen beiden nicht entgangen.

Dean war zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer anderen Frau verheiratet – mit Claudia Silver. Er heiratete sie 1992 am Ende der ersten Tour zum Debut „Lunapark“. In seinem Buch „Black Postcards“ erzählt Dean Wareham, wie er sich sofort in Britta verknallt hatte und nur noch an sie denken konnte. Zunächst gab es eine jahrelange heimliche Affäre, die auch vor dem Luna-Gitarristen Sean Eden und dem Drummer Lee Wall verheimlicht wurde. Wareham wollte seine Frau Claudia und den kleinen Sohn Jack nicht verlassen. Doch die Affäre flog letzendlich auf und die Ehe zerbrach.

Wie sich Dean und Claudia auseinander lebten, lebte sich auch Luna auseinander. Nach 14 Jahren Höhen und Tiefen in der Band, die das Geheimnis um Deans Affäre mittragen musste, war einfach die Luft raus. Auch wurden die Alben nach dem Einstieg von Britta nicht unbedingt besser. Luna gab 2004 ihre Auflösung bekannt und verabschiedete sich 2005 mit einer großartigen Tournee, die in New York im Bowery Ballroom endete.

Luna kann stolz auf acht Studioalben zurückblicken, von denen drei wirklich herausragend sind: „Bewitched“, „Penthouse“ und „Pup Tent“. Ihr Album „Penthouse“ (1995) ist sicher ihr bestes Werk. Midtempo Gitarrenrock der träumt, nichts Böses ahnen lässt und doch Geheimnisse in sich trägt. Auf Amazon hat jemand „Penthouse“ so beschrieben: „[...]it sounds like lipstick traces on your cheek alone in a warm taxicab and the first snowflakes just getting flicked away by the windshield wipers. It sounds like one single light still softly on at 3 AM in the windows of an otherwise all dark building across Fifth Avenue from Central Park; awful things happening there perhaps, but you’re pretty sure not[...]“.

Black Postcards

Deans Memoiren "Black Postcards - A Rock & Roll Romance" (Penguin, 2008)

Wenn Ihr mehr über Dean Wareham und Luna wissen wollt, empfehle ich seine Autobiografie „Black Postcards“ – A Rock‘n Roll Romance“. Dean plaudert dort über seine Erfahrungen mit der Musikindustrie und über das Bandleben.

Diskografie / Alben:

  • Lunapark (1992)
  • Bewitched (1994)
  • Penthouse (1995)
  • Pup Tent (1997)
  • The Days Of Our Nights (1999)
  • Luna Live [live] (2001)
  • Romantica (2002)
  • Rendevous (2004)
  • Best of Luna (2006)
  • Lunafield (nur als Download)

Hier könnt ihr einige Songs von Luna hören. Der Song “Bonnie & Clyde” ist ein Duett mit Laeticia Sadier (Stereolab):
mp3:Luna – Bonnie & Clyde (Penthouse)
mp3:Luna – Beautiful View (Pup Tent)
mp3:Luna – Lost In Space (Penthouse)
mp3:Luna – The Slow Song (The Days Of Our Nights)

“Slide” von Debut “Lunapark”

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Seit über 20 Jahren werden Dean Wareham’s bahnbrechende Bands Galaxie 500 und Luna andächtig verehrt und hoch gelobt. Das nicht nur von Fans: Rolling Stone nennt Luna „the greatest band you‘ve never heard of“ und ihr Album „Penthouse“ ein essentielles Werk der Rockgeschichte.
Angetan vom Serge Gainsbourg‘s und Lee Hazelwood’s Sound musiziert Wareham derzeit mit seiner Ehefrau Britta Phillips als Dean & Britta.
In diesem Sommer ließ er seine alte Band Galaxie 500 neu aufleben und tourt noch bis Ende Dezember durch Amerika.

Ein Porträt über Dean Wareham und ein Rückblick auf sein musikalisches Werk.
Am Mittwoch, den 8.September um 22 Uhr bei Twilight Tunes auf ByteFM.
Wir hören uns!

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.