Cover des Debutalbums von Wintergatan (Milchstrasse), VÖ 23. April 2013, Sommarfågel Records

Martin Molin bereist die Milchstrasse

Hast du ihn auch vermisst? Den durchgeknallten Kirmespunk des schwedischen Duos Detektivbyrån? Dann kannst du dich über einen himmlischen Ersatz freuen: Herzlich Willkommen in der Musikgalaxie Wintergatan. Wintergatan, steht im Schwedischen für Milchstrasse. Wer allerdings sphärische Synthesizerklänge und außerirdisches, unverständliches Textgejaule ala Sigur Rós erwartet, wird wenig auf seine Kosten kommen. Aus dem Sandmann in seinem Plastikraumschiff wird da eher was. Ex-Detektiv Martin Molin hat die Kosmonauten David, Evelina und Marcus um sich versammelt, um nach bekannter Manier musikalischen Sternenstaub erster Güte in die Gehörgänge zu streuen.

Wie im Video zur Single „Starmachine2000“ herrlich zu sehen, entlocken Wintergatan einer Menge von Alltagsgegenständen und MacGyver-artig präparierten Instrumenten ungeahnte Klangweiten. Wir hören Dias durch den Projektor laufen, das Ablaufen einer alten Spieluhr und elektronisches Bleepen, das auch gut aus einem Achtziger Jahre Video Game tönen könnte. In „Valentine“ kommt eine alte Schreibmaschine zum Einsatz, die mit ihrem Klackern den The Knife-lastigen, furzigen Beats noch mehr einheizt.

Eine Prise französischer Charme

Das erfrischende Glockenspiel Martin Molins darf bei Wintergatan nicht fehlen und verschafft den Songs die nötige Klarheit. Ein wunderbar gespieltes Akkordion bringt eine große Prise französischen Charme in die Kompositionen. Schon vor fünf Jahren schwärmte Martin Molin in einem Interview, das ich im Rahmen der Promotion-Tour für das Album „Wermland“ mit der Band Detektivbyrån führte, ungehalten von der Musik Yann Tiersens und dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Diese Faszination scheint sich nicht geschmälert zu haben.

Wie Tiersen sind Wintergatan wahre Virtuosen an ihren Instrumenten. Da klingt es live nicht nur niedlich und süß, wie im Miniaturmärchenland. Das derbe Schlagzeug haut ordentlich rein und die knurrigen Elektrorhythmen gehen gut ab. Der Sound ist üppig und ausgefeilt. Wenn man im Norden auf einem der großen Musikfestivals, wie Roskilde, Emmaboda oder Hultsfred verweilt, sollte man in diesem Sommer eines ihrer galaktischen Konzerte unbedingt besuchen. Es macht sogar richtig Spaß, den Jungs (und dem Mädel) beim Verausgaben zu zusehen. Martin Molin und seine Kollegen geben sich live ihrer Musik ganz hin, verlieren sich in Raum und Zeit. Unendlich.

Das selbstbetitelte Debutalbum von Wintergatan erschien am 23. April 2013 auf dem Label Sommarfågel Records. Auf jeden Fall ein Album, dass beim nächsten Besuch in Bengans Skivbutik in den Einkaufskorb kommt.

Schauen: Die Videoclips zur Doppelsingle “Starmachine2000″ und “Sommarfågel”

Wintergatan in den unendlichen Weiten des Internets:

Durchstöbert die Galaxie Wintergatan auf ihrer Homepage www.wintergatan.net
Findet Wintergatan im Kosmos facebook: www.facebook.com/pages/Wintergatan

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FM Belfast können auch Kaffeekränzchen

Da denkt man man kennt alle isländischen Bands und dann sowas. FM Belfast – dass das kein nordirischer Radiosender ist, der über Krawalle in deren Hauptstadt berichtet war mir nicht gleich klar, dafür ist das Thema so brandaktuell. Auf Belfaster Straßen geht es heute wieder ganz schön ab. Zeit sich neben der aktuellen Nachrichtenlage mal mit dem noch gar nicht so alten, zweiten Album “Don’t Want To Sleep” der Elektronik-Band FM Belfast aus Reykjavik zu beschäftigen.

Eigentlich begann es mit einem Weihnachtsgeschenk. 2005 wollten Árni Rúnar Hlöðversson und Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir ihren Freunden zum Fest eine Freude machen und bastelten einen schnittigen Elektrotrack. Das kam gut an und führte prompt zur Zusammenarbeit mit den múm-Bandmitgliedern Árni Vilhjálmsson und Örvar Þóreyjarson Smárason. 2008 veröffentlichten die vier Elfen ihr Debut mit dem passenden Titel „How To Make Friends“.

Ganz so bieder wie oben auf dem Foto sollte man sich die Truppe jedoch nicht vorstellen. Sie sind regelrechte Rampensäue und nutzen jede Gelegenheit live zu spielen. Dabei holen sie sich auch gerne dutzendweise Verstärkung mit auf die Bühne. In diesem Sommer bespaßen sie wieder unzählige Festivals und der aktuelle Longplayer “Don’t Want To Sleep” der Isländer erweist sich dafür mit seiner Frische mehr als tauglich. Schlafen kann man schließlich später, erst mal wird ordentlich gefeiert. So die Botschaft.

Gute Laune bringen sie aber auchs ins Wohnzimmer und wenn man die Stereoanlage ganz laut aufdreht, wird die Wohnung schnell zum Dancefloor. Da kann man sich einmal gut durch- und ausschütteln bei diesen frischen Elektrorhythmen. Die Klänge, die den Tastenintrumenten entlockt werden, sind unschuldig, keine großartig produzierten Beats oder Frickeleien. Experimentierfreude und natürlicher Charme sind hier so bestimmend und mitreißend. Das gute alte Casio-Keyboard, forsche mehrstimmige Gesänge, Trompeten- und Pianoklänge bestimmen den Sound der Platte, von der ich nur sagen kann: anschaffen!

Nach dem hässlichen Ding müsst ihr Ausschau halten

“Don’t Want To Sleep” von FM Belfast erschien am 3.Juni 2011 auf Morr Music.

Schauen: FM Belfasts “Vertigo” live in ihrem Studio in Reykjavik.

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Jonathan Johansson "Blommorna"

Herrlich melancholisch ist die neue Single von Jonathan Johansson„Blommorna“ (Blumen). Seit gestern Abend schwirrt mir der Track im Kopf rum und hat mit seinem elektronischem Groove und der perligen Hookline gute Chancen mein Sommerhit zu werden. Die Stimmung einer Sommerparty trifft auf „Blommorna“ genau so gut zu, wie eine einsame Autofahrt durch eine laue Nacht.

Besonders berührend ist dabei der aspirierte Gesang von Johansson, der mit einer hohen Falsettostimme gedoppelt wird und so besonders fragil wirkt. Dabei ist der Song so eingängig, dass er selbst Hörer, die des Schwedischen nicht mächtig sind beeindruckt.

Der aus Malmö stammende Jonathan Johansson begann seine musikalische  Karriere 2005 mit seiner Band Jonathan Och Hjältar (Jonathan und Helden). Er zog nach Stockholm und entwickelte sich musikalisch stetig weiter. 2008 zeichnete er beim schwedischen Label Hybris, welches auch Künstler wie Vapnet, Juvelen und Familjen unter Vertrag hat. Ein Jahr später  erschien sein gefälliges Album „En Hand I Himlen“ (Eine Hand im Himmel). „Blommorna“ ist nun der erste Song des langerwarteten zweiten Albums – es erscheint jedoch erst im September. Dafür gibt es vom Stockholmer Wunderkind NIVA einen exzellenten Remix.

Schauen:

Der Remix von Niva:
mp3:Blommorna Niva Remix

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Dean Garcia & Toni Halliday on the way of Curve

Zugegeben – der Begriff „Dreampop“ klingt wesentlich schmeichelhafter als „Shoegaze“ oder „Goth“. Bands wie Slowdive, Cocteau Twins oder Cranes sind hervorragende Künstler aus diesem Genre. Curve – ein Duo aus London wurde Anfang der Neunziger zum Albtraum des Dreampop. Ihre Musik wies starke Elemente aus der Elektronik und dem Industrial auf, was ihren Songs einen aggressiven, dreckigen – aber avantgardistischen Sound verlieh. Allzu lange konnte man diesem Rauschen nicht lauschen. Der Nervfaktor war hoch und Kopfschmerz vorprogrammiert.

Oft konnte ich jedoch gar nicht aufhören Curve zu hören, auch wenn sich in meinem Kopf schon alles drehte. Ihre Musik zog mich in einen magischen Bann. Deans coole meditative Basslinie und der spooky-Gitarrensound stellte den Körper auf Dauerwippen ein. Doch der wahre Magnet war Toni Halliday. Ihre klare – ja fast eiskalte – sinnliche, sirenenhafte Stimme wirkte auf mich wie die Loreley auf Rheinschiffer – einfach sinnbetäubend.

Als die beiden Songwriter Dean Garcia und Toni Halliday 1990 mit Curve loslegten, hatten beide schon eine längere, interessante Musikkarriere durchlebt. Halliday war bereits 27 und Garcia 33 Jahre alt. Toni meinte in einem Inteview – welches sie einst mit dem Hamburger Radio-DJ Paul Baskerville führte – dass zeitgenössische Bands wie Slowdive oder Ride ihr damals wie Babies vorkamen, denn die waren noch Teenies oder bestenfalls Anfang 20. Dean Garcia tourte Mitte Achtziger bereits als Bassist mit Eurythmics. Über deren Frontmann Dave Stewart lernten sich Garcia und Halliday backstage während einer Tour kennen. Toni Halliday war damals als Solokünstlerin bei Stewarts Label Anxious Records unter Vertag, konnte jedoch mit ihren Popsongs à la Madonna nicht wirklich die Musikwelt erobern.

Die coole Toni Halliday in sommerlicher Hitze (Texas, 1992)

Curve veröffentlichten 1991 drei hervorragende EPs – „Blindfold“,  „Frozen“, „The Cherry“ – die in Großbritannien enorm erfolgreich waren. Nicht zuletzt dank des hervorragenden “Coast Is Clear” – ein Song dessen Hookline einfach Gänsehaut erzeugt. Ein erstes Studioalbum ließ nicht lange auf sich warten. Ihr Debutalbum „Doppelgänger“ schaffte es bis auf Platz 11 der UK-Albumcharts.

1992 war für Curve ein heißes Tourjahr. Mit den Genregefährten The Jesus and Mary Chain und Spiritualized bespielten sie auch das Shoegaze-fanatische Amerika. Curve hatten dabei zwei zusätzliche Gitarristen im Gepäck, Alex Mitchell und Debbie Smith, die später bei Echobelly einstieg. Interessant: Toni Halliday war während der Tour wohl besessen von Debbies Brüsten, so steht es im US-Tour Bericht auf Curves Homepage. Mit dabei war auch Hallidays Ehemann Alan Moulder, der sich zu jener Zeit mit der Co-Produktion von The Jesus and Mary Chains „Honey‘s Dead“ und Curves „Doppelgänger“ in der Musikindustrie einen unvergesslichen Namen machte.

„Doppelgänger“ brachte Curves beste Stücke hervor. Die Singles „Fait Accompli“ und „Horrorhead“ haben einen unbeschreiblichen Sexappeal. Niemals wieder hat man Toni so betörend erlebt wie im Video zu „Horrorhead“ – einfach atemraubend. Als ich den Clip damals bei MTVs „120 Minutes“ gesehen habe, hatte ich das Gefühl ins Bodenlose zu fallen.

Federführend bei Curve war jedoch der unheimlich wirkende, stets im Background bleibende, Dean Garcia. Sein Markenzeichen war es sich bei Auftritten mit dem Bass wie ein Brummkreisel zu drehen, so dass einem schon beim Zusehen schwindelig wurde. Garcias Genie kreierte Curves eigenwilligen Sound. Damals seiner Zeit weit voraus, findet man später Garcias typisch treibende Hooklines und Basslinien in Songs von Garbage oder sogar U2 wieder. Doch lasse man es Zufall sein.

Die folgenden Alben verzeichneten leider schwindenden Erfolg. Nach Curves 93er Album „Cuckoo“ gab es eine fünfjährige Pause. Das Comeback „Come Clean“ war in der Tat ernüchternd und das Album „Gift“ von 2001 floppte gleich vollends. Mit den Jahren klangen Curve dabei immer  elektronischer und verabschiedeten sich vom ursprünglichen Shoegazesound.

Ende Januar 2005 verkündete Toni Halliday auf Curves Homepage dann die Auflösung der Band. Sie meinte sie sei über die Jahre immer unzufriedener mit Curve geworden und wolle sich fortan auf kleinere Projekte konzentrieren. Als Chatelaine arbeitete Toni in den vergangenen Jahren mit dem Gatten Alan Moulder an ihrem aktuellen Soloalbum „Take A Line For A Walk“.  Auch Garcia war zur Entstehungszeit von Curve bereits verheiratet und hatte schon zwei Kinder mit seiner Frau. Heute ist Dean in mehreren Bands wie z.B. SPC ECO aktiv. Auch und unterstützt seine talentierte Tochter Rose Berlin musikalisch.

Curve auf dem Cover des Melody Makers 1991

Curve auf dem Cover des Melody Maker vom 26.Oktober 1991

Diskografie / Alben:

  • Doppelgänger (1992, Anxious Records)
  • Cuckoo (1993, Anxious Records)
  • Come Clean (1998, Universal UK)
  • Gift (2001, Universal)
  • The New Adventures Of Curve (2002, Internetveröffentlichung)

Compilations:

  • Public Fruit (1992, Anxious Records, EP-Collection)
  • The Way Of Curve (2004, Anxious Records)

Hörproben – Tracks von Curve, die ich besonders mag, inkl. dem Hit “Coast Is Clear”:
Curve – Already Yours (Doppelgänger)
Curve – Super Blaster (Cuckoo)
Curve – Coast Is Clear (Frozen EP)

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Möchte da etwa jemand in die Fußstapfen von Robyn und The Knife treten? Kann gut sein, denn das Debut “Heart Monster Fear Machine” der Göteborgerin Lisa Pedersen pulsiert mit im schwedischen Elektrotrend. Eigentlich ist die 30-jährige mit Leib und Seele Drummerin und Pianistin. Was hat die quirlige Blondine also dazu bewegt im Brei der Masse zu schwimmen?

Schon beim ersten Track von “Heart Monster Fear Machine” merkt man, dass da etwas nicht zusammenpasst. Heiteres 80er Elektrogefrickel passt eben nicht zu so einer sinnlichen, rauchigen, intimen Stimme. Schnell vermisst man, was diese Stimme braucht, um ernst genommen zu werden – Wärme und Erdigkeit.

Einige Stücke des Albums, wie zum Beispiel “Drowning”, gab es schon einmal als Pianoversion. Das Piano stand Lisa Pedersen gut – erinnert ihre Stimme doch an die junge Lisa Germano. Pedersen selbst weiß jedoch noch nicht was sie will, die Masse mit “Allerweltselektro” abspeisen oder eine sensible Singer-Songwriterin sein, deshalb wird die zweite Hälfte des Albums auch akustischer. In Stücken wie “Sometimes” und “Wide Eye” fühlt man sich erstmals wirklich berührt. Das Album schließt mit “Five To One” in der wir eine völlig andere Lisa Pedersen erleben – eine Frau, die weiß was ihr steht.

Eines weiß ich aber ganz sicher, wenn ich das nächste Mal in Göteborgs Bengans Skivbutik vorbeischaue, werde ich es trotzdem mitnehmen – das Debutalbum von Lisa Pedersen “Heart Monster Fear Machine” – in bester Hoffnung, dass sie vielleicht zu ihrem Ursprung zurückkehrt.

Lisa Pedersen hören:
mp3:Lisa Pedersen – Drowning

Im Vergleich

Das Elektrosternchen Lisa Pedersen mit “Left Aside”

Die Singer-Songwriterin Lisa Pedersen mit “Drowning”

Lisa Pedersen auf Myspace:
www.myspace.com/lisafridapedersen

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.