Amazing Blazing Jenny Wilson / Hamburg Reeperbahn Festival

Sara Wilson spielt auf ihrer Guild /Hamburg Reeperbahn Festival Knust 19.09.2014

Die Schwestern, die zaubern - Sara Wilson und Jenny Wilson

Vom Oktoberfest geflohen, habe ich am Wochenende mein wunderschönes Hamburg besucht. Es war herrlich, alte Freunde zu treffen und wir hatten Spaß auf der Reeperbahn. Nach langer Zeit des Satthabens von Musik überhaupt und back to the roots, habe ich mich am meisten darüber gefreut, die schwedische Singer-Songwriterin Jenny Wilson zu sehen. Doch offensichtlich hielt sich die Vorfreude der Reeperbahn Festival-Besucher in Grenzen. Als wir im Knust ankamen, waren wir nahezu die einzigen, die dort auf Jenny warteten. Nach einem Jägermeister auf die Liebe, war es kein großer Akt, sich durch die Luft in die erste Reihe vorzukämpfen. Punkt Mitternacht ging es los und Jennys Schwester Sara Wilson spielte die ersten warmen Akkorde auf ihrer Guild-Gitarre. Hab mich gefreut, dass sie mich erkannt, angegrinst und mir zugewunken hat.

Als Jenny raus kam, sah sie in ihrem wirklich coolen Outfit aus, wie eine schwarze Hip-Hop-Sängerin aus der Bronx. Ihre Songs enthielten eine Menge politische Statements, die sie gebetshaft vorgetragen hat, halb im Gesang, halb rufend. Ihre Musik klingt exotisch. Unverwechselbar eigensinnig. Trotz des kleinen Publikums, lieferten die beiden Wilson-Schwestern eine souveräne Show ab und hatten sichtlich Spaß an ihrer Musik. Jenny war ganz zauberhaft, hat sich entschuldigt, dass ihre Stimme etwas angeschlagen ist, wegen einer Erkältung, aber sie glücklich sei, hier zu spielen. Zu danken haben wir! Die Interaktion mit dem Publikum war schwierig für Jenny. Die trägen Leute kamen nicht wirklich in die Gänge und sie musste jede Regung aus ihnen heraus kitzeln. Aber Jenny ist da ganz Profi: Demand The Impossible!

"Pickelface is back in Town" oder "Wenn Jean-Luc Godard ein iPhone hätte"

Schauen: Jenny Wilson – Pyramids (live Nyhetsmorgon)

Jenny Wilsons letztes Album “Demand The Impossible!” erschien am 6. November 2013. Das Album entstand 2012 während Jennys Krebsbehandlung. Eine echte Powerfrau! Es ist ihr drittes Studioalbum. Jenny und Sara Wilson spielten früher in der gemeinsamen Band First Floor Power.

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Woodlands Cover zum Debutalbum

Eigene Schatten werfen

Es ist da! Das Album, dass mich in diesem Jahr endlich vom Hocker haut. Faszinierend ehrlich und erdig präsentiert sich Woodlands, das neue Trio von First Floor Power Mitglied Sara Wilson. Stimmlich gereift, unverfälscht und kraftvoll kann Sara aus dem Schatten ihrer großen Schwester Jenny Wilson heraustreten, ins musikalische Spotlight einer begnadeten Band rücken, und zu dem stehen was sie schafft: bewegende, authentische und warme Songs.

Neben Saras dynamischem Gitarrenspiel, beeindrucken mich Marcus Holmbergs sinnliche, holzige Bassläufe. Einige von Euch werden ihn vielleicht von der schwedischen Indiepop-Band Komeda aus Umeå kennen. Das Trommeln übernimmt Saras Lebenspartner Niklas Korssell, der im Bereich Jazz und Pop angesiedelt ist und auch mit First Floor Power auf Tournee war.

v.l. Marcus Holmberg, Niklas Korssell und Sara Wilson sind Woodlands © Magnus Åström

Sound wie frisch aus dem Proberaum

Die Bandmitglieder leben in Stockholm, aufgenommen wurden die Songs jedoch innerhalb von fünf Tagen in den Tambourine Studios in Malmö von Per Sunding: ein alter Bekannter. Der Sänger und Bassist von Eggstone war auch Produzent von den Bands Bob Hund, The Ark und The Cardigans. Vielleicht ist es aber doch nur Zufall, dass Woodlands erste Single “River Running Wild” mit seinem fluffigem, verspieltem Gitarrensound und dem wippenden Blubberbass mich an The Cardigans Single “For What It’s Worth” erinnert.

Das Woodlands-Album ist jedoch kein produzierter Hochglanzpop. Vielmehr klingen die Songs wie frisch im Proberaum mit dem 8-Spur-Gerät aufgenommen, was durchaus im Sinne der Band ist. “River Running Wild” positioniert sich in der Mitte des Albums und stellt den poppigen Höhepunkt des Debuts dar. Die Lyrics bilden für mich jedoch einen starken Kontrat, handeln sie vom Verlust und Tod eines geliebten Menschen und dem was danach kommt. Ebenso beeindruckend finde ich den schwelgerischen Opener “Move Forward”. Ganz sanft fügen sich Schlagzeug, Gitarre und Bass, streicheln einander ganz warm. Wunderbar herrlich klappt der Refrain mit seinen zweiten Stimmen auf, verkündet Aufbruch und wird wundersam doch durch die Traurigkeit und Klarheit der gesungenen Worte auf der Stelle gehalten. „The streets we walk were buildt to fast, I could feel it under my feet, it wouldn‘t last…“

Wir alle kennen das Gefühl, wenn der Traum die Liebe zurückbringt und die Realität einem die Wahrheit, beim Erwachen, wie ein nasses Handtuch ins Gesicht klatscht. „Housebuilding“ ist ein Song der vom Zerbrechen der Liebe handelt, die Veränderung realisiert. Sich quält aber auch festhält und einen Neuanfang will. „I can‘t realize that this is happen to us [...] I wanna build a house where you stand, I wanna grow some flowers in your hand…“ Der Song beginnt seicht, verführt mich als Hörer und rüttelt mich wach mit einem überraschenden, knirschenden, dreiminütigen Gitarrensolo, das wie ein Aufschrei all den nicht in Worte fassbaren Schmerz aber auch alle Hoffnung ausdrückt.

Sara an der Gitarre, Woodlands live am 20.10.12 in Göteborg © Christer Hedberg

Ein erlösender Schrei

„I Wanna Know“ ist einer der Songs, an denen ich mich kaum satt hören kann, und der mit seinem poppigen Drive und dem knackigem Refrain durchaus auch auf der Tanzfläche Spaß macht. Der darauf folgende Song „Lazy Days“ und „Cheap Cigarettes“ sind schon bessere Rocknummern. Erinnern mich auch ein wenig an den Rock ’n’ Roll und die Surfmusik der Siebziger Jahre. Die Satzgesänge der Jungs unterstützen diesen Eindruck stark. Wesentlich schwerer kommt dagegen „Kids“ daher. Ein knurrender Bass, eine fette Gitarrenwand und ein schweres, schleppendes Schlagzeug dominieren den Sound, in dem Saras federleichte Stimme tänzelt.

Wie simpel und aufrichtig und trotzdem ergreifend Lyrics doch sein können, denke ich beim letzten Song des Albums: „I didn‘t have no one till I met you, I didn‘t have the strength to make it through, Oh I felt safe, we put your arms around me, and I got the strength to make it through“. Aufrichtige Emotionalität und ein natürlicher, unaufdringlicher Lo-Fi-Sound runden das Album in „Make It Through“ ab.  Ich kann mir vorstellen wie unglaublich fetzig es sein muss diesen Song live zu spielen. Saras Gitarrenriff führt die Instrumente durch ein meditatives, nahezu orgiastisches Zusammenspiel, welches mit einem erlösenden Schrei der drei Musiker endet. Wie genial und nie gehört.

Es ist nicht einfach, so schöne Worte für Woodlands wie Peter Morén vom Label Ingrid zu finden, aber ich kann nur, wie er, zutiefst dankbar sein, dass diese drei Musiker sich gefunden haben. Ich hoffe ich habe euch soweit angefixt, dass ihr neugierig geworden seid – auf Woodlands und ihr tolles Album. Ein Album mit dem Potenzial für immer.

Schauen:

WOODLANDS- RIVER RUNNING WILD from WOODLANDS on Vimeo.

Lauschen:

Woodlands – Housebuilding by INGRID

Kaufen:

Woodlands startete 2011 mit dem gemeinsamen Musizieren. Das selbstbetitelte Debut wurde am 31.Oktober 2012 auf dem schwedsichen Label INGRID veröffentlicht.

* Eine von 300 Platten könnt ihr im Ingrid-Labelshop bestellen *

* Auf iTunes könnt Ihr Woodlands auch erwerben *

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.