Der 39-jährige Håkan Hellström, live am 8. Juni in Göteborg (Foto: hakanfans/Instagram)

Das vergangene Wochenende in Göteborg glich eher einer Pilgerreise als einem Städtetrip. Sommerliche Temperaturen, strahlender Sonnenschein und das Event des Jahres liessen die Herzen der Göteborger und die, der uns Angereisten höher schlagen. Ich spreche nicht von Prinzessin Madeleines royaler Traumhochzeit, denn die Göteborger lieben ihren ganz eigenen Prinzen: Håkan Hellström.

Große Acts wie Bruce Springsteen oder Depeche Mode mögen die ausverkauften Göteborger Konzerthallen füllen, aber es ist unmöglich den Helden der Stadt zu toppen. Wohl auch im strömenden Regen hätten sich die 27.000 hingebungsvollen Fans am Samstag in der alten Arena im Slottsskogen versammelt. Ob junge Mädchen in Matrosenkostümen, die Håkan in den ersten Reihen mit verheulten Augen und verschmierter Wimperntusche anschmachten und sämtliche Texte ekstatisch, wie im Gebet mitsingen, oder ältere Damen, die mit ihren Ehemännern Hand in Hand auf den Rängen der Arena Platz nehmen und sich vertraut und glücklich anstrahlen: Der Håkan Hellström-Fan kennt kein Alter, kein Geschlecht und auch keine Landesgrenzen.

Junge Männer und Frauen stimmen sich schon in den knackig vollen Trams auf dem Weg in den Slottsskogen mit lauten Fangesängen ein (und ordentlich Alkohol, der in Schweden niemals fehlen darf) und geben dabei die ein oder andere Hellström-Hymne zum Besten. Fast wie junge, euphorische Pfadfinder auf dem Weg zum ersten großen Abenteuer. Beginnen sollte das Konzert um 20.00 Uhr. Dicht gedrängt stehen wir ungefähr 30 Meter von der Bühne entfernt und warten ungeduldig auf Håkan. Doch der Prinz nimmt sich Zeit. Nach 45 Minuten Wartezeit auf engstem Raum muss ich doch raus aus der Masse und wir ziehen uns zurück auf die Ränge. Wenig später entpuppt sich dies als weise Entscheidung.

Als Håkan ganz in schwarz gekleidet und mit Zylinderhut die Bühne betritt, flippen die Leute nahezu aus. Schon bei den ersten Takten des Openers „Det kommer aldrig va över för mig“ (Für mich wird es niemals vorbei sein) gehen die Fans, ausnahmslos, total ab. Sie hüpfen und klatschen im Takt mit und einige Jungs tanzen so aggressiv, dass man besser Abstand hält, um keinen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen oder gar einen Fuß. Hellström strotzt vor Kraft erobert sein Publikum im Sturm „…som en orkan kan jag svepa bort dig, jag tänker aldrig dö nej, det kommer aldrig va över för mig…“ (Wie ein Orkan kann ich dich wegfegen, ich denke, niemals sterben, nein, für mich wird es niemals vorbei sein).

Göteborg diente auch auf der Bühne als Kulisse. Im Hintergrund Sohn der Stadt Evert Taube auf der Parkbank (Foto: parabolfantast/Instagram)

Heimspiel für den Jungen aus der Stadt

Doch was macht diesen Göteborger Typen, der früher so gerne Matrosenanzüge trug und so ein herrlich verschmitztes Lächeln hat, so besonders und unwiderstehlich? Ganz einfach: Er ist ein Junge aus der Stadt, wie die Menschen, die vor ihm stehen. Man teilt die Straßen, die Sonne, und die Sehnsucht nach dem kurzen Sommer. Man kennt sich, die Gesichter der Häuser und die Geschichten der Menschen, die dahinter leben. Hellström hat die große Gabe sich in die Herzen seines Publikums zu singen und fühlt sich sichtlich wohl dabei. Ein jeder Göteborger kann sein Leben in seinen Texten wieder finden und sich mit Hellström verbrüdern. So viele sind mit seiner Musik groß geworden, verbinden ein halbes Leben damit. Nun können sie gemeinsam aus voller Brust aufsingen. Welch ein Gefühl von Freiheit in Verbundenheit.

Hellström weiß darum und begrüßt sein Publikum herzlich und aufrichtig mit „Kära vänner“ (Liebe Freunde) und „Gott folk“ (Liebe Leute). Er erzählt, dass er eine Woche lang gebangt und gebetet habe, dass das Wetter an diesem Abend mitspielt und die Sonne scheint. Man merkt, dass der Abend auch für ihn etwas Besonderes ist und dort nicht nur einfach das neue Album mit ein, zwei Zugaben runter gedudelt wird, (so wie es andere große schwedische Bands mitunter tun). Hellström schätzt jeden Blumenkranz, den die Mädchen ihm zuwerfen und jedes kleine Geschenk, das auf die Bühne fliegt.

Ein Rendezvous mit Evert Taube

Gleichermaßen schätzt er seine Band. Allesamt klasse Musiker – nicht nur auf den gängigen Instrumenten. Wir hören in „Klubbland“ eine grandiose Ska Trompete in „2 steg från paradise“ (zwei Schritte vom Paradis entfernt) eine zwitschernde Blockflöte. Herrlich rhythmische Congas geben den Songs einen Hauch Extra-Groove. (Der Trommler wird sich später noch als wahrer Künstler erweisen und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ auf seinen Zähnen spielen). Auch Evert Taube, wahrlich ein Göteborger Komponist aus dem letzten Jahrhundert, ist auf der Bühne mit dabei – wenn auch nur als Pappmaché-Figur auf einer Parkbank. Håkan braucht eine Weile ihm zu erklären, dass neue Zeiten angebrochen sind.

Als echte Rock‘n Roller entpuppen sich die Musiker bei „Jag vet inte vem jag är men jag vet att jag är din“ (Ich weiß nicht wer ich bin, aber ich weiß, dass ich dir gehöre). Songs des neuen Albums wie „Du kan gå din egen väg“ (Du kannst deinen eigenen Weg gehen) und „När lyktorna tänds“ (Wenn die Laternen angezündet werden) zünden dabei genauso gut wie die Klassiker „Shelley“ und „Klubbland“.

Håkan Hellström und Thomas Öberg performen Sci Fi Skåne (Foto: hakanfans/Instagram)

Håkan kriegt uns alle rum

Håkans Stimme ist außerordentlich facettenreich, stark, soulig, aber auch sinnlich und zerbrechlich. Er kriegt und hat uns an diesem Abend alle, doch bewußt wird uns das erst bei dem Song „Nu kan du få mig so lätt“ (nun kannst du mich so leicht kriegen). Meine erste Glücksträne habe ich in diesem Moment verdrückt. Hach, dieses Gefühl. Das Herz so offen und aufgeweicht. Der folgende Song „Du måste dö några gånger innan man kan leva“ (Du musst ein paar mal sterben, um zu leben) sticht da nochmal richtig rein.

Eigentlich hätte Håkan Hellström keinerlei Unterstützung gebraucht die Temperaturen noch mehr zu erhöhen, springt da nicht der maskierte Thomas Öberg von Bob Hund auf die Bühne. Wir können kaum fassen was wir dort sehen, brauchen einen Moment um zu kapieren, dass dort tatsächlich Hellström und Öberg gemeinsam „Jag har aldrig bott vid en landsväg“ singen. Bei dem Songs von Sci-Fi Skåne handelt es sich wiederum um eine schwedische Coverversion des Songs „Going up the Country“ von Canned Heat. Nun, wessen Idee dieser Auftritt auch immer war, sie ist grandios.

So richtig Fahrtwind auf, nimmt die Show mit den soulig, rockigen Nummern ”Gårdakvarnar och skit” (irgendwas und Scheiße), ”Dom där jag kommer från” (von wo ich komme) und „Kom igen Lena!“ (Komm wieder Lena!). „Ramlar“ (Stürzen) – eine gute Portion verrückter Rock und gerade das elektronische „Pistol“ (Pistole) bilden vorerst den Abschluss den Konzertes. Nach dem sich der rote Vorhang schließt und das eigentliche Konzert beendet, ist es an der Zeit sentimental zu werden.

Auch mich hat Håkan an diesem Abend rumgekriegt. (Foto: laika_alfonsdottir/Instagram)

Dem Morgengrauen entgegen

Für die Zugabe wird die neue Ballade „Valborg“ (Walpurgisnacht) ausgepackt, die wie ein uraltes, schwedisches Volkslied klingt. Ganz zurecht kann man sich dabei vorstellen, an einem Lagerfeuer zu sitzen und sich hals über Kopf und leichtsinnig zu verlieben. Alle singen im Chor mit Håkan „…Ja, jag är din om du vill ha en idiot, lägg din hand i min, lägg din hand i min…“ (Ich bin dein, wenn du einen Idioten willst, leg deine Hand in meine).

Dann werden endlich die beiden großen Hits gespielt: „Känn ingen sorg för mig Göteborg“ (Sorge dich nicht um mich Göteborg), das Lied der Göteborger schlechthin, und „En Mittsommernattsdröm“ (Ein Mittsommernachtstraum). Welch eine Stimmung! Die Leute liegen sich zuhauf in den Armen, man ist tief gerührt und schon fast traurig, dass dieses Volksfest alsbald zu Ende gehen wird. „Du är snart där“ (Bald bist du da) ist der letzte Song an diesem Abend. In Göteborg geht die Sonne unter und der Abend wird mit einem gigantischen Feuerwerk gekrönt. Auf den großen Monitoren neben der Bühne laufen Bilder aus dem Stummfilm „Moderne Zeiten“. Charlie Chaplin und Paulette Goddard laufen Hand in Hand auf einer langen, einsamen Strasse dem Morgengrauen entgegen. The End.

Nun fahre ich wieder durch die Strassen Berlins, meine Kopfhörer auf den Ohren und höre das aktuelle Album „Det kommer aldrig va över för mig“. Dieser neue, wilde Hellström hat mir ganz schön den Kopf verdreht und imponiert mir wesentlich mehr als der Junge im Matrosenanzug. Ich träume mich in das Konzert hinein. Versuche diese Momente unvergesslich zu machen. Schreibe diesen Artikel, den ich in ein paar Jahren noch einmal lesen kann. Dann bin ich wieder da.

Lauschen: Tausende von Menschen singen mit Håkan Hellström - “Pistol” vom aktuellen Album Det kommer aldrig va över för mig”

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Håkan Hellström auf dem Göteborger Risåsberget. Im Hintergrund sieht man den Vergnügungspark Liseberg.

Der Vergleich ist etwas großspurig – stammt auch nicht von mir. Tatsächlich gibt es einige interessante Ähnlichkeiten zwischen der Göteborger Musikszene und jener einflussreichen, die sich ab Anfang der 80er in Manchester entwickelte, meint Carl Reinholdtzon Belfrage – Liebhaber und Verfechter der Göteborger Popszene. Der Musikjournalist schreibt auf Svensk Musik darüber, warum so viel gute Musik aus „Schwedens Tor zur Welt“ kommt und versucht in seinem Essay „The Manchester Of Northern Europe“ die Mentalität der Stadt und die Kunst, die sie produziert zu beschreiben. Die Göteborger Labels Service, Luxury und Sincerely Yours sind für ihn nicht einfach Plattenfirmen, sondern bewegen – wie Manchesters Factory Records – junge Leute. Sie schaffen ein musikalisches Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsame Feierlaune. Ferner haben Göteborgs Pophelden Håkan Hellström und Broder Daniel schwedische Bands im letzten Jahrzehnt ebenso inspiriert, wie The Smiths und Joy Division es (sicher weltweit) taten. Wer sich von Euch für Göteborger Bands interessiert, sollte dieses Essay lesen und eine kleine Reise durch die letzten 15 Jahre Göteborger Musikszene antreten. Begegnen werdet ihr dabei neben bereits genannten u.a.: Honey Is Cool, Jens Lekman, The Embassy, Air France, The Tough Alliance, Silverbullit, jj – und: dieser traumhaften Hafenstadt.

Svensk Musik ist eine neue schwedische Webseite, die sich journalistisch mit den Entwicklungen der schwedischen Musikszene auseindersetzt. Hier sind echte Liebhaber am Werk, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern alle Genre schwedischer Musik ausleuchten. Ein Blick drauf lohnt sich.

Letzten Sommer auf dem Ramberg. Von dort hat man den schönsten Blick auf Göteborg

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Nächsten Freitag ist es wieder soweit – wir feiern die kürzeste und hellste Nacht des Jahres. In den letzten drei Jahren hatte ich das Glück für ByteFM in Rahmen der Twilight Tunes jeweils zwei Stunden Musik zu diesem Highlight des Jahres spielen zu können – die Mittsommernachsspitzen. Auch in diesem Jahr sollt ihr auf einen “Blå- Gul-Mix” zu Mittsommer nicht verzichten – schon allein weil auch ich es nicht mag und das Radiomachen vermisse. In den kommenden Tagen werde ich für Euch ein einstündiges, moderiertes Mixtape aufnehmen – mit schwedischen Popperlen. Wer dabei sein wird, wird natürlich noch nicht verraten. Doch ich freue mich mit Euch auf eine kleine Mittsommernachtsreise gehen zu können, und die beginnt hier nächsten Donnerstag.

Der vielleicht schönste Song zu Mittsommer:
mp3:Kent – Sverige

Schauen: En Midsommernattsdröm

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Ein frohes neues Jahr 2011 wünsche ich Euch!

Den Neujahrstag habe ich heute zur Rückschau genutzt, so habe ich denn meine drei Alben 2010 gewählt.

Die Ausbeute an guten Alben war nicht groß im vergangenen Jahr. Kaum kitzelte etwas Interessantes die Gehörgange. Gerade die Alben einflussreicher Bands wie Interpol, Band Of Horses oder Arcade Fire waren mittelmäßig und hinterließen wenig Eindruck. In gewisser Weise war das letzte Jahr für mich ein Jahr der Singer-SongwriterInnen. Besonders Künstlerinnen aus England wie Lou Rhodes, Lonelady und Chatelaine haben solide Alben produziert.

Bronze, Silber und Gold für die eindrucksvollsten Alben von 2010 werden an zwei schwedische Boys verliehen in deren Mitte sich eine amerikanische Sängerin wiederfindet.

Gold : Håkan Hellström “Två Steg Från Paradise”

Håkan Hellström "Två Steg Från Paradise"

Das Cover wurde auf dem Göteborger Risåsberg aufgenommen. Im Hintergrund sieht man den Vergnügungspark Liseberg.

Zwei Schritte vom Paradies entfernt – kein Titel der reinhaut. Auch der Titelsong haut nicht rein – aber der Rest, der hat es in sich. Göteborgs Held Hellström beschenkt uns mit einem frischen, optimistisch klingenden, sechsten Studioalbum. “Det Här Är Min Tid” (Opener) wäre ein besserer Name für dieses Werk gewesen, denn Hellström klingt so als wäre genau jetzt seine Zeit – seine Glanzzeit. Weitere herausragende Stücke sind “Saknade Te Havs” (Verloren auf dem Meer), “Du Är Snart Där” (Bald bist du dort) und “Man Måste Dö Några Gånger Innan Man Kan Leva” (Man muss einige Male sterben, bevor man leben kann).

mp3 von Hellström hören: Håkon Hellström – Saknade Te Havs

Silber : Holly Miranda “The Magician’s Private Library”

Holly Miranda "The Magician's Private Library"

Beschützt von Zauberhand geschieht diesem Mädchen nichts im Schlaf. Die Zeit vergeht im Traum.

Wundersam und zauberhaft, wie auch der Albumtitel, ist das zweite Album der amerikanischen Singer-Songwriterin Holly Miranda. In sensibel gestalteten Songs erzählt die 27-jährige Geschichten über Gauner und Ganoven, Schlaf und Traum. Ein funkelndes musikalisches Spektakel, bei dem der Sound beeindruckender ist, als Mirandas Stimme. Der eigentliche “Magier” der Platte ist der Produzent – TV On The Radio’s Dave Sitek. Er mischt Bläser, Streicher, Synthies, Glöckchen und Hall zu einem Liebes-Trunktrank. Er schickt den Hörer auf eine mystische Reise vom eigenwilligen Opener “Forest Green Oh Forest Green” über das schwelgerische “Waves” bis wir uns am Ende in “Sleep On Fire” erschöpft auf einem Flammenbett niederlassen.

mp3 von Holly Miranda hören: Holly Miranda – Slow Burn Treason

Bronze : Moto Boy “Lost In The Call”

Moto Boy "Lost In The Call"

Der androgyne Männer- und Frauenschwarm Oskar Humlebo (Moto Boy)

Schweden’s Dream - Moto Boy knüpft mit “Lost In The Call” quasi nahtlos an sein wirklich gelungenes Debut von 2008 an. Die Songs sind ähnlich strukturiert und Motos glasklare Falsettostimme schwebt auf seiner E-Gitarre. Eingerahmt wird das Ganze von E-Drums und himmlischen Chören. Herausragende Stücke sind “The Heart Is A Rebel”, das verträumte “When My Heart Was High” und die Ballade “If Only Your Bed Could Cry”. Dieser Song erschien ursprünglich im Duett mit der schwedischen Sängerin Titiyo auf ihrem Album “Hidden” (2009). Schmacht!

mp3 von Moto Boy hören: Moto Boy – Lids

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.