Die irische Künstlerin Róisín Murphy ist eine echte Rampensau und immer für ein gutes Foto zu haben (Quelle: hole-boss /instagram)

Soeben ist die Maschine von Los Angeles nach München abgehoben und ich schaue auf die im Sonnenuntergang glühenden Straßen der Stadt der Engel herab. Elf Stunden Flugzeit liegen vor mir. Ich fühle mich unendlich glücklich und dankbar über diese wundervollen Tage in Kalifornien und einen unvergesslichen Abend im El Rey Theater auf dem Wilshire Boulevard.

Vor 15 Jahren gehörte ich nicht zu den Leuten, die sich zu Moloko im Club den Arsch abgetanzt haben – heute sähe das anders aus. Seit “Hairless Toys” bin auch ich im Róisín Murphy-Fieber und habe nun das große Glück eine ganze, faszinierende und schillernde Murphy-Welt zu entdecken. Eine Welt, ja ein murphyeskes Universum, in dem Queen Róisín allein regiert, doch das jeder für sich beanspruchen kann. Dieses familiäre, intime Gefühl gibt diese Künstlerin einem unweigerlich und zu jeder Zeit.

Das El Rey Theater in sommerlich heißen L.A. - Róisín Murphys Location am 9.11.2016 (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Tonight Is The Night

Der Konzertbesuch war, dank des Tipps eines Freundes, eher spontan und wir hatten Glück noch Karten für das ausverkaufte Konzert zu ergattern. So fieberte ich die ganze Woche auf diesen Moment hin und war mächtig aufgeregt, meine neue Heldin endlich das erste Mal live zu erleben. Róisín Murphy hat an diesem Mittwoch Abend im moderat großen El Rey Theater so ziemlich jeden in ihrem magischen Bann bezogen.

Das Publikum bestand aus allerhand grotesk kostümierten, bunten Party-Poeple, allesamt gut drauf und in Clublaune. Nach dem Support “With You”, tobte die Masse vor Ungeduld. Dann kam die “Mastermind” endlich auf die Bühne, eröffnete mit gleichnamigen Song vom aktuellen Album “Take Her Up To Monto”. Wow! Was eine Granate. Róisín Murphy zeigte den Leuten, was es heißt eine begnadete Rampensau zu sein und heizte der Menge zunächst mit Moloko-Songs, wie “Forever More” und “Dirty Monkey” ordentlich ein. Die Stimmung war von vornherein heiß. Heißer wurde es nur noch durch Róisíns Allover-Sexiness, oder wie auch immer ich die gleißende Ausstrahlung dieser Frau in Worte fassen soll.

Róisín in einem ihrer unzähligen Outfits (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman

Eine Alleinunterhalterin à la Cindy Sherman, die eigentlich Burlesque-Tänzerin oder Stripperin hätte werden sollen, wäre da nicht diese brilliante Stimme. Sei es der pinke Flamingo auf dem Kopf, das opulente, rüschige Ballkleid oder die Warnweste mit Schutzhelm: Egal welches Kleidungsstück aus dem Kostümfundus sich Róisín Murphy gerade elegant vom Körper streift oder wieder drüber, die Stimme sitzt und schillert in unendlichen Facetten. Kann laut und leise, schrill und sanft. Erzählen, verlangen, geben.

Nach “Dear Miami” (Overpowered) und “Tight Sweater”, ebenfalls ein Moloko-Song, folgte ein Stück von Murphys überragender Italo-Pop EP “Mi Senti”. Das stimmgewaltige “Tatty Narja” brachte die kleine Halle zum Beben. Mit “Gone Fishing”, “Evil Eyes” und “House Of Glass” folgten drei geniale Songs vom Meisterwerk “Hairless Toys”. Mit “Ten Miles High” baute Róisín in Bauarbeiterkluft riesige Murphyhäuser bis in die Stratosphäre. Und dann war es endlich soweit, darauf haben alle gewartet: “When I think that I’m over you, I’m overpowerd, it’s long overdue, I’m overpowered”. Alle haben wir laut mitgesungen, gestrahlt, und die Hymne gefeiert.

Róisín genießt es im Mittelpunkt zu stehen, hier mit pinkem Flamingo auf dem Kopf während des Songs "Gone Fishing" (Foto: Kevlarsjael /instagram)

Come make me whole – Body and soul

“Never underestimate creative people and the depts that they will go…” – kurz hinter der Bühne verschwunden, toste Róisín stapfend zu den Beats von “Exploitation” (Hairless Toys), das Ballkleid rauschend in die Luft wirblend und mit Glitzermaske, auf die Bühne. Dabei sah sie aus, wie eine strahlend schimmernde Pazifikwelle. Zauberhaft. Eine grandiose Performance und einer der besten Songs des Abend, wie ich finde.

Für ein paar Minuten ruhte sich die Band backstage aus, während das Publikum wie von Sinnen “Encore, encore, encore…” brüllte. Zuerst zeigte sich die Band erneut hinter ihren Instrumenten. Dann schleppte sich Róisín, in einer Art 100 Kilo gold-schwarzem Wollfetisch-Kostüm, auf die Bühne, um die sinnliche Ballade „Exile“ (Hairless Toys) zu präsentieren. Dann drehte die Band zum Moloko-Song „Pure Pleasure Seeker“ (Things To Make And Do) völlig auf. Jeder der vier Jungs durfte mal zusammen mit Queen Róisín ins Mikro brüllen. Róisín zeigte sich dem Publikum zum Anfassen nah und heizte ihm zusätzlich mit dem Refrain der Moloko-Hymne „Sing It Back“ (I am Not A Doctor) so richtig ein. Hier grölte wirklich jeder vollen Herzens mit.

Im rauschenden Ballkleid und Glitzermaske während des Songs "Exploitation" (Foto: hole-boss /instagram)

Final spielte die Band noch einmal „Exploitation“ an und Róisín stellte, im Rhythmus zu den Beats, ihre geniale Band vor. Ich könnte die einzelnen Mitglieder jetzt googeln und aufzählen, aber was soll‘s. Der Gitarrist vor meiner Nase sah echt gut aus und erkannt habe ich nur den irren Eddie am Keybord.

Fazit: Ein echt wahnsinnig guter Abend mit einer extrovertierten, publikumsnahen Róisín Murphy, die es sichtlich liebt im Mittelpunkt zu stehen. Es wurden neue Songs von ihren Soloalben gespielt aber auch Moloko-Klassiker. Das Publikum eine bunte Mischung aus L.A.s halber Schwulen- und Queerszene und echte Fans. Die Stimmung war grandios, der Saal betanzt und bekifft. Glücklich.

Danke für einen unvergesslichen Abend in L.A. - Roisin und ihre Jungs (Foto: esdanyboy /instagram)

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Slowdive live in Singapur, Juli 2014 (Foto: Maria Clare Khoo)

In genau einem Monat habe ich Geburtstag. Dann bin ich schon in New York City, genieße meinen Tag und freue mich auf den nächsten. Dann kann ich endlich nicht mehr meinen Lieblingsspruch anbringen: „Bei den wichtigsten Ereignissen in meinem Leben, war ich nie dabei!“ Nein, dann werde ich sie endlich sehen, meine Band feiern. Slowdive. Vor fast 20 Jahren haben sie sich aufgelöst, nachdem ihr Album „Pygmalion“ scheiterte. Mein Album, das ganz oben, unantastbar, auf einem himmlischen Sockel steht. Die “Just For A Day” habe ich das erste Mal gehört, als ich den ersten schlimmen Liebeskummer in meinem Leben hatte. Ich würde heute behaupten, dass diese Platte damals mein Leben gerettet hat. Sicher auch das vieler anderer. Ihr da draußen, ihr wisst, was ich meine. Neu verliebt habe ich mich dann in Neils Stimme. “Alison”, der erste Song der “Souvlaki”. Niemals sang ein Mann schöner! Meine kindliche Vorfreude auf diesen Tag ist unbeschreiblich. Ein langersehnter Traum, den ich nach Slowdives Auflösung niemals zu träumen gewagt hätte, wird wahr. Vergleichbar ist sie fast nur mit meiner gespannten Erwartung auf Weihnachten 1987. Da habe ich mein erstes Paar schneeweißer Schlittschuhe geschenkt bekommen. Wunderbar war dieser Advent.

Die wunderbare Rachel Goswell mit Tamburin / Primavera Sound, Barcelona 2014

Ich habe mich ein wenig geärgert, dass ich Slowdive nicht, wie einige Freunde von mir, auf dem Primavera Sound Festival in Barcelona sehen konnte. Laut Erzählungen war es ganz fantastisch, was dieser Konzertmittschnitt von ARTE auch beweißt. Neil Halstead singt den alten Slowdive-Song „When The Sun Hits“ so erdig, als würde er ein Stück von seinen Soloalben spielen. Rachel Goswell sieht noch schöner aus als zu alten Slowdive-Tagen. Was habe ich euch vermisst. Ein paar Tränen kullern mir über die Wangen, wenn ich die süße Rachel, dort lächelnd auf der Bühne eine Coverversion von Syd Barretts “Golden Hair” singen sehe, während die Jungs dazu diesen flirrenden Teppich aus Gitarrensounds weben. Meine Begleitung wird mir beim Konzert nach jedem Song ein Papiertaschentuch reichen müssen, denn ich werde tausend kleine Tode sterben. “Catch me if I fall…” Danach werde ich aussehen, wie Alice Cooper. Aber egal. Slowdive, from now on I‘m counting down the days! Bis bald im Terminal 5! Shoegazergirl wird ihr schönstes Kleid anziehen, einen Old Fashioned trinken und euch zuprosten!

Auch diesen ganz wundervollen Konzertmitschnitt müsst ihr euch anhören und ansehen:

SLOWDIVE – FESTIVAL LA ROUTE DU ROCK 2014

Neils Effektboard bringt mich noch immer zum Staunen

Schauen: Auf dem Reeperbahn Festival habe ich ein Mädel kennen gelernt, dass dieses Video von “Machine Gun” auf dem Primavera aufgenommen hat. Ganz gut für mit Mobile.

Lauschen:

Slowdive – Some Velvet Morning

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Slowdive – Blue Skied An’ Clear

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Amazing Blazing Jenny Wilson / Hamburg Reeperbahn Festival

Sara Wilson spielt auf ihrer Guild /Hamburg Reeperbahn Festival Knust 19.09.2014

Die Schwestern, die zaubern - Sara Wilson und Jenny Wilson

Vom Oktoberfest geflohen, habe ich am Wochenende mein wunderschönes Hamburg besucht. Es war herrlich, alte Freunde zu treffen und wir hatten Spaß auf der Reeperbahn. Nach langer Zeit des Satthabens von Musik überhaupt und back to the roots, habe ich mich am meisten darüber gefreut, die schwedische Singer-Songwriterin Jenny Wilson zu sehen. Doch offensichtlich hielt sich die Vorfreude der Reeperbahn Festival-Besucher in Grenzen. Als wir im Knust ankamen, waren wir nahezu die einzigen, die dort auf Jenny warteten. Nach einem Jägermeister auf die Liebe, war es kein großer Akt, sich durch die Luft in die erste Reihe vorzukämpfen. Punkt Mitternacht ging es los und Jennys Schwester Sara Wilson spielte die ersten warmen Akkorde auf ihrer Guild-Gitarre. Hab mich gefreut, dass sie mich erkannt, angegrinst und mir zugewunken hat.

Als Jenny raus kam, sah sie in ihrem wirklich coolen Outfit aus, wie eine schwarze Hip-Hop-Sängerin aus der Bronx. Ihre Songs enthielten eine Menge politische Statements, die sie gebetshaft vorgetragen hat, halb im Gesang, halb rufend. Ihre Musik klingt exotisch. Unverwechselbar eigensinnig. Trotz des kleinen Publikums, lieferten die beiden Wilson-Schwestern eine souveräne Show ab und hatten sichtlich Spaß an ihrer Musik. Jenny war ganz zauberhaft, hat sich entschuldigt, dass ihre Stimme etwas angeschlagen ist, wegen einer Erkältung, aber sie glücklich sei, hier zu spielen. Zu danken haben wir! Die Interaktion mit dem Publikum war schwierig für Jenny. Die trägen Leute kamen nicht wirklich in die Gänge und sie musste jede Regung aus ihnen heraus kitzeln. Aber Jenny ist da ganz Profi: Demand The Impossible!

"Pickelface is back in Town" oder "Wenn Jean-Luc Godard ein iPhone hätte"

Schauen: Jenny Wilson – Pyramids (live Nyhetsmorgon)

Jenny Wilsons letztes Album “Demand The Impossible!” erschien am 6. November 2013. Das Album entstand 2012 während Jennys Krebsbehandlung. Eine echte Powerfrau! Es ist ihr drittes Studioalbum. Jenny und Sara Wilson spielten früher in der gemeinsamen Band First Floor Power.

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Der 39-jährige Håkan Hellström, live am 8. Juni in Göteborg (Foto: hakanfans/Instagram)

Das vergangene Wochenende in Göteborg glich eher einer Pilgerreise als einem Städtetrip. Sommerliche Temperaturen, strahlender Sonnenschein und das Event des Jahres liessen die Herzen der Göteborger und die, der uns Angereisten höher schlagen. Ich spreche nicht von Prinzessin Madeleines royaler Traumhochzeit, denn die Göteborger lieben ihren ganz eigenen Prinzen: Håkan Hellström.

Große Acts wie Bruce Springsteen oder Depeche Mode mögen die ausverkauften Göteborger Konzerthallen füllen, aber es ist unmöglich den Helden der Stadt zu toppen. Wohl auch im strömenden Regen hätten sich die 27.000 hingebungsvollen Fans am Samstag in der alten Arena im Slottsskogen versammelt. Ob junge Mädchen in Matrosenkostümen, die Håkan in den ersten Reihen mit verheulten Augen und verschmierter Wimperntusche anschmachten und sämtliche Texte ekstatisch, wie im Gebet mitsingen, oder ältere Damen, die mit ihren Ehemännern Hand in Hand auf den Rängen der Arena Platz nehmen und sich vertraut und glücklich anstrahlen: Der Håkan Hellström-Fan kennt kein Alter, kein Geschlecht und auch keine Landesgrenzen.

Junge Männer und Frauen stimmen sich schon in den knackig vollen Trams auf dem Weg in den Slottsskogen mit lauten Fangesängen ein (und ordentlich Alkohol, der in Schweden niemals fehlen darf) und geben dabei die ein oder andere Hellström-Hymne zum Besten. Fast wie junge, euphorische Pfadfinder auf dem Weg zum ersten großen Abenteuer. Beginnen sollte das Konzert um 20.00 Uhr. Dicht gedrängt stehen wir ungefähr 30 Meter von der Bühne entfernt und warten ungeduldig auf Håkan. Doch der Prinz nimmt sich Zeit. Nach 45 Minuten Wartezeit auf engstem Raum muss ich doch raus aus der Masse und wir ziehen uns zurück auf die Ränge. Wenig später entpuppt sich dies als weise Entscheidung.

Als Håkan ganz in schwarz gekleidet und mit Zylinderhut die Bühne betritt, flippen die Leute nahezu aus. Schon bei den ersten Takten des Openers „Det kommer aldrig va över för mig“ (Für mich wird es niemals vorbei sein) gehen die Fans, ausnahmslos, total ab. Sie hüpfen und klatschen im Takt mit und einige Jungs tanzen so aggressiv, dass man besser Abstand hält, um keinen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen oder gar einen Fuß. Hellström strotzt vor Kraft erobert sein Publikum im Sturm „…som en orkan kan jag svepa bort dig, jag tänker aldrig dö nej, det kommer aldrig va över för mig…“ (Wie ein Orkan kann ich dich wegfegen, ich denke, niemals sterben, nein, für mich wird es niemals vorbei sein).

Göteborg diente auch auf der Bühne als Kulisse. Im Hintergrund Sohn der Stadt Evert Taube auf der Parkbank (Foto: parabolfantast/Instagram)

Heimspiel für den Jungen aus der Stadt

Doch was macht diesen Göteborger Typen, der früher so gerne Matrosenanzüge trug und so ein herrlich verschmitztes Lächeln hat, so besonders und unwiderstehlich? Ganz einfach: Er ist ein Junge aus der Stadt, wie die Menschen, die vor ihm stehen. Man teilt die Straßen, die Sonne, und die Sehnsucht nach dem kurzen Sommer. Man kennt sich, die Gesichter der Häuser und die Geschichten der Menschen, die dahinter leben. Hellström hat die große Gabe sich in die Herzen seines Publikums zu singen und fühlt sich sichtlich wohl dabei. Ein jeder Göteborger kann sein Leben in seinen Texten wieder finden und sich mit Hellström verbrüdern. So viele sind mit seiner Musik groß geworden, verbinden ein halbes Leben damit. Nun können sie gemeinsam aus voller Brust aufsingen. Welch ein Gefühl von Freiheit in Verbundenheit.

Hellström weiß darum und begrüßt sein Publikum herzlich und aufrichtig mit „Kära vänner“ (Liebe Freunde) und „Gott folk“ (Liebe Leute). Er erzählt, dass er eine Woche lang gebangt und gebetet habe, dass das Wetter an diesem Abend mitspielt und die Sonne scheint. Man merkt, dass der Abend auch für ihn etwas Besonderes ist und dort nicht nur einfach das neue Album mit ein, zwei Zugaben runter gedudelt wird, (so wie es andere große schwedische Bands mitunter tun). Hellström schätzt jeden Blumenkranz, den die Mädchen ihm zuwerfen und jedes kleine Geschenk, das auf die Bühne fliegt.

Ein Rendezvous mit Evert Taube

Gleichermaßen schätzt er seine Band. Allesamt klasse Musiker – nicht nur auf den gängigen Instrumenten. Wir hören in „Klubbland“ eine grandiose Ska Trompete in „2 steg från paradise“ (zwei Schritte vom Paradis entfernt) eine zwitschernde Blockflöte. Herrlich rhythmische Congas geben den Songs einen Hauch Extra-Groove. (Der Trommler wird sich später noch als wahrer Künstler erweisen und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ auf seinen Zähnen spielen). Auch Evert Taube, wahrlich ein Göteborger Komponist aus dem letzten Jahrhundert, ist auf der Bühne mit dabei – wenn auch nur als Pappmaché-Figur auf einer Parkbank. Håkan braucht eine Weile ihm zu erklären, dass neue Zeiten angebrochen sind.

Als echte Rock‘n Roller entpuppen sich die Musiker bei „Jag vet inte vem jag är men jag vet att jag är din“ (Ich weiß nicht wer ich bin, aber ich weiß, dass ich dir gehöre). Songs des neuen Albums wie „Du kan gå din egen väg“ (Du kannst deinen eigenen Weg gehen) und „När lyktorna tänds“ (Wenn die Laternen angezündet werden) zünden dabei genauso gut wie die Klassiker „Shelley“ und „Klubbland“.

Håkan Hellström und Thomas Öberg performen Sci Fi Skåne (Foto: hakanfans/Instagram)

Håkan kriegt uns alle rum

Håkans Stimme ist außerordentlich facettenreich, stark, soulig, aber auch sinnlich und zerbrechlich. Er kriegt und hat uns an diesem Abend alle, doch bewußt wird uns das erst bei dem Song „Nu kan du få mig so lätt“ (nun kannst du mich so leicht kriegen). Meine erste Glücksträne habe ich in diesem Moment verdrückt. Hach, dieses Gefühl. Das Herz so offen und aufgeweicht. Der folgende Song „Du måste dö några gånger innan man kan leva“ (Du musst ein paar mal sterben, um zu leben) sticht da nochmal richtig rein.

Eigentlich hätte Håkan Hellström keinerlei Unterstützung gebraucht die Temperaturen noch mehr zu erhöhen, springt da nicht der maskierte Thomas Öberg von Bob Hund auf die Bühne. Wir können kaum fassen was wir dort sehen, brauchen einen Moment um zu kapieren, dass dort tatsächlich Hellström und Öberg gemeinsam „Jag har aldrig bott vid en landsväg“ singen. Bei dem Songs von Sci-Fi Skåne handelt es sich wiederum um eine schwedische Coverversion des Songs „Going up the Country“ von Canned Heat. Nun, wessen Idee dieser Auftritt auch immer war, sie ist grandios.

So richtig Fahrtwind auf, nimmt die Show mit den soulig, rockigen Nummern ”Gårdakvarnar och skit” (irgendwas und Scheiße), ”Dom där jag kommer från” (von wo ich komme) und „Kom igen Lena!“ (Komm wieder Lena!). „Ramlar“ (Stürzen) – eine gute Portion verrückter Rock und gerade das elektronische „Pistol“ (Pistole) bilden vorerst den Abschluss den Konzertes. Nach dem sich der rote Vorhang schließt und das eigentliche Konzert beendet, ist es an der Zeit sentimental zu werden.

Auch mich hat Håkan an diesem Abend rumgekriegt. (Foto: laika_alfonsdottir/Instagram)

Dem Morgengrauen entgegen

Für die Zugabe wird die neue Ballade „Valborg“ (Walpurgisnacht) ausgepackt, die wie ein uraltes, schwedisches Volkslied klingt. Ganz zurecht kann man sich dabei vorstellen, an einem Lagerfeuer zu sitzen und sich hals über Kopf und leichtsinnig zu verlieben. Alle singen im Chor mit Håkan „…Ja, jag är din om du vill ha en idiot, lägg din hand i min, lägg din hand i min…“ (Ich bin dein, wenn du einen Idioten willst, leg deine Hand in meine).

Dann werden endlich die beiden großen Hits gespielt: „Känn ingen sorg för mig Göteborg“ (Sorge dich nicht um mich Göteborg), das Lied der Göteborger schlechthin, und „En Mittsommernattsdröm“ (Ein Mittsommernachtstraum). Welch eine Stimmung! Die Leute liegen sich zuhauf in den Armen, man ist tief gerührt und schon fast traurig, dass dieses Volksfest alsbald zu Ende gehen wird. „Du är snart där“ (Bald bist du da) ist der letzte Song an diesem Abend. In Göteborg geht die Sonne unter und der Abend wird mit einem gigantischen Feuerwerk gekrönt. Auf den großen Monitoren neben der Bühne laufen Bilder aus dem Stummfilm „Moderne Zeiten“. Charlie Chaplin und Paulette Goddard laufen Hand in Hand auf einer langen, einsamen Strasse dem Morgengrauen entgegen. The End.

Nun fahre ich wieder durch die Strassen Berlins, meine Kopfhörer auf den Ohren und höre das aktuelle Album „Det kommer aldrig va över för mig“. Dieser neue, wilde Hellström hat mir ganz schön den Kopf verdreht und imponiert mir wesentlich mehr als der Junge im Matrosenanzug. Ich träume mich in das Konzert hinein. Versuche diese Momente unvergesslich zu machen. Schreibe diesen Artikel, den ich in ein paar Jahren noch einmal lesen kann. Dann bin ich wieder da.

Lauschen: Tausende von Menschen singen mit Håkan Hellström - “Pistol” vom aktuellen Album Det kommer aldrig va över för mig”

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.