The Cardigans 2006 (Magnus, Bengt, Nina, Lasse, Peter v.l.)

Die Reise beginnt

Es war schon eigenartig The Cardigans nach so vielen Jahren wieder live zu sehen. So geschehen am vergangenen Freitag im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen. Im Sommer treten dort jeden Freitag bekannte Bands vorwiegend aus dem Genre Rock auf und geben der Veranstaltung ihren Namen: Fredagsrock. Hier zwischen Zuckerwatte und Softeis soll sie nun beginnen die große Tour “Gran Turismo”, die für die Cardigans in Japan enden wird.

Unwirklich erscheint die Kulisse von Achterbahn, Karussell und orientalischem Märchenpalast aus Tausend und einer Nacht, während wir (ich war mit drei hartgesottenen Cardifans unterwegs) an der Absperrung vor der malerisch eingebetteten Bühne warten. Irgendwie unwirklich auch die Tatsache, dass Cardigans ihr Album „Gran Turismo“ von 1998 spielten.

Nach dem pfeifenden Intro startet die Band gegen 22 Uhr. Das Konzert beginnt mit dem bassintensiven „Paralyzed“. Bekannte Gesichter auf der Bühne. Magnus Svenningsson am knurrenden Bass, Bengt Lagerberg an den Drums, die Tasten drückt Lasse Johansson Ståle. Für Peter Svensson greift Moto Boy alias Oskar Humlebo in die Gitarrenseiten.

Doch alle warten in diesem Moment nur auf sie – Nina Persson. Mit langsamen Schritten schwebt sie auf die Bühne, sie lächelt nicht. Fast krankhaft dürr sieht sie aus in ihren schwarzen Röhrenjeans, dem schwarzen Cape und den Plateauschuhen. Gewollt oder nicht, sie wirkt irgendwie zu bis oben hin. Die schwarz geschminkten Augen und die hohlen Wangenknochen lassen sie verrucht aussehen. Und doch finde ich sie schön in all dieser Unwirklichkeit. „This is where your sanity gives in and love begins…“

Nina Persson

Nina Persson (Quelle: Undertoner)

Der Regen trägt Ninas Stimme

Ninas Stimme klingt gewaltig und rauchig. Sie singt diese alten Songs mit einer neuen Tiefe. Ihre Stimme ist tragfähiger, Ninas Ausdruck dramatischer. Die aufziehenden Regenwolken wirken wie eine melancholische Antwort auf ihren Gesang. Ich schaue Nina an, sehe wie sie über das Publikum hinweg schaut in eine andere Zeit. Ich höre diese alten Songs und habe die Texte nicht vergessen. Ganz automatisch singe ich Zeile für Zeile mit, lasse mich zurück katapultieren in die Neunziger. An diesem Abend stehen zwei Sandras dort vor der Bühne im Regen. Die Sandra, die damals vor fast 14 Jahren wie irre die “Gran Turismo” beim Autofahren in strahlendem Sonnenschein gehört und lauthals mitgesungen hat. Andererseits, die Sandra von heute, die nostalgisch in die Vergangenheit blickt in einem Regencape vorne im Publikum.

Beim Betrachten merkt man, dass die Band einander gut kennt, gibt es die Cardigans in diesem Jahr offiziell 20 Jahre. Doch haben sie mitunter Schwierigkeiten ein harmonisches Klangbild zu erzeugen. Es ist doch zu lange her, dass sie zusammen auf der Bühne standen. Die ersten fünf Songs der Gran Turismo „Paralyzed“, „Erase/Rewind“, „Explode“, „Starter“ und „Hanging Around“ spielt die Band solide. Lediglich Moto Boys Gitarre gibt bei „Hanging Around“ irgendwie den Geist auf und Magnus muss Peter Svenssons verrücktes Solo am Bass spielen. Nina verausgabt sich stimmlich, was der folgenden Ballade „Higher“ nicht unbedingt zugute kommt.

„Marvel Hill“ empfand ich immer als Höhepunkt der “Gran Turismo”. Auch an diesem Abend hat dieses Lied eine magische Wirkung auf mich. Ich kann nur die Augen schließen mich Bengts sattem Snare-schlag und Ninas weinerlichem Gesang hingeben „…I close my eyes, it‘s on the other side and what I‘ve worked so hard to gain, I‘d gladly give away…“

Bei der Rocknummer „My Favourite Game“ sind die Fans dann das erste mal so richtig außer Rand und Band. Ich muss ziemlich aufpassen, nicht umgeworfen zu werden, denn in meiner nostalgischen Stimmung habe ich so gar keine Lust wild umherzuspringen. „Do You Believe“ ist dann wieder ein Song der mich stark berührt, ebenso „Junk Of The Hearts“. „…when your faith is gone, and when you can‘t believe, I‘m on my hands and knees…“

Moto Boy, Nina & Magnus (Quelle: Undertoner)

Ein Lied aus dem 18. Jahrhundert

Während das Gran Turismo-Outro „Nil“ vom Band läuft, verschwinden Nina und Co. Backstage. Zeit das Album und das Outfit zu wechseln. Die erste Zugabe startet mit „For What It‘s Worth“ und Nina schmettert die schönsten Ah-ah-ah-ah-ah-ah-aaahs von sich, die es jemals gab. Die Kommunikation mit dem Publikum ist herzlich, soviel kann ich, trotz meines grottigen Schwedisch, mitbekommen. Nachdem Songs aus dem 20. und 19. Jahrhundert gespielt wurden, meint Nina sei es Zeit auch etwas aus dem 18.Jahrhundert zu spielen. „Lovefool“ wird angestimmt, kommt aber wider Erwarten nicht allzu gut an. Scheint als hätten sich auch die Fans von der alten, zuckersüßen Nina verabschiedet.

Die „You‘re The Storm“ B-Seite „Hold me“ kannte ich noch nicht und gefällt mir absolut. Das mitreißende „Live and Learn“ bringt mich zum Schmunzeln. Es zeigt mir doch mal wieder, dass man nur glaubt aus Fehlern zu lernen und letztendlich doch immer wieder die gleichen Fehler macht. Die einzige (Rock)Nummer der Super Extra Gravity „I need some fine wine and you, you need to be nicer“ ist ein gelungener Abschluss der ersten Zugabe. Doch so angefixt können die Cardigans die Cardifans nicht im Regen stehen lassen. „Wir spielen mehr Musik!“ ruft Nina als sie nach kurzen Verschwinden wieder auf die Bühne tritt.

„Oh mirror, mirror upon the wall, who is the fairest of them all, mirror, mirror made no reply, mirror went black and cracked from side to side…“ Die nächste beeindruckende, mir noch unbekannte Rocknummer beschall das Tivoli – „Give Me Your Eyes“. Es scheint als befänden sich auf den B-Seiten der Cardigans-Singles Perlen zauberhaften Schimmers. Wie auch Ninas Augen bei diesem Song voller Ernergie schimmern und blitzen, fast wie dämonisch besessen.

Enden wollen die Cardigans das Konzert dann doch mit einer Ballade von der Long Gone Before Daylight: „ Communication“. Diese haut gerade bei diesem wundervollen Song auf der Bühne nicht hin. Der Sound ist matschig, die Harmonien stimmen nicht und die arme Nina hat keine Ahnung, wo verdammt noch mal sie drauf singen soll.

Am Ende des Konzertes nimmt Magnus Nina in den Arm und flüstert ihr etwas zu. Was auch immer es ist, es beflügelt die Fantasie. Werden sie ein neues Album zusammen machen? Wird Peter dann wieder in die Band kommen? Gibt es ein ferne Zukunft für die Cardigans? Ich wünsche es mir. Denn ich würde auch in 10 Jahren wieder auf die Reise gehen, um vor dieser Band im Publikum stehen – ganz vorne.

Schauen: “Hold me”

Lauschen:

The Cardigans – Hold Me

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The Cardigans – Give Me Your Eyes

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The Cardigans - Coverausschnitt des Erfolgsalbums "Gran Turismo" von 1998

Es ist vielleicht die größte Überraschung dieses Jahres – The Cardigans spielen Ihr Erfolgsalbum “Gran Turismo” von 1998 exklusiv auf dem Hultsfredsfestival in Schweden. Gunnar Lagerman, Kreativchef des Festivals, ist absolut begeistert The Cardigans für das Event vom 14. bis 16. Juni gewonnen zu haben. Nicht weniger ambitioniert äußert sich die Band selbst zu dieser wirklich einmaligen Gelegenheit, die Vergangenheit für einen Moment zurück in die Gegenwart zu holen. Sie konnten gar nicht anders und mussten das Angebot des Festivalbetreibers einfach annehmen.

Seit 2006 haben The Cardigans nicht mehr in ihrem Heimatland gespielt und die Bandmitglieder Nina Persson, Magnus Sveningsson und Bengt Lagerberg und Lasse Johansson haben sich in den letzten Jahren in verschiedenen, eigenen Musikprojekten wie A Camp, Brothers Of End und DunDun, ausgetobt und selbstverwirklicht.

Eine der fünf Strickjacken wird jedoch bei diesem einzigen Gig in Schweden nicht dabei sein – Gitarrist Peter Svensson. Glamrocker und Mädchenschwarm Moto Boy Aka. Oskar Humlebo wird für Svensson in die Seiten greifen und mit seiner Falsetto-Stimme Nina sicher auch mit Backing Vocals supporten.

Moto Boy greift für The Cardigans in die Seiten

Weitere relevante Tourneedaten der Cardigans sind:

8. Juni 2012 – Kopenhagen, Tivoli

7. Juli 2012 – Turku, Ruisrock Festival (Finnland)

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Ein frohes neues Jahr 2011 wünsche ich Euch!

Den Neujahrstag habe ich heute zur Rückschau genutzt, so habe ich denn meine drei Alben 2010 gewählt.

Die Ausbeute an guten Alben war nicht groß im vergangenen Jahr. Kaum kitzelte etwas Interessantes die Gehörgange. Gerade die Alben einflussreicher Bands wie Interpol, Band Of Horses oder Arcade Fire waren mittelmäßig und hinterließen wenig Eindruck. In gewisser Weise war das letzte Jahr für mich ein Jahr der Singer-SongwriterInnen. Besonders Künstlerinnen aus England wie Lou Rhodes, Lonelady und Chatelaine haben solide Alben produziert.

Bronze, Silber und Gold für die eindrucksvollsten Alben von 2010 werden an zwei schwedische Boys verliehen in deren Mitte sich eine amerikanische Sängerin wiederfindet.

Gold : Håkan Hellström “Två Steg Från Paradise”

Håkan Hellström "Två Steg Från Paradise"

Das Cover wurde auf dem Göteborger Risåsberg aufgenommen. Im Hintergrund sieht man den Vergnügungspark Liseberg.

Zwei Schritte vom Paradies entfernt – kein Titel der reinhaut. Auch der Titelsong haut nicht rein – aber der Rest, der hat es in sich. Göteborgs Held Hellström beschenkt uns mit einem frischen, optimistisch klingenden, sechsten Studioalbum. “Det Här Är Min Tid” (Opener) wäre ein besserer Name für dieses Werk gewesen, denn Hellström klingt so als wäre genau jetzt seine Zeit – seine Glanzzeit. Weitere herausragende Stücke sind “Saknade Te Havs” (Verloren auf dem Meer), “Du Är Snart Där” (Bald bist du dort) und “Man Måste Dö Några Gånger Innan Man Kan Leva” (Man muss einige Male sterben, bevor man leben kann).

mp3 von Hellström hören: Håkon Hellström – Saknade Te Havs

Silber : Holly Miranda “The Magician’s Private Library”

Holly Miranda "The Magician's Private Library"

Beschützt von Zauberhand geschieht diesem Mädchen nichts im Schlaf. Die Zeit vergeht im Traum.

Wundersam und zauberhaft, wie auch der Albumtitel, ist das zweite Album der amerikanischen Singer-Songwriterin Holly Miranda. In sensibel gestalteten Songs erzählt die 27-jährige Geschichten über Gauner und Ganoven, Schlaf und Traum. Ein funkelndes musikalisches Spektakel, bei dem der Sound beeindruckender ist, als Mirandas Stimme. Der eigentliche “Magier” der Platte ist der Produzent – TV On The Radio’s Dave Sitek. Er mischt Bläser, Streicher, Synthies, Glöckchen und Hall zu einem Liebes-Trunktrank. Er schickt den Hörer auf eine mystische Reise vom eigenwilligen Opener “Forest Green Oh Forest Green” über das schwelgerische “Waves” bis wir uns am Ende in “Sleep On Fire” erschöpft auf einem Flammenbett niederlassen.

mp3 von Holly Miranda hören: Holly Miranda – Slow Burn Treason

Bronze : Moto Boy “Lost In The Call”

Moto Boy "Lost In The Call"

Der androgyne Männer- und Frauenschwarm Oskar Humlebo (Moto Boy)

Schweden’s Dream - Moto Boy knüpft mit “Lost In The Call” quasi nahtlos an sein wirklich gelungenes Debut von 2008 an. Die Songs sind ähnlich strukturiert und Motos glasklare Falsettostimme schwebt auf seiner E-Gitarre. Eingerahmt wird das Ganze von E-Drums und himmlischen Chören. Herausragende Stücke sind “The Heart Is A Rebel”, das verträumte “When My Heart Was High” und die Ballade “If Only Your Bed Could Cry”. Dieser Song erschien ursprünglich im Duett mit der schwedischen Sängerin Titiyo auf ihrem Album “Hidden” (2009). Schmacht!

mp3 von Moto Boy hören: Moto Boy – Lids

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.