Singer-Songwriter Mark Linkous (Sparklehorse) wählte vor genau fünf Jahren den Freitod

„What’s the point of a heart when it has to beat so far from where it most wants to be?”

(The Bear Quartett)

Am 6. März 2010 wählte der amerikanische Singer-Songwriter Mark Linkous, bekannt als Sparklehorse, auf dem Grundstück eines Freundes in Knoxville Tennessee den Freitod. Der Multiinstrumentalist, Komponist und Sänger tötete sich im Alter von gerade mal 47 Jahren mit einem Schuss direkt ins Herz – dorthin wo es am meisten weh tat.

Mark Linkous hinterlässt uns vier wundervolle Sparklehorse-Alben. Arbeite mit zahlreichen Künstlern zusammen, u.a. seine Vielleicht-Muse Nina Persson, Polly Jean Harvey und Tom Waits. Kurz vor seinem Tod entstand 2009 noch das Album “Dark Night of a Soul” in Zusammenarbeit mit Danger Mouse und David Lynch mit Gastgesängen von Wayne Coyne von den Flaming Lips und Susanne Vega.

Geboren wurde Mark Linkous am 9. September 1962 in Virginia. Er stammt aus einer Familie von Bergleuten. Seine Eltern ließen sich früh scheiden und er lebte dann bei seinen Großeltern in Charlottesville. Sein melancholisches Herz schlug von je her für Musik. Als feingeistiger Mensch wusste er, dass körperliche Arbeit nichts für ihn ist. Später bezeichnete er sich selbst als Jugendstraftäter, da er bereits im Alter von 13 Jahren in Motorradgangs abhing.

Mark Linkous in seiner Heimat Tennessee mit offensichtlicher Leidenschaft für Motorräder

Nach der High School ging Linkous zunächst nach New York City und gründete dort Anfang der Achtziger Jahre seine erste Band Dancing Hoods. Nach Auflösung der Dancing Hoods zog es Linkous zurück in seine Heimat Virginia und er arbeitete dort anfangs als Roadie der amerikanischen Alternative Rockband Cracker. Sänger und Gitarrist David Lowery von Cracker produzierte wenig später das erste Sparklehorse-Album “Vivadixiesubmarinetransmissionplot”. Mark Linkous wirkte wiederum kompositorisch an Crackers Album “Kerosene Hat” von 1993 mit.

Der Öffentlichkeit sind die genauen Hintergründe des Freitodes von Mark Linkous nicht bekannt. Allerdings weiß man um die jahrelangen depressiven Episoden des Künstlers, der bereits 1996 versuchte sich das Leben in einem Londoner Hotelzimmer zu nehmen. Eine Überdosis Antidepressiva, Valium und Alkohol führten zu einem schweren Sturz, bei dem er so unglücklich auf die Beine gefallen ist, dass man diese nur knapp vor einer Amputation retten konnte. Danach musste er noch über ein halbes Jahr mit einem Rollstuhl leben.

Auch Nina Persson schien der Tod von Mark Linkous hart getroffen zu haben. Die beiden verband seit 2001 eine tiefe Freundschaft. Mark Linkous produzierte mit Nina Persson ihr erstes A Camp-Album. Im letzten Jahr veröffentlichte Nina ihr Solodebut “Animal Heart”. Der Song “Burning Bridges For Fuel” scheint den Verlust dieses guten Freundes aufzugreifen und auch das Unverständnis für seinen Suizid: “…to move into a cabin with a gun is not the right thing to do.”

Ich kann mich noch an diesen Tag vor fünf Jahren erinnern. Der Tod von Mark Linkous hat mich ziemlich erschüttert und ich produzierte unmittelbar eine Themensendung für meine Radiosendung Twilight Tunes auf Byte.FM. Seine Musik bewegt mich noch heute sehr stark und erzählt mehr über diesen sensiblen Künstler als Tausend Worte. Ich werde euch die Sendung in Kürze, sofern mein “technisch versierter” Verstand es zulässt die einstündige MP3 irgendwie zu komprimieren, hier auf Mittsommernachtsspitzen als Stream zur Verfügung stellen. Weiter habe ich hier ein paar schöne Stücke für euch:

Nina Persson “Burning Bridges For Fuel”

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Danger Mouse and Sparklehorse “Revenge” feat. Wayne Coyne

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Sparklehorse “Apple Bed” feat. Nina Persson

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Twilight Tunes vom 10. März 2010 auf Byte.FM zum Freitod von Mark Linkous

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Tracklist :
1. Sparklehorse / Gold Day/ It’s A Wonderful Life
2. Sparklehorse / Cow / Vivadixiesubmarinetransmissionplot
3. Cracker / Low / Kerosene Hat
4. Radiohead / Bullet Proof…I Wish I Was / The Bends
5. Sparklehorse / Some Sweet Day / Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain
6. Sparklehorse / Hey, Joe / Good Morning Spider
7. Daniel Johnston / Walking The Cow
8. A Camp / Walking The Cow / A Camp
9. Sparklehorse / Apple Bed / It’s A Wonderful Life
10. Sparklehorse / Piano Fire / It’s A Wonderful Life
11. Sparklehorse / Don’t Take My Sunshine Away /Dreamt For Light Years In The Belly Of A Mountain
12. Danger Mouse & Sparklehorse / Revenge (Feat.Wayne Coyne)
Dark Night Of The Soul
13. Danger Mouse & Sparklehorse / The Man Who Played God (Feat.Suzanne Vega)
Dark Night Of The Soul

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Video still Nina Persson "Heat"

Gestern Abend habe ich mich mit Laptop, Kopfhörern, Zigarette und einem guten Schluck Roséwein auf der Dachterasse positioniert. Ich wollte die passende Atmosphäre schaffen, um diesen Song „Heat“ der schwedischen Band Brothers Of End zu hören. Es war mir von Vornherein klar, dass er Platz braucht zum Atmen. Weite, Zwielicht. Ein Duett ist immer ein Dialog zweier Liebenden. Und ich möchte genau lauschen, offen sein für jedes ausgehauchte Gefühl.

Ich zünde die Zigarette an, drücke auf Play, und mit den ersten warmen Akkorden einer Orgel mit hammondähnlichem Sound, schaue ich auf den großen, klaren, wachsenden Mond. Erika Roséns zarte Gitarrenklänge vereinen sich mit Lars-Olof Johanssons (Lasse) zerbrechlicher Stimme. „You taught me how to kiss, when we where kids, now you come knocking at my door, after all these years…“ Das sitzt.

Dann bricht Nina Perssons herzzereißender Gesang herein. Kleine, eiskalte Ameisen laufen über meinen Rücken. Es prickelt wie Champagner auf meiner Haut. Ich habe darauf gewartet. „Just beneath the bridge, where we used to dance, we got drunk on cheap champagne, then I gave you head…“ So sinnlich und romantisch kann nur Nina eine Vulgarität singen. Das wissen wir spätestens seit: „Come be my man, baby bang with me..“ (Animal Heart)

„You say I‘m destined to be lonely, but I say free, maybe the heat is leaking out, but the sun is shining in…“ antwortet Lasse. Dann ergiesst sich wundersam mystisch – schwelgerisch – der ganze Orgasmus auf das nächtliche Kleid aus schwarzblauem Samt. Schimmernd im Lichte des weißen Mondes. Wunderschönste, zarte, aus Lungen über Kehlköpfe ausströmende Uuuuuhuuuuuhuuuuuuhs. Organisch – frisch aus dem heißen Blutkreislauf. Nina, Lasse, Erika, Mattias, Bengt – sie alle stimmen mit ein.

Lasses unheilvoll trauriger Blick - Video still "Heat"

Nina: „You came inside of me, and then you lied, about how much I meant to you and how you cried“ Es gewittert. Die Hitze trifft auf kalte Luft. Während ich mich in diese paralysierenden Klänge reinknie, wirbelt Bengt Lagerbergs federleichtes Schlagzeugspiel die Luft auf. Die kleinen Härchen auf meinen Armen richten sich auf, als würde man sie sanft anpusten. Die Zeit läuft langsamer als mein Herzschlag.

Hier begegnen sich zwei Menschen nach langer Zeit wieder. Hier muss noch etwas erledigt werden. Sei es der wieder vereinigende Liebesakt oder der gemeinsame Suizid, sinnbildlich gemeint oder tatsächlich vollzogen. Lasse singt: „I kept the gun you asked me to throw away, and every minute since you left, I have awaited this“

„You say I was destined to be lonely, but now I‘m free, and as the heat is leaking out, the sun is shining in…“ Ich habe Ninas Stimme selten so klar und ehrlich wahrgenommen. Etwas Altes scheint zu vergehen und etwas Neues scheint zu beginnen. Doch es ist gibt keinen Anfang und auch kein Ende. Hier hat sich eine Zwillingsseele gefunden, die jetzt frei sein kann. In der Liebe und im Tod. Im Clip wird dies verdeutlicht durch die beiden identischen Kleider, die Nina und Lasse tragen. Auch singen sie dort die jeweiligen Parts des anderen. Sie wirken wie versteinert, all sei dies der Moment in dem die Wärme des Lebens aus ihren Körpern schwindet – das Licht der anderen Seite von ihnen Besitz ergreift.

Während Nina ihre letzten Worte ausgesungen hat, bekomme ich in der Tat noch einen kleinen Schwächeanfall ob all dieser Schönheit. Dieses einzelne ausgestoßene  „Uuuuuuuuuuuh“ von Erika haut mich total um. Sie singt engelsgleich. Alles ergiesst sich erneut in einen ungeahnten Kosmos. Gleitet davon, wie das Leben. Manchmal. Dann ertränkt Regen die schwarzblaue Nacht.

Brothers of End – featuring Nina Persson – Heat from Brothers of End on Vimeo.

Das Video stammt, wie auch Nina Perssons “Food For The Beast”, vom Malmöer Kreativbüro Top Dollar. Tomas Melinder hatte hier wieder sein magisches Auge eingesetzt. Herrlich.

“Heat” ist die zweite Single von Brothers Of Ends neuem Album “Shakers Love”. Dazu schreibe ich noch was, doch erst mal muss ich diesen Song verdauen.

Ach und bevor ich es vergesse: Alles Liebe zum 40. Geburtstag Nina! Stort Grattis!

Lauschen:

Brothers Of End – “Heat”

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Wie eine dicke Spinne, die in der Großraumdiskothek ihre Netze gespannt hat, präsentiert sich die schwedische Popsängerin Nina Persson in ihrem neuen Video „Food For The Beast“. Es ist die zweite, absolut tanzbare, mid-tempo Single des aktuellen Albums „Animal Heart“. Versteckt im Halblicht von Videoprojektionen gefräßiger Münder (mit Goldzahn) und gieriger, weit aufgerissener Augen, wartet Nina auf ihre Beute: „All broken hearts baby bring them to me, fit them together they‘ll set themselves free…“ Mysteriöse Blitzlichter und Lichtreflektionen von Diskokugeln lassen Nina dabei unheimlich schön aussehen. Meisterliches Video von Tomas Melinder aus dem Malmöer Kreativbüro Top Dollar. Schaut selbst!

Nina Persson – “Food For The Beast” from stereogum on Vimeo.

Ich muss gestehen, dass ich beim zweiten Schauen des Videos unweigerlich an The Cures „Lullaby“ denken musste. Ich werde Robert Smith mal fragen, ob er Angst vor Nina hat.

The Cure – Lullaby from Nikha on Vimeo.

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Ein geheinmisvoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson (Foto: www.josefinmirsch.com)

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Sei es Angst, Liebe oder der pure Drang zu überleben. Die Auferstehung nach einem Kampf. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils ihr erstes Soloalbum.

Für Ninas Stimme wurde auf „Animal Heart“ ordentlich viel Platz geschafft. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail, liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich mit einem Schmunzeln wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. Und dann denke ich beim Zuhören wieder, ach so viele können es doch nicht sein.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv, weil ich anstatt „Come be my man, baby bail with me…“ dazu tendiere „Baby, bang with me“ zu verstehen. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief ein in diesen besungenen Ozean, und mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft holen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist es ist durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na willste mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepopmusiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu A Camp gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass sie es so richtig drauf hat und keinen Peter Svensson braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie anfing zu schreiben, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: Bedford & Bowery)

„Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tischchen bis zu den Vorhängen. Doch machmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben. „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“, völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu meinen Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Nein, Nina hat keine dicke Spinne auf dem Kopf, zum Glück nur einen Origami-Kranich - Nina Persson live im Heimathafen Berlin, Animal Heart Tour (Foto: Jana Legler für Rockzoom)

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle frei lebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurück ziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Ich sehe einen bengalischen Tiger, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“

Aber sollten wir uns nicht vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns herum, und manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einen die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller, kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in den Refrain mit einem knackigen Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: „Digestif“

Es gibt dunkle Biester, die lange an uns gezerrt und genagt haben. Biester aus der Vergangenheit, die wir lange ausdiskutiert haben, die wir endlich aussperren müssen und dann irgendwo ablegen, ganz bewußt, mit Leichtigkeit. Wie das Trinkgeld auf dem Tisch eines Cafés, an dessen Namen man sich morgen nicht mehr erinnern wird, geschweige denn daran, wo es ist. „Forgot To Tell You“ lässt uns, mit seinen hellen, perligen Gitarrenklängen, Platz nehmen auf einer großen Wiese. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen die schlechten, alten Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, Don’t know what, don’t know what…” Der folgende Track, “Catch me crying”, wird nicht geskippt, aber “Forgot To Tell You” gleich nochmal angehört.

Ein schönes Ritual: Dinge, die man zurück lassen möchte, einfach mit einem Ballon ziehen lassen.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein und ich hatte die charismatische Gitarre von The Smiths „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgange schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit. Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Goldenes Licht durchflutet auch die kleinste und verborgenste Zelle unseres Körpers. „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

Elfen-Style: So sieht es aus, Nina Perssons "Animal Heart" Cover

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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The Cardigans 2006 (Magnus, Bengt, Nina, Lasse, Peter v.l.)

Die Reise beginnt

Es war schon eigenartig The Cardigans nach so vielen Jahren wieder live zu sehen. So geschehen am vergangenen Freitag im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen. Im Sommer treten dort jeden Freitag bekannte Bands vorwiegend aus dem Genre Rock auf und geben der Veranstaltung ihren Namen: Fredagsrock. Hier zwischen Zuckerwatte und Softeis soll sie nun beginnen die große Tour “Gran Turismo”, die für die Cardigans in Japan enden wird.

Unwirklich erscheint die Kulisse von Achterbahn, Karussell und orientalischem Märchenpalast aus Tausend und einer Nacht, während wir (ich war mit drei hartgesottenen Cardifans unterwegs) an der Absperrung vor der malerisch eingebetteten Bühne warten. Irgendwie unwirklich auch die Tatsache, dass Cardigans ihr Album „Gran Turismo“ von 1998 spielten.

Nach dem pfeifenden Intro startet die Band gegen 22 Uhr. Das Konzert beginnt mit dem bassintensiven „Paralyzed“. Bekannte Gesichter auf der Bühne. Magnus Svenningsson am knurrenden Bass, Bengt Lagerberg an den Drums, die Tasten drückt Lasse Johansson Ståle. Für Peter Svensson greift Moto Boy alias Oskar Humlebo in die Gitarrenseiten.

Doch alle warten in diesem Moment nur auf sie – Nina Persson. Mit langsamen Schritten schwebt sie auf die Bühne, sie lächelt nicht. Fast krankhaft dürr sieht sie aus in ihren schwarzen Röhrenjeans, dem schwarzen Cape und den Plateauschuhen. Gewollt oder nicht, sie wirkt irgendwie zu bis oben hin. Die schwarz geschminkten Augen und die hohlen Wangenknochen lassen sie verrucht aussehen. Und doch finde ich sie schön in all dieser Unwirklichkeit. „This is where your sanity gives in and love begins…“

Nina Persson

Nina Persson (Quelle: Undertoner)

Der Regen trägt Ninas Stimme

Ninas Stimme klingt gewaltig und rauchig. Sie singt diese alten Songs mit einer neuen Tiefe. Ihre Stimme ist tragfähiger, Ninas Ausdruck dramatischer. Die aufziehenden Regenwolken wirken wie eine melancholische Antwort auf ihren Gesang. Ich schaue Nina an, sehe wie sie über das Publikum hinweg schaut in eine andere Zeit. Ich höre diese alten Songs und habe die Texte nicht vergessen. Ganz automatisch singe ich Zeile für Zeile mit, lasse mich zurück katapultieren in die Neunziger. An diesem Abend stehen zwei Sandras dort vor der Bühne im Regen. Die Sandra, die damals vor fast 14 Jahren wie irre die “Gran Turismo” beim Autofahren in strahlendem Sonnenschein gehört und lauthals mitgesungen hat. Andererseits, die Sandra von heute, die nostalgisch in die Vergangenheit blickt in einem Regencape vorne im Publikum.

Beim Betrachten merkt man, dass die Band einander gut kennt, gibt es die Cardigans in diesem Jahr offiziell 20 Jahre. Doch haben sie mitunter Schwierigkeiten ein harmonisches Klangbild zu erzeugen. Es ist doch zu lange her, dass sie zusammen auf der Bühne standen. Die ersten fünf Songs der Gran Turismo „Paralyzed“, „Erase/Rewind“, „Explode“, „Starter“ und „Hanging Around“ spielt die Band solide. Lediglich Moto Boys Gitarre gibt bei „Hanging Around“ irgendwie den Geist auf und Magnus muss Peter Svenssons verrücktes Solo am Bass spielen. Nina verausgabt sich stimmlich, was der folgenden Ballade „Higher“ nicht unbedingt zugute kommt.

„Marvel Hill“ empfand ich immer als Höhepunkt der “Gran Turismo”. Auch an diesem Abend hat dieses Lied eine magische Wirkung auf mich. Ich kann nur die Augen schließen mich Bengts sattem Snare-schlag und Ninas weinerlichem Gesang hingeben „…I close my eyes, it‘s on the other side and what I‘ve worked so hard to gain, I‘d gladly give away…“

Bei der Rocknummer „My Favourite Game“ sind die Fans dann das erste mal so richtig außer Rand und Band. Ich muss ziemlich aufpassen, nicht umgeworfen zu werden, denn in meiner nostalgischen Stimmung habe ich so gar keine Lust wild umherzuspringen. „Do You Believe“ ist dann wieder ein Song der mich stark berührt, ebenso „Junk Of The Hearts“. „…when your faith is gone, and when you can‘t believe, I‘m on my hands and knees…“

Moto Boy, Nina & Magnus (Quelle: Undertoner)

Ein Lied aus dem 18. Jahrhundert

Während das Gran Turismo-Outro „Nil“ vom Band läuft, verschwinden Nina und Co. Backstage. Zeit das Album und das Outfit zu wechseln. Die erste Zugabe startet mit „For What It‘s Worth“ und Nina schmettert die schönsten Ah-ah-ah-ah-ah-ah-aaahs von sich, die es jemals gab. Die Kommunikation mit dem Publikum ist herzlich, soviel kann ich, trotz meines grottigen Schwedisch, mitbekommen. Nachdem Songs aus dem 20. und 19. Jahrhundert gespielt wurden, meint Nina sei es Zeit auch etwas aus dem 18.Jahrhundert zu spielen. „Lovefool“ wird angestimmt, kommt aber wider Erwarten nicht allzu gut an. Scheint als hätten sich auch die Fans von der alten, zuckersüßen Nina verabschiedet.

Die „You‘re The Storm“ B-Seite „Hold me“ kannte ich noch nicht und gefällt mir absolut. Das mitreißende „Live and Learn“ bringt mich zum Schmunzeln. Es zeigt mir doch mal wieder, dass man nur glaubt aus Fehlern zu lernen und letztendlich doch immer wieder die gleichen Fehler macht. Die einzige (Rock)Nummer der Super Extra Gravity „I need some fine wine and you, you need to be nicer“ ist ein gelungener Abschluss der ersten Zugabe. Doch so angefixt können die Cardigans die Cardifans nicht im Regen stehen lassen. „Wir spielen mehr Musik!“ ruft Nina als sie nach kurzen Verschwinden wieder auf die Bühne tritt.

„Oh mirror, mirror upon the wall, who is the fairest of them all, mirror, mirror made no reply, mirror went black and cracked from side to side…“ Die nächste beeindruckende, mir noch unbekannte Rocknummer beschall das Tivoli – „Give Me Your Eyes“. Es scheint als befänden sich auf den B-Seiten der Cardigans-Singles Perlen zauberhaften Schimmers. Wie auch Ninas Augen bei diesem Song voller Ernergie schimmern und blitzen, fast wie dämonisch besessen.

Enden wollen die Cardigans das Konzert dann doch mit einer Ballade von der Long Gone Before Daylight: „ Communication“. Diese haut gerade bei diesem wundervollen Song auf der Bühne nicht hin. Der Sound ist matschig, die Harmonien stimmen nicht und die arme Nina hat keine Ahnung, wo verdammt noch mal sie drauf singen soll.

Am Ende des Konzertes nimmt Magnus Nina in den Arm und flüstert ihr etwas zu. Was auch immer es ist, es beflügelt die Fantasie. Werden sie ein neues Album zusammen machen? Wird Peter dann wieder in die Band kommen? Gibt es ein ferne Zukunft für die Cardigans? Ich wünsche es mir. Denn ich würde auch in 10 Jahren wieder auf die Reise gehen, um vor dieser Band im Publikum stehen – ganz vorne.

Schauen: “Hold me”

Lauschen:

The Cardigans – Hold Me

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The Cardigans – Give Me Your Eyes

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The Cardigans - Coverausschnitt des Erfolgsalbums "Gran Turismo" von 1998

Es ist vielleicht die größte Überraschung dieses Jahres – The Cardigans spielen Ihr Erfolgsalbum “Gran Turismo” von 1998 exklusiv auf dem Hultsfredsfestival in Schweden. Gunnar Lagerman, Kreativchef des Festivals, ist absolut begeistert The Cardigans für das Event vom 14. bis 16. Juni gewonnen zu haben. Nicht weniger ambitioniert äußert sich die Band selbst zu dieser wirklich einmaligen Gelegenheit, die Vergangenheit für einen Moment zurück in die Gegenwart zu holen. Sie konnten gar nicht anders und mussten das Angebot des Festivalbetreibers einfach annehmen.

Seit 2006 haben The Cardigans nicht mehr in ihrem Heimatland gespielt und die Bandmitglieder Nina Persson, Magnus Sveningsson und Bengt Lagerberg und Lasse Johansson haben sich in den letzten Jahren in verschiedenen, eigenen Musikprojekten wie A Camp, Brothers Of End und DunDun, ausgetobt und selbstverwirklicht.

Eine der fünf Strickjacken wird jedoch bei diesem einzigen Gig in Schweden nicht dabei sein – Gitarrist Peter Svensson. Glamrocker und Mädchenschwarm Moto Boy Aka. Oskar Humlebo wird für Svensson in die Seiten greifen und mit seiner Falsetto-Stimme Nina sicher auch mit Backing Vocals supporten.

Moto Boy greift für The Cardigans in die Seiten

Weitere relevante Tourneedaten der Cardigans sind:

8. Juni 2012 – Kopenhagen, Tivoli

7. Juli 2012 – Turku, Ruisrock Festival (Finnland)

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Nils ist da

11 Okt 2010

Es ist soweit: Die beiden Camper Nina Persson und Nathan Larson sind stolze Eltern.
Laut Auskünften des “Jönköpings-Posten” und “Expressen” – beides Zeitungen in Ninas schwedischer Heimat  – erblickte der kleine Nils am Donnerstag in New York das Licht der Welt. Alles Gute und die besten Wünsche!

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.