Der King of Cool wird heute 70 und ist sexy wie nie zuvor - Bryan Ferry / Tempodrom Berlin 25.09.2015 (Foto: Sandra Duvander)

Der King of Cool wird heute 70

Gestern Abend hatten wir uns spontan entschieden, zu Bryan Ferry zu gehen. Natürlich war das Konzert des “Sexiest Singer alive” ausverkauft und wir versuchten alles, um vor dem Tempodrom in Berlin noch zwei Karten zu ergattern. Wir schafften es tatsächlich zwei betrunkenen, älteren Herren, die sich liebevoll Waldschrat und Alter nannten, die Karten abzuwerben und fanden uns, kurz bevor die Show des Briten startete, in der ersten Reihe im Parkett wieder. Genial.

Ich muss gestehen ich war oder bin kein eingefleischter Roxy Music bzw. Bryan Ferry Fan, doch das aktuelle Album „Avonmore“ hat es mir angetan und ich liebe und kenne natürlich Klassiker wie “Let’s Stick Together” oder “Virginia Plain” (wer nicht). Mit dem Titelsong des aktuellen Albums startet auch das Konzert und mein Herz hüpft synchron mit den Bässen, als der “King Of Cool” die Bühne betritt. Hach, ich mag ihn wohl doch mehr als ich denke, oder ist es nur der überwältigende Moment eine, nun heute 70-jährige, Ikone der Pop-Geschichte so hautnah zu erleben? Gänsehaut und ein Tränlein im Auge.

XXL Bandaufgebot - von Backgroundsängern bis zum Saxophon (Foto: Sandra Duvander / Iphone 6)

L.A. Sound und die XXL-Band

Reiche Arrangements, coole Gitarren- und Basssounds, ein relaxtes Schlagzeug und heißes Flimmern von Effekten sorgen für einen sexy-coolen L.A. Sound. Ob von den groovigen Backgroundsängern bis zur Violinistin Lucy Wilkens: Jeder, der XXL-Band, beherrscht sein Handwerk allzu präzise und es ist ein Augen- und Ohrenschmaus, diese Musiker zu genießen. Jeder Einzelne hat seine Soli, sei es Jimmy Sims am Bass, Jacob Quistgaard an der Gitarre oder die geniale Soulsängerin Bobbie Gordon, die mit ihrem Gesangspart im Klassiker „Avalon“ brilliert. Doch eine stiehlt Bryan Ferry fast die Show: Die Australierin Jorja Chalmers mit ihrem Babybauch am Saxophon.

Grandiose Backgroundsänger v.l. Fonzi Thornton, Bobbie Gordon, Rihanna Kenny (Foto: Sandra Duvander)

Sie stahl Bryan Ferry fast die Show - Publikumsliebling Jorja Chalmers am Saxophon (Foto: Sandra Duvander)

Der ewige Dandy

Stimmlich scheint Bryan Ferry nicht ganz auf der Höhe. Mag jedoch sein, dass seine Stimme mit ihm gealtert ist – nun nicht mehr cool und klar klingt, wie zu Glanzzeiten der Glamrock-Band Roxy Music – sondern rau und weise, doch noch immer mit diesem sexy Timbre, das flirrt wie Luft auf heißem Asphalt. Kurz vor dem Konzert sprach ich mit einem Fan. Sie meinte: „Ja so gut wie früher ist er nicht mehr. Er hat ganz schön nachgelassen.“ Ich dachte: Hey okay, vielleicht haben aber auch die Fans nachgelassen, die mit Ferry älter und alt werden. Nichts desto trotz: Sich smart bewegen und rocken kann der ewige Dandy noch immer.

Gegen Ende des Konzertes winkt Ferry auch die Fans aus den hinteren Reihen an die Bühne heran. Das Eis ist gebrochen. Endlich können sich die Fünfzig Plus Fans so richtig gehen lassen, ihren Helden feiern und zu den Hits von Roxy Music mit den Hüften wackeln. Die Songs “Love Is The Drug” und “Do The Strand” bringen das Publikum aus der Fassung. Auch ich finde mich dort vorne wieder, mache mit Hundert anderen Fotos mit dem Handy und frage mich, wie Ferry sich wohl dabei fühlt. Der, der noch ganz andere Zeiten kennt – nun begafft, geknipst und irgendwo hochgeladen, wie der Letzte einer fast ausgerotteten Art.

Er begeisterte mit seinen Gitarrensoli: Der Däne Jacob Quistgaard (Foto: Sandra Duvander)

Jealous Guy – der Abschied

Der letzte große Song des Abends: „Jealous Guy“ von John Lennons zweitem Studioalbum „Imagine“. Roxy Music spielte den Song erstmals als sie vom Tod John Lennons erfuhren auf einem Konzert 1980. Ein Jahr später interpretierten sie den Song neu und feierten in mehreren Ländern einen Nummer Eins Hit. Ein verzweifelt liebender Bryan Ferry taucht ein letztes Mal den Saal in Wehmut und Nostalgie. Er singt: “I was dreaming of the past, and my heart was beating fast…”. Sicher träumen an diesem Abend viele von der Jugend und Vergangenheit. Eine tiefe Dankbarkeit ist zu spüren, überträgt sich auf die Gesichter der Fans, die glücklich den Saal verlassen.

Bryan Ferry performing, rechts Bassist Jimmy Sims (Foto: Sandra Duvander)

Die Band v.l. Drums: Luke Bullen, Bass: Jimmy Sims, Sax/Keys: Jorja Chalmers, Violine: Lucy Wilkins, Gitarre: Jacob Quistgaard (Foto: Sandra Duvander)

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Eher Hippiebraut als Postpunk-Ikone? - Kajsa Grytt

50 Jahre alt wurde kürzlich die Stockholmer Post-Punk-Ikone Kajsa Grytt und strahlt dabei über ihr ganz neues Album “En Kvinna Under Påverkan” (Eine Frau unter Einfluss) – ob die Gute wie ein alter Hippie was genommen hat – sogar all die Jahre? Oder ob sie die neue musikalische Welle meint, die vor über 30 Jahren von der Insel rüber schwappte? Dabei war es Kajsa Grytt, die stets Einfluss in der skandinavischen Musikszene hatte, ist sie die schwedische Antwort auf Postpunkerin Debbie Harry. Von 1979 bis 1985 war Grytt Sängerin und Gitarristin der New Wave Band Tant Strul – eine reine Girlsband in der auch Kärsti Stiege, die Mutter von Lykke Li mit dabei war. Danach war Grytt im Duo Kajsa Och Malena und vielen anderen Projekten aktiv am Songwriting beeteiligt.

Seit 2003 werkelt Kajsa Grytt an ihrer Solokarriere und klingt dabei noch immer wie ein kleiner Frosch, dessen Stimme sich in drahtigen Gitarrenklängen überschlägt. Produziert wurde die Indie-Rock Platte “En Kvinna Under Påverkan”, wie schon die vorletzte, von Jari Haapalainen. Mit dem Gründer und Leadgitarristen von The Bear Quartett war Kajsa Grytt in den letzten Jahren desöfteren auf der Bühne zu sehen und die zwei schaffen anhörliche Produkte.

Grytts Autobiografie über die wilden Achtziger in Schweden

Nach so vielen Jahren Musikkarriere mit oder unter Einwirkung, dachte sich Kajsa Grytt es würde Zeit für eine Autobiografie. “Boken Om Mig Själv” – Das Buch über mich selbst. Dieses Werk wird sicher nicht nur zunächst in schwedischer Sprache erscheinen. Wer die Sprachbarriere überwinden kann und Interesse hat zu erfahren, wie Post-Punk nach Skandinvien überschwappte wird also sicher rausfinden von welchen Einflüssen hier die Rede ist und gäbe mir Bescheid!

Die aktuelle Single “Du Ska Ramla Och Trilla” (Du sollst stürzen und hinfallen) gibt es von Kajsa Grytt als Free Download:
mp3:Kajsa Grytt – Du Ska Ramla och trilla

“En Kvinna Under Påverkan” erschien am 11.April 2011 auf Playground Music.

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.