Das Cover "Då som nu för alltid" 2016 (v.L. ....)

Ich habe diesen Tag stets gefürchtet. Den Tag, an dem ich beginnen muss, Abschied zu nehmen. Den Tag, an dem das Ende einer Ära eingeläutet wird. An dem sich der müde, weiße Tiger ins Dunkle zurückzieht – sich schlafen legt – für immer.

Nach 26 Jahren verlassen Kent die große Arena des schwedischen Popbusiness. Bereits im Trailer zum neuen Album und zu Kents Abschiedstournee trommelt das totenkopfgeschminkte Mädchen alle zum großen Begräbnis zusammen. Zur letzten andächtigen Feier. Auf dem Weg zur letzten Ruhestätte, vergegenwärtigt sich ein ganzes musikalisches Leben. Finden Kent im Marsch zurück zu ihren Anfängen, zu einer lange verschollenen Sensibilität und Kreativität. Schinden das letzte mal Eindruck – einen bleibenden – „Då som nu för alltid“ (Damals wie heute für immer).

Seit der Veröffentlichung am 20. Mai, habe ich dieses Album bereits sehr oft gehört. Es hat mich paralysiert, meine Tränen fließen lassen, mein Herz brennen lassen und meine Füße beim Tanzen im Wohnzimmer. Ich gab ihm Zeit, sodass es wachsen konnte. Lasse auch Milde walten, ist es doch der letzte Gruß. Für mich hat das Schreiben über Kents letztes Werk eine große Wichtigkeit. „It’s the story of my life…“ Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, die Rezension des Albums nicht in einem einzigen, großen Text zu veröffentlichen, sondern Lied für Lied in chronologischer Reihenfolge. Für mich und alle anderen Kent-Fans endet mit den letzten Konzerten im Dezember ein wichtiger Lebensabschnitt und ein neuer beginnt. Doch erst werden wir es geniessen – unser letztes Album – unser letztes Jahr mit Kent.

Ein sanftes, doch forderndes Trommeln, ruft die Kent-Jünger zusammen, entfacht einen Marsch gleich einer Symfonie aus Gitarren, Bläsern und Chören. Doch hält dieser opulente Sound was er verspricht?

Fortsetzung folgt…

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Cover der neuen Single "La Belle Epoque" von Kent, die heute in Schweden veröffentlicht wird

Läuten Kent da etwa ein neues Zeitalter ein? - “La Belle Epoque” Oder wollen sie mit diesem bissigen Text ihrer neuen Single nur unsere egoistische Gesellschaft wachrütteln? Unsere kleine, heile Welt ein bisschen kaputt hauen, wie der kleine Junge die Sandburg im Sandkasten, die er seinem Spielkameraden nicht gönnt. Es ist erst ein paar Tage her, da habe ich mir gewünscht, dass Musiker weniger über Herzeleid und Liebesschmerz trällern würden, sich ein Stück von sich selbst entfernen, und ihr Augenmerk mehr nach Außen richten, auf unsere angeschlagene Welt, und das was in ihr geschieht.

Joakim Bergs Texte werden kränker und kränker, wie unsere Gesellschaft. Schon in der ersten Textzeile spielt Berg auf Nationalsozialismus an, der auch in Schweden Anhänger zu verzeichnen hat. “Jag är handen som håller flaggan” (Ich bin die Hand, die die Flagge hält) Auf Terrorismus, der überall lauert, sei er von Medien gemacht, Ideologien oder von Staatsapparaten, nichts mehr als ein Machtinstrument: “Jag är bomben på terminalerna i väskan som lämnats kvar” (Ich bin die Bombe in der Tasche, die im Terminal abgestellt wurde) Böse. Jaa, alles ist ganz nah und auch in dir?! So ein bisschen vielleicht?!

Ich hab da mal ins Textbuch von meinem Kumpel Jocke geschaut: Lyrics "La Belle Epoque"

Okay, Jocke Berg unterscheidet sich sich mit seinem Text nicht unbedingt von der Tagesschau oder Explosiv, oder anderem “Alles ist so schlecht TV”. Aber: Er prangert sich selbst an, uns alle, er zieht uns alle rein und packt uns beim Schlawittchen. In irgendeiner Textzeile aus Identifikationen vom Grausamsten finden wir uns wieder, und seien wir auch nur der misstrauische Nachbar oder mobben Kollegen am Arbeitsplatz. Wir verabscheuen diese Welt, in der wir leben. Hassen die Menschen, die in ihr leben. “Ich habe nichts gegen Menschen als solche, meine besten Freunde sind welche.” (Lieblingsblumfeldtextzeile, musste sein)

Dennoch klingt der Song optimistisch. Da ist eine Chance, wenn wir uns auf unser Menschsein besinnen. Alle zusammen. Der Chorus auf Jockes Gesang und die vielen über- und unterlegten zweiten Stimmen unterstützen das ganz eindeutig. Der Refrain klappt nach typischer Kent-Manier herrlich auf und strahlt. Ein Hoffnungsschimmer. Es gibt noch immer Schönes. Sonne, Frühling, Menschen, die wir lieben. Alle für alle. Doch sind wir letztendlich doch uns selbst am nächsten und verschwinden in der grauen Welt? Alle für Alle, Einer für Einen? “Alla för alla, en för en”

Bin gespannt was das Album uns bringen mag. Dieser Song ist zumindest einer der besseren, wenn ich die beiden letzten Alben “En plats i solen” und “Jäg är inte rädd för mörkret” in die meine Einschätzung einbeziehe. Kent haben mich enttäuscht in den letzten Jahren, haben Ihre Seele nach und nach verkauft. “Jag är staten & kapitalet” (Ich bin der Staat und das Kapital), singt Jocke in “La Belle Epoque”. Vielleicht hat er dies erkannt und holt sein Herz beim Holländermichel wieder ab – Mit irgendeinem Trick.

Hören und Text mitlesen:

Kents elftes Studioalbum erscheint am 30.April im Land der Schweden.

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Thomas Öberg sieht in Dein Welpenherz (Foto: Frida Nilson)

Gastbeitag von Laika

Eine Ode an den Tod? Bob Hund lassen uns Ihre zweite, neue Single aus keinem angekündigten Album da und seit nun gut vier Wochen wabert sie in meinem Hirn umher. Ich fahre auf meiner Vespa umher und singe leise dieses seltsame Ding, “Åh Döds” (hier auf Spotify zu finden) heißt dieses (ich setze es in Anführungszeichen) “Lied”. Und ich empfinde es als als Klagelied und als Befreiung. Und das hier ist keine Rezension. Es ist ein “Ja, ich weiß was Du meinst und danke, dass Du mir hilfst, das fühlen zu dürfen”. Und ein Tipp, sich diesem Lied einmal anzunehmen und es in sein Leben zu lassen. Mein Schwedisch ist ganz gut. Nie verstehe ich so alles von dem, was Thomas Öberg mir zusingt. Sein Klagen aber, das verstehe ich.

Ich war so froh, als ich Anfang Juli auf Bob Hunds Facebook-Seite las, dass eine neue Single zum Download verfügbar sei. Ich saß nachts allein in einem Hotelzimmer in New York und lud es mir direkt auf mein Smartphone runter, setzte meine Kopfhörer auf und legte mich aufs Bett. Das Fenster war geöffnet, es war schwül-heiß, draußen hupten andauernd Autos und Sirenen heulten. Ich war kaputt und müde, und ich hatte Heimweh. Dann drückte ich auf Play. Was da aus meinen Kopfhörern kam, das war etwas Besonderes. Etwas noch Besondereres, als ich es da in einer Julinacht von Bob Hund erwartet hatte.

“Oh Tod, höre meine Bitte, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen – wenigstens noch ein Jahr”. Peng – das saß. Der erste Satz hatte mich mitten ins Mark getroffen. “Du reißt das Bild aus dem Rahmen, Atem ausgepustet, Körper lahm, Hölle, blau und kalt. Nun bist Du der einzige, der den Schlüssel hat.” Thomas Öberg spricht ganz ruhig, behutsam, flüstert fast. Ein Chor singt “Oh Tod, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen?”, kaum Instrumente, nur Stimmen und ich mitten drin mit meinen Gedanken. Dann setzen das Schlagzeug und der Bass ein und du wirst reingezogen in die Welt, in die Trauer, Angst, Umsicht, Vertrautheit. Ja, Tod, bitte, was kann ich tun? Du bist überall. Du hast einfach so Menschen geholt, die ich liebe. Und hat es dich interessiert? Du hast den Schlüssel, aber, komm, ein Jahr noch! Was kostet es Dich? Das denke ich, während ich das höre und ich fange an zu weinen. Ich weine nicht oft und gewiss nicht viel. Und wenn es um den Verlust von geliebten Menschen geht, versuche ich es oft zu verdrängen. Aber Thomas, ich höre Dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und dieses in ein wunderschönes “Poplied” zu packen und das Thema Tod so klar und ohne Umschweife zu besingen, das ist mutig. Und neu für mein kleines Welpen-Indiepopperherz.

“Jung, alt, arm, reich alle müssen Deinem Rhythmus folgen. ob du es wagst die zu verschonen, die wir lieben? wenigstens noch ein Jahr?” Der Chor und Thomas und alle flehen und aus einem Flüstern wird ein Beben und die Instrumente werden lauter und vehementer und flehender und man will sich auf die Knie schmeißen und mitrufen. Ja Bitte, Tod, hör unser Flehen, verdammt nochmal höre unser verdammtes Flehen! Thomas schreit. Der Chor ruft. Dann ein tiefes Dröhnen, eine tiefe Stimme, die sich über das Flehen legt und ein Brechen der erschöpften Stimmen… bis alles in einem Zischen und einem Unbehagen endet, mit dämonisch klingenden Stimmen, die unverständliche Worte brabbeln und das Ende verheißen. Denn “Nun bist es nur noch Du, der den Schlüssel hat”.  und wenn alles Flehen nichts bringt, dann aber bitte “wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr”.

Dieses Werk endet nach 7 Minuten und 47 Sekunden. Ich liege da in meinem Hotelzimmer und fasse nicht, was ich erlebt habe. Ich habe geweint und mich über so Geniales gefreut. Es hat sich eine kleine Tür geöffnet, durch die ich luke, in mein Herz, das nach so vielen Jahren noch immer trauert und in alle trauernden Herzen da draußen. Und ich denke über Bob Hund nach, die mich seit 15 Jahren jetzt schon begleiten und gerade ihren Proberaum in Südschweden aufgelöst und alle Instrumente verkauft haben. Ich denke, ganz heimlich, “Tod, bitte verschone Bob Hund, wenigstens noch ein Jahr, sie dürfen mich nie verlassen. Nie.”

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Ahoi! Mit Soda Fountain Rag geht es durch den Hamburger Hafen

Samstag Abend stechen die Jungs von Hit The North wieder in See. Nun zumindest fährt die MS Hedi die Elbe hoch und wieder runter und es darf geschunkelt werden. Ihr könnt euch auf eine feine Bootstour mit tollen Leuten und schönen Indiesongs freuen, zu denen ihr schon immer mal tanzen wolltet. Streifenpullies und die Marinekleidchen können für das passende Outfit also schon vorbereitet werden. Live an Bord ist die norwegische Lo-Fi-Indiepop-Band Soda Fountain Rag. Die kurzen, knackigen Songs werden von Ragnhild am Stehschlagzeug gesungen. Skandinavisch aufgelegt wird danach von den Hamburger Indie- und Tweepop-DJs. Abgelegt wird um 17.30 Uhr an den Landungsbrücken 10. Ahoi!

Einen ausführlichen Bericht über die Bootsfahrt gibt es am Sonntag.

Lauschen: Soda Fountain Rag – I Watch The Boats

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.