Thomas Öberg sieht in Dein Welpenherz (Foto: Frida Nilson)

Gastbeitag von Laika

Eine Ode an den Tod? Bob Hund lassen uns Ihre zweite, neue Single aus keinem angekündigten Album da und seit nun gut vier Wochen wabert sie in meinem Hirn umher. Ich fahre auf meiner Vespa umher und singe leise dieses seltsame Ding, “Åh Döds” (hier auf Spotify zu finden) heißt dieses (ich setze es in Anführungszeichen) “Lied”. Und ich empfinde es als als Klagelied und als Befreiung. Und das hier ist keine Rezension. Es ist ein “Ja, ich weiß was Du meinst und danke, dass Du mir hilfst, das fühlen zu dürfen”. Und ein Tipp, sich diesem Lied einmal anzunehmen und es in sein Leben zu lassen. Mein Schwedisch ist ganz gut. Nie verstehe ich so alles von dem, was Thomas Öberg mir zusingt. Sein Klagen aber, das verstehe ich.

Ich war so froh, als ich Anfang Juli auf Bob Hunds Facebook-Seite las, dass eine neue Single zum Download verfügbar sei. Ich saß nachts allein in einem Hotelzimmer in New York und lud es mir direkt auf mein Smartphone runter, setzte meine Kopfhörer auf und legte mich aufs Bett. Das Fenster war geöffnet, es war schwül-heiß, draußen hupten andauernd Autos und Sirenen heulten. Ich war kaputt und müde, und ich hatte Heimweh. Dann drückte ich auf Play. Was da aus meinen Kopfhörern kam, das war etwas Besonderes. Etwas noch Besondereres, als ich es da in einer Julinacht von Bob Hund erwartet hatte.

“Oh Tod, höre meine Bitte, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen – wenigstens noch ein Jahr”. Peng – das saß. Der erste Satz hatte mich mitten ins Mark getroffen. “Du reißt das Bild aus dem Rahmen, Atem ausgepustet, Körper lahm, Hölle, blau und kalt. Nun bist Du der einzige, der den Schlüssel hat.” Thomas Öberg spricht ganz ruhig, behutsam, flüstert fast. Ein Chor singt “Oh Tod, kannst Du bitte die verschonen, die uns am Herzen liegen?”, kaum Instrumente, nur Stimmen und ich mitten drin mit meinen Gedanken. Dann setzen das Schlagzeug und der Bass ein und du wirst reingezogen in die Welt, in die Trauer, Angst, Umsicht, Vertrautheit. Ja, Tod, bitte, was kann ich tun? Du bist überall. Du hast einfach so Menschen geholt, die ich liebe. Und hat es dich interessiert? Du hast den Schlüssel, aber, komm, ein Jahr noch! Was kostet es Dich? Das denke ich, während ich das höre und ich fange an zu weinen. Ich weine nicht oft und gewiss nicht viel. Und wenn es um den Verlust von geliebten Menschen geht, versuche ich es oft zu verdrängen. Aber Thomas, ich höre Dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und dieses in ein wunderschönes “Poplied” zu packen und das Thema Tod so klar und ohne Umschweife zu besingen, das ist mutig. Und neu für mein kleines Welpen-Indiepopperherz.

“Jung, alt, arm, reich alle müssen Deinem Rhythmus folgen. ob du es wagst die zu verschonen, die wir lieben? wenigstens noch ein Jahr?” Der Chor und Thomas und alle flehen und aus einem Flüstern wird ein Beben und die Instrumente werden lauter und vehementer und flehender und man will sich auf die Knie schmeißen und mitrufen. Ja Bitte, Tod, hör unser Flehen, verdammt nochmal höre unser verdammtes Flehen! Thomas schreit. Der Chor ruft. Dann ein tiefes Dröhnen, eine tiefe Stimme, die sich über das Flehen legt und ein Brechen der erschöpften Stimmen… bis alles in einem Zischen und einem Unbehagen endet, mit dämonisch klingenden Stimmen, die unverständliche Worte brabbeln und das Ende verheißen. Denn “Nun bist es nur noch Du, der den Schlüssel hat”.  und wenn alles Flehen nichts bringt, dann aber bitte “wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr, wenigstens noch ein Jahr”.

Dieses Werk endet nach 7 Minuten und 47 Sekunden. Ich liege da in meinem Hotelzimmer und fasse nicht, was ich erlebt habe. Ich habe geweint und mich über so Geniales gefreut. Es hat sich eine kleine Tür geöffnet, durch die ich luke, in mein Herz, das nach so vielen Jahren noch immer trauert und in alle trauernden Herzen da draußen. Und ich denke über Bob Hund nach, die mich seit 15 Jahren jetzt schon begleiten und gerade ihren Proberaum in Südschweden aufgelöst und alle Instrumente verkauft haben. Ich denke, ganz heimlich, “Tod, bitte verschone Bob Hund, wenigstens noch ein Jahr, sie dürfen mich nie verlassen. Nie.”

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Der 39-jährige Håkan Hellström, live am 8. Juni in Göteborg (Foto: hakanfans/Instagram)

Das vergangene Wochenende in Göteborg glich eher einer Pilgerreise als einem Städtetrip. Sommerliche Temperaturen, strahlender Sonnenschein und das Event des Jahres liessen die Herzen der Göteborger und die, der uns Angereisten höher schlagen. Ich spreche nicht von Prinzessin Madeleines royaler Traumhochzeit, denn die Göteborger lieben ihren ganz eigenen Prinzen: Håkan Hellström.

Große Acts wie Bruce Springsteen oder Depeche Mode mögen die ausverkauften Göteborger Konzerthallen füllen, aber es ist unmöglich den Helden der Stadt zu toppen. Wohl auch im strömenden Regen hätten sich die 27.000 hingebungsvollen Fans am Samstag in der alten Arena im Slottsskogen versammelt. Ob junge Mädchen in Matrosenkostümen, die Håkan in den ersten Reihen mit verheulten Augen und verschmierter Wimperntusche anschmachten und sämtliche Texte ekstatisch, wie im Gebet mitsingen, oder ältere Damen, die mit ihren Ehemännern Hand in Hand auf den Rängen der Arena Platz nehmen und sich vertraut und glücklich anstrahlen: Der Håkan Hellström-Fan kennt kein Alter, kein Geschlecht und auch keine Landesgrenzen.

Junge Männer und Frauen stimmen sich schon in den knackig vollen Trams auf dem Weg in den Slottsskogen mit lauten Fangesängen ein (und ordentlich Alkohol, der in Schweden niemals fehlen darf) und geben dabei die ein oder andere Hellström-Hymne zum Besten. Fast wie junge, euphorische Pfadfinder auf dem Weg zum ersten großen Abenteuer. Beginnen sollte das Konzert um 20.00 Uhr. Dicht gedrängt stehen wir ungefähr 30 Meter von der Bühne entfernt und warten ungeduldig auf Håkan. Doch der Prinz nimmt sich Zeit. Nach 45 Minuten Wartezeit auf engstem Raum muss ich doch raus aus der Masse und wir ziehen uns zurück auf die Ränge. Wenig später entpuppt sich dies als weise Entscheidung.

Als Håkan ganz in schwarz gekleidet und mit Zylinderhut die Bühne betritt, flippen die Leute nahezu aus. Schon bei den ersten Takten des Openers „Det kommer aldrig va över för mig“ (Für mich wird es niemals vorbei sein) gehen die Fans, ausnahmslos, total ab. Sie hüpfen und klatschen im Takt mit und einige Jungs tanzen so aggressiv, dass man besser Abstand hält, um keinen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen oder gar einen Fuß. Hellström strotzt vor Kraft erobert sein Publikum im Sturm „…som en orkan kan jag svepa bort dig, jag tänker aldrig dö nej, det kommer aldrig va över för mig…“ (Wie ein Orkan kann ich dich wegfegen, ich denke, niemals sterben, nein, für mich wird es niemals vorbei sein).

Göteborg diente auch auf der Bühne als Kulisse. Im Hintergrund Sohn der Stadt Evert Taube auf der Parkbank (Foto: parabolfantast/Instagram)

Heimspiel für den Jungen aus der Stadt

Doch was macht diesen Göteborger Typen, der früher so gerne Matrosenanzüge trug und so ein herrlich verschmitztes Lächeln hat, so besonders und unwiderstehlich? Ganz einfach: Er ist ein Junge aus der Stadt, wie die Menschen, die vor ihm stehen. Man teilt die Straßen, die Sonne, und die Sehnsucht nach dem kurzen Sommer. Man kennt sich, die Gesichter der Häuser und die Geschichten der Menschen, die dahinter leben. Hellström hat die große Gabe sich in die Herzen seines Publikums zu singen und fühlt sich sichtlich wohl dabei. Ein jeder Göteborger kann sein Leben in seinen Texten wieder finden und sich mit Hellström verbrüdern. So viele sind mit seiner Musik groß geworden, verbinden ein halbes Leben damit. Nun können sie gemeinsam aus voller Brust aufsingen. Welch ein Gefühl von Freiheit in Verbundenheit.

Hellström weiß darum und begrüßt sein Publikum herzlich und aufrichtig mit „Kära vänner“ (Liebe Freunde) und „Gott folk“ (Liebe Leute). Er erzählt, dass er eine Woche lang gebangt und gebetet habe, dass das Wetter an diesem Abend mitspielt und die Sonne scheint. Man merkt, dass der Abend auch für ihn etwas Besonderes ist und dort nicht nur einfach das neue Album mit ein, zwei Zugaben runter gedudelt wird, (so wie es andere große schwedische Bands mitunter tun). Hellström schätzt jeden Blumenkranz, den die Mädchen ihm zuwerfen und jedes kleine Geschenk, das auf die Bühne fliegt.

Ein Rendezvous mit Evert Taube

Gleichermaßen schätzt er seine Band. Allesamt klasse Musiker – nicht nur auf den gängigen Instrumenten. Wir hören in „Klubbland“ eine grandiose Ska Trompete in „2 steg från paradise“ (zwei Schritte vom Paradis entfernt) eine zwitschernde Blockflöte. Herrlich rhythmische Congas geben den Songs einen Hauch Extra-Groove. (Der Trommler wird sich später noch als wahrer Künstler erweisen und Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ auf seinen Zähnen spielen). Auch Evert Taube, wahrlich ein Göteborger Komponist aus dem letzten Jahrhundert, ist auf der Bühne mit dabei – wenn auch nur als Pappmaché-Figur auf einer Parkbank. Håkan braucht eine Weile ihm zu erklären, dass neue Zeiten angebrochen sind.

Als echte Rock‘n Roller entpuppen sich die Musiker bei „Jag vet inte vem jag är men jag vet att jag är din“ (Ich weiß nicht wer ich bin, aber ich weiß, dass ich dir gehöre). Songs des neuen Albums wie „Du kan gå din egen väg“ (Du kannst deinen eigenen Weg gehen) und „När lyktorna tänds“ (Wenn die Laternen angezündet werden) zünden dabei genauso gut wie die Klassiker „Shelley“ und „Klubbland“.

Håkan Hellström und Thomas Öberg performen Sci Fi Skåne (Foto: hakanfans/Instagram)

Håkan kriegt uns alle rum

Håkans Stimme ist außerordentlich facettenreich, stark, soulig, aber auch sinnlich und zerbrechlich. Er kriegt und hat uns an diesem Abend alle, doch bewußt wird uns das erst bei dem Song „Nu kan du få mig so lätt“ (nun kannst du mich so leicht kriegen). Meine erste Glücksträne habe ich in diesem Moment verdrückt. Hach, dieses Gefühl. Das Herz so offen und aufgeweicht. Der folgende Song „Du måste dö några gånger innan man kan leva“ (Du musst ein paar mal sterben, um zu leben) sticht da nochmal richtig rein.

Eigentlich hätte Håkan Hellström keinerlei Unterstützung gebraucht die Temperaturen noch mehr zu erhöhen, springt da nicht der maskierte Thomas Öberg von Bob Hund auf die Bühne. Wir können kaum fassen was wir dort sehen, brauchen einen Moment um zu kapieren, dass dort tatsächlich Hellström und Öberg gemeinsam „Jag har aldrig bott vid en landsväg“ singen. Bei dem Songs von Sci-Fi Skåne handelt es sich wiederum um eine schwedische Coverversion des Songs „Going up the Country“ von Canned Heat. Nun, wessen Idee dieser Auftritt auch immer war, sie ist grandios.

So richtig Fahrtwind auf, nimmt die Show mit den soulig, rockigen Nummern ”Gårdakvarnar och skit” (irgendwas und Scheiße), ”Dom där jag kommer från” (von wo ich komme) und „Kom igen Lena!“ (Komm wieder Lena!). „Ramlar“ (Stürzen) – eine gute Portion verrückter Rock und gerade das elektronische „Pistol“ (Pistole) bilden vorerst den Abschluss den Konzertes. Nach dem sich der rote Vorhang schließt und das eigentliche Konzert beendet, ist es an der Zeit sentimental zu werden.

Auch mich hat Håkan an diesem Abend rumgekriegt. (Foto: laika_alfonsdottir/Instagram)

Dem Morgengrauen entgegen

Für die Zugabe wird die neue Ballade „Valborg“ (Walpurgisnacht) ausgepackt, die wie ein uraltes, schwedisches Volkslied klingt. Ganz zurecht kann man sich dabei vorstellen, an einem Lagerfeuer zu sitzen und sich hals über Kopf und leichtsinnig zu verlieben. Alle singen im Chor mit Håkan „…Ja, jag är din om du vill ha en idiot, lägg din hand i min, lägg din hand i min…“ (Ich bin dein, wenn du einen Idioten willst, leg deine Hand in meine).

Dann werden endlich die beiden großen Hits gespielt: „Känn ingen sorg för mig Göteborg“ (Sorge dich nicht um mich Göteborg), das Lied der Göteborger schlechthin, und „En Mittsommernattsdröm“ (Ein Mittsommernachtstraum). Welch eine Stimmung! Die Leute liegen sich zuhauf in den Armen, man ist tief gerührt und schon fast traurig, dass dieses Volksfest alsbald zu Ende gehen wird. „Du är snart där“ (Bald bist du da) ist der letzte Song an diesem Abend. In Göteborg geht die Sonne unter und der Abend wird mit einem gigantischen Feuerwerk gekrönt. Auf den großen Monitoren neben der Bühne laufen Bilder aus dem Stummfilm „Moderne Zeiten“. Charlie Chaplin und Paulette Goddard laufen Hand in Hand auf einer langen, einsamen Strasse dem Morgengrauen entgegen. The End.

Nun fahre ich wieder durch die Strassen Berlins, meine Kopfhörer auf den Ohren und höre das aktuelle Album „Det kommer aldrig va över för mig“. Dieser neue, wilde Hellström hat mir ganz schön den Kopf verdreht und imponiert mir wesentlich mehr als der Junge im Matrosenanzug. Ich träume mich in das Konzert hinein. Versuche diese Momente unvergesslich zu machen. Schreibe diesen Artikel, den ich in ein paar Jahren noch einmal lesen kann. Dann bin ich wieder da.

Lauschen: Tausende von Menschen singen mit Håkan Hellström - “Pistol” vom aktuellen Album Det kommer aldrig va över för mig”

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Über Mittsommernnachtsspitzen

Melancholische und sehnsuchtsvolle Indiepop-Klänge aus Mittsommer- und anderen Landen stehen im Fokus dieses Blogs. Sandra Duvander schreibt für Euch.