Rezension: Nina Persson „Animal Heart“

Ein geheimnivoller Blick und den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, wie einst Mona Lisa - Nina Persson / Foto: Josefin Mirsch

Ein leichtes, wissendes Lächeln umspielt ihre Lippen, sei es auf der Bühne oder auf Fotos. Die zerbrechlich wirkende Frau mit den bevorzugt dunklen Kleidungsstücken wirkt als Kunstwerk an sich. Delphisch, wie die Mona Lisa, als könnte sie Jahrhunderte überdauern. Nina Persson, Sängerin von A Camp und der schwedischen Popband The Cardigans, folgt ihrem Herzen, ganz instinktiv. Mag es aus Angst, Liebe oder aus dem puren Drang zu überleben sein. „Animal Heart“ ist nach fünf Jahren Schaffenspause, überstandener Krebserkrankung und der glücklichen Geburt ihres Sohnes Nils, ihr erstes Soloalbum.

Gleich zu Beginn von „Animal Heart“ fällt auf, dass für Nina Perssons Stimme ordentlich viel Platz geschaffen wurde. Percussions, Synthesizer, Vibraphone sind bis ins kleinste Detail liebevoll arrangiert und arbeiten in jeder Hinsicht für den Gesang. Hier wird das Lied nicht durch diesen perfektioniert, sondern eine ausdrucksvolle Stimme durch die außergewöhnliche Komposition beseelt. Nina klingt älter, fast weise, wie eine reife Diva, rauer, taffer. Manchmal frage ich mich, mit einem Schmunzeln im Gesicht, wie viele Zigaretten sie eigentlich am Tag raucht, um so zu klingen. „Ach so viele können es doch nicht sein“, denke ich dann wieder, weil sie so lieblich daherkommt.

Den Ozean ausschöpfen

Der Titelsong eröffnet das Album wie ein knackiges, buntes Bonbon: Reichlich elektronisch, frisch, sexy. Vielleicht ein bisschen zu überoffensiv. Ich denke ich bin nicht die Einzige, die anstatt von „Come be my man, baby bail with me“ „Baby, bang with me“ versteht. Aber ich vermute Nina meint das Gleiche, nur eben etwas poetischer. Man fragt sich zumindest, ob Nina hält, was sie verspricht. Am Ende zieht sich der Titel ganz schön in die Länge und ich hätte mir, anstelle des Endlosrefrains, einen prägnanteren Schluss gewünscht. Brilliant ist jedoch der C-Teil. Man taucht tatsächlich tief in diesen besungenen Ozean ein. Mitunter sehe ich den einen oder anderen Delphin aus dem sternenglänzenden Wasser auftauchen. Ganz freundlich.

Das Video zu „Animal Heart“ hat mich ehrlich gesagt etwas irritiert. Der kleine Film wirkt wie von Studenten gemacht. Die Tänzerinnen, die Nina Persson auf dem kleinen Streifzug durch ihr „Swedisch Harlem“ begleiten, scheinen, wie von der nächsten Tanzschule abgegriffen. Dabei geht sie doch nur mal kurz um die Ecke nen Saft kaufen. Aber sie geht ihren Weg. Pluspunkt ist, dass der Clip komplett ohne Schnitt auskommt. So ist der kleine Film durchaus amüsant – vor allem Ninas süffisantes Augenzwinkern am Ende des Songs. “Na, willst du mit rauf kommen?” Man kann fast dankbar sein für dieses Video. Es ist kein neuer Fakt, dass Musikvideos in der heutigen Zeit, gerade für Indiepop-Musiker, kaum mehr eine Einnahmequelle darstellen, sondern lediglich einen zusätzlichen finanziellen Posten.

Den eigenen Weg pflastern

Wie anfänglich erwartet, ist die musikalische Entfernung des Albums zu „A Camp“ (Ninas Projekt mit ihrem Ehemann und dem schwedischen Musiker Niklas Frisk) gar nicht so groß, da neben Eric D Johnson (The Shins) auch Ehemann Nathan Larson Nina beim Schreiben unterstützte und viele Instrumente einspielte. Die Songs auf „Animal Heart“ könnten also auch alte Bekannte sein. In “Burning Bridges For Fuel” zeigt Nina, dass sie es so richtig draufhat und keinen Peter Svensson (Songschreiber von The Cardigans) braucht. Nina bahnt sich ihren Weg und pflastert ihn mit Steinen für die Zukunft. Lange Zeit kümmerte sich Nina hauptsächlich um ihren Sohn Nils und tourte zwischenzeitlich mit The Cardigans (ohne Peter). Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich ist, den Weg zum Songschreiben zurück zu finden. Doch als sie wieder anfing zu texten, kam alles schnell in Fluss. Nina selbst sagt, wie wichtig es für sie ist, ihre eigenen Ideen umzusetzen und nicht The Cardigans zu repräsentieren. Dass die Musik, die sie geschaffen hat, absolut sie selbst ist – und nur sie. (Quelle: „Nina Persson made a Solo Album (and a Wild 3-year Old) with her husband“ Bedford & Bowery)

Der Song „Dreaming Of Houses“ wirkt nur beim ersten Hören naiv und unschuldig. Man träumt von einem Haus in ländlicher Idylle mit Hund und Garten, möchte es sich schön machen. Plant im Kopf alles bis ins kleinste Detail, vom Tisch bis zu den Vorhängen. Doch manchmal flüchten wir uns in eine Welt von Ablenkungen, um unseren Schmerz zu vergessen, nicht grübeln zu müssen, um das eigene Ich zu retten. „And maybe dreaming of houses can save me, give me a place where it‘s quiet and my head can rest…“ Doch dann lassen sich Gedanken, lässt sich die Realität, nicht vertreiben: „Oh baby, why did you leave me? Didn‘t you need me?“ Diese Zeilen brechen völlig unerwartet und schmerzvoll aus Nina heraus, lösen die Illusion, den lieblichen Gesang des Refrains, in dem Nina fast so zuckersüß klingt wie auf der „First Band On Moon“ (The Cardigans, 1996), völlig auf.

Ninas persönlicher Lieblingstrack, und ich muss gestehen auch meiner, ist „Clip Your Wings“. Ninas rauer Gesang klingt durch den langen Hall und das Delay so herrlich bestimmt und paralysierend, dass jetzt bestimmt keiner mehr die Platte ausmacht. Sie singt: „You can go if you want to go, but I don‘t think that‘d be wise…“ – Wow, das sitzt! Hätte für mich optimal als Opener des Albums funktioniert. Beim Konzert im Heimathafen in Berlin, war es zumindest der beste Auftakt. Hör mir zu, oder hör mir nicht zu, es liegt bei dir. Ich denke du wirst was verpassen, wenn du jetzt gehst. Mich erinnert der Song daran, zu den Entscheidungen zu stehen, die ich getroffen habe und nicht weg zu laufen. Stark zu bleiben und an meinen Zielen zu arbeiten, auch wenn es schwer ist, manchmal.

Das Biest in Uns

„Jungle“ ist ein Song, der live sehr opulent und offen klingt. Grenzenlos. Die Studioaufnahme wirkt jedoch eher geschlossen und zieht sich in sich zurück, wie sich auch alle freilebenden Tiere in unserer Welt mehr und mehr zurückziehen müssen, denn es wird eng auf unserem Planeten. Nina Persson hat diese Umweltproblematik sehr gefühlvoll in diesem Song umgesetzt. Sie klingt fragil und singt klagend: „It‘s getting kind of hard to hide in the jungle…to the ground, to the ground, they cut it down…“ Ich sehe einen bengalischen Tiger vor mir, vielleicht den letzten seiner Art, gejagt, sich im Dschungel verkriechend, aus Angst vor Wilderern und Menschen, die Raubbau betreiben und seinen Wald bis auf den letzten Baum abholzen. Ein majestätisches Tier, das an sich immer wieder im Laufe der Geschichte als Menschen bedrohende Bestie dargestellt wurde.

Doch sollten wir uns nicht also vielmehr vor dem Tier in uns selbst fürchten? Sein wir mal ehrlich, so ein kleines Biest tragen wir doch alle ins uns. Manchmal ist es ganz schön hungrig und wird erschreckend laut. Dann braucht es sein Futter, sei es die lang ersehnte Zigarette, Bewunderung, oder wenn einem die Eitelkeit noch mehr bei den Eiern packt, auch was Drastischeres. Die zweite Single des Albums „Food For The Beast“ ist ein ordentlicher Diskoknaller. Der Track kommt mit ausgereiften elektronischen Beats daher und führt uns mit einer spacigen Bridge in einen Refrain mit knackigem Tempo, bei dem man sich auf der Tanzfläche so richtig gehen lassen kann. Der dazugehörige Absacker schließt sich nahtlos an: Das kurze Instrumentalstück „Digestif“.

„Forgot To Tell You“ ist ein leichter, heller Song. Die perligen Gitarrenklänge lassen unseren Geist an einen klaren, reinen Ort reisen. Vielleicht ans Meer oder auf eine große, grüne Wiese voller Sommerblumen. Wir legen unseren Kopf ins Gras, schauen in den Himmel und lassen alle schlechten, unbehaglichen Gedanken, wie einen Luftballon hinauf zu den kleinen, fluffigen Wolken steigen. “Forgot to tell you about something, forget to tell you about something, don’t know what, don’t know what it was” singt Nina diesen Refrain mit herrlich kindlicher Unbeschwertheit.

Silber, Gold und Heavy Metal

Ich habe lange überlegt, an welchen Song mich die Strophe von „The Grand Destruction Game“ erinnert und dann viel es mir heute blitzartig ein. Ganz plötzlich hatte ich die charismatische Gitarre des The Smiths-Songs „How Soon Is Now?“ im Kopf, die sich wie eine scharfe, silbern glänzende Säge in die Gehörgänge schneidet. „The Grand Destruction Game“ ist einer der wenigen Songs, bei denen vermehrt zu Instrumenten gegriffen wurde, auch spielte Bengt Lagerberg (The Cardigans, Brothers Of End) ein richtiges, warmes Schlagzeug ein, um dem kalten Spiel mit der Liebe die Stirn zu bieten. Ja, manche spielen ein zerstörerisches Spiel, aber nur so lange bis jemand mit ihnen spielt. Dann ist Schluss. Einer der besten Texte von „Animal Heart“.

Gegen Ende des Albums legt Nina uns regelrecht schlafen, bereitet uns ein warmes, weiches Bett. „Silver“ ist Wiegenlied und Liebeslied. Warmherzig mütterlich und bedingungslos liebend. „If you ever get lost, honey I‘ll find you, I‘ll follow the line of your tracks in the snow…If you ever get blue, baby I‘ll paint you, yellow and rose, silver and green…Silver like the moon…“ Zweite Stimmen sind auf “Animal Heart” eher sparsam eingesetzt. Doch in „Silver“ zeigen sie ihre ganze Schönheit.

Ein Piano und Ninas sensibelster Gesang runden das Album klassisch ab. Hell. Dankbar. Die Ballade mit dem ironischen Titel „This Is Heavy Metal“ ist Ninas persönlichster Song geworden. Obwohl sie den Text in der aller letzten Minute vor dem Einspielen geschrieben hat, strömen hier tiefste Gedanken aus Ninas Seele. Gedanken über die überstandene Erkrankung und die Erkenntnis über die wahren Werte des Lebens. Warmes, goldenes Licht durchflutet auch die kleinsten und verborgensten Zellen, aus denen ein jeder von uns besteht. Nina singt beseelt aus dem letzten Winkel ihres Körpers: „This is heavy metal, the dust is going to settle, the sun will find its way down the mine…Mine…Mine.“

NIna Perssons “Animal Heart” erschien am 10. Februar 2014 auf dem Label Lojinx.

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