Jo Nesbø „Durst“ – Eine Männerwelt

Jo Nesbø neuer Harry Hole-Roman "The Thirst" (Durst) / Foto: Sandra ReiherJo Nesbøs neuer Harry Hole-Roman "The Thirst" (Durst) / Foto: Sandra Reiher

Der neue Kriminalroman „Durst“ des norwegischen Autors Jo Nesbø erscheint bei uns am 15. September. Es ist der elfte Roman aus der „Harry Hole“ Serie. Gestern habe ich „Durst“ auf Englisch ausgelesen und möchte meine Eindrücke mit dir teilen.

Plot

Im neuen Teil arbeitet Harry noch immer als Dozent an der Polizeihochschule in Oslo, die mittlerweile auch von seinem Stiefsohn Oleg besucht wird. In der Stadt wird eine junge Frau ermordet, die zuvor ein Tinder-Date hatte. Um den Fall so schnell wie möglich aufzuklären, heuert Polizei-Chef Mikael Bellmann seinen Erzfeind, den Ex-Ermittler Harry Hole an. Es folgt eine weitere „Tinder-Leiche“ und es wird schnell klar, dass es sich um einen Serientäter handelt. Dies führt Harry zu einem ungeklärten Fall. Seinem einzigen ungeklärten Fall.

Sobald Harry sicher ist, dass die Spur zu diesem lang gesuchten Sexualstraftäter führt, wird es ab dem ersten Drittel des Romans spannend. Harry hat mit diesem „alten Bekannten“ noch eine Rechnung offen und sein Ehrgeiz wird entfacht. Die Art und Weise, wie der Mörder vorgeht, entspricht jedoch nicht seinem alten Muster. Es ist blutrünstiger. Für „Durst“ hat Nesbø sich ein ganz besonderes, ungewöhnlich angst-einflößendes Mordinstrument ausgedacht. Schwarz, rostig und spitz wie Eiszapfen.

Ich vermutete sehr schnell, dass der Täter nicht alleine agiert. Sofort hatte ich zwei Personen unter Verdacht. Nesbø hat sich das geschickt ausgedacht. Er wird später durch unterschiedliche Verdachtsmomente ein Ping Pong Spiel in unseren Köpfen veranstalten, welches seines gleichen sucht. Lange ist man sich nicht sicher, welcher von diesen beiden suspekten Männern (natürlich Männern) Drahtzieher dieser Mordserie ist.  Am Ende gibt es grandioses Finale auf schmelzendem Eis in einem Fjord vor Oslo.

Der norwegische Autor und Musiker Jo Nesbø / Foto: Independent UK

Jo Nesbøs Männerwelt

Jo Nesbø scheint in einer Männerwelt zu leben. In einer kaputten Männerwelt. Der mittlerweile weltbekannte Protagonist Harry Hole – mit dem Nesbø sich nach eigenen Angaben stark identifiziert – ist ein innerlich zerrissener Alkoholiker mit blitzscharfem Verstand und auch seine Gegenspieler sind Typen mit Ecken, Kanten und Abgründen. Der Karrieremann Mikeal Bellmann – den Nesbø in „Leopard“ das andere, jüngere Alpha-Tier nennt – betrügt seine Frau und rettet ihr, wenn es hart auf hart kommt, nicht mal das Leben. Truls Berntsen – seit Ewigkeiten in Ulla Bellmann verliebt, springt für ihn ein. Aber ihm geht es nicht wirklich um die Frau, diese hat er längst aufgegeben. Er will einzig und allein Bellmann vernichten. Dann gibt es noch die Ermittler, allesamt männlich. Klar. Und Katrine Bratt, die Ermittlungsleiterin der Kripo Oslo. Aber die wird am Ende schwanger und von wem ersetzt? Genau: einem Mann namens Anders Wyller.

Weibliche Charaktere gibt es in diesem Roman kaum. Die wenigen Frauen, die in „Durst“ vorkommen, sind vor allen eins: Schwach. Beginnen wir mit den getöteten Frauen: den Opfern. Ihre Charaktere: kaum ausgebaut. Einsam, suchen den richtigen Mann für sich auf Tinder und verlieren ihr Leben. Konstante Frauenfiguren sind Rakel Fauke (Harrys Frau) und Ulla Bellmann. Rakel, die schöne Rakel, wird krank, ist schwach, also Opfer. Sie war mal Anwältin, aber das ist lange her. Ulla, Hausfrau und Mikael Bellmanns schönes Accessoire, sucht Nähe bei Truls, wird eine Geisel, also Opfer. Am Ende sitzen die beiden Frauen Arm in Arm beisammen und weinen. Reden über die Männer, sorgen sich um die Männer. Dann gibt es noch die taffe Karrierefrau Isabelle Skøyen. Bellmanns Gespielin. Sie darf klug sein und listig. Zum Ausgleich wird ihr aber die Weiblichkeit genommen und Nesbø beschreibt sie als herb und männlich.

Was ist da los, Herr Nesbø? Finden sie nicht, dass Harry Hole eine gleichberechtigte Kollegin hätte bekommen sollen? Es wäre schön, wenn wenigstens Katrine Bratt, als einziger Frau in der Kriminalabteilung und Ermittlungsleiterin, mehr Kompetenzen zugestanden worden wären.

In der Zeit habe ich im Artikel „Oslos Wahnsinn und Dämonen“ von Peter Henning folgendes Zitat von Nesbø entdeckt: „Mich hat das Gejammer über den Zustand der Welt und darüber, wie schlecht die Menschen sind, noch nie interessiert. Was mich vielmehr interessiert, ist zu zeigen, dass ein Mensch zugleich beides sein kann: ein guter treu sorgender Vater, der nachts Frauen abschlachtet. Oder ein hilfsbereiter Arzt, der in seiner Freizeit Menschen quält. Menschen sind nie nur schwarz oder weiß. Menschen sind immer beides.“

Den Bechdel-Test hat „Durst“ nicht bestanden. Es erhärtet sich aber der Verdacht, dass Mensch für Nesbø gleich Mann ist. Enttäuschend. Sieht man darüber hinweg, ist es dennoch ein unterhaltsamer und spannender Krimi, jedoch bei weitem nicht so gut wie seine Vorgänger.

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