Rezension: Henrik Berggren „Wolf’s Heart“

Der schwedische Musiker Henrik Berggren in Göteborg / Foto: Nora LorekDer schwedische Musiker Henrik Berggren in seiner Heimatstadt Göteborg / Foto: Nora Lorek etc.se

Im August 2008 stand die schwedische Kult-Indieband Broder Daniel mit Frontmann Henrik Berggren ein letztes Mal auf der Bühne. Ihr Konzert auf dem „Way Out West“ Festival in Göteborg widmeten sie dem verstorbenen Gitarristen Anders Göthberg, der sich im März desselben Jahres in Stockholm von einer Brücke stürzte. Sein Tod war das endgültige Aus für Broder Daniel. Nach fast zehn Jahren Isolation, Depression und chronischem Erschöpfungssyndrom kehrt die Pop-Legende Berggren ins Musikgeschäft zurück. Sein erstes Soloalbum „Wolf’s Heart“ ist in Schweden eine Sensation und berührt zutiefst.

Wie bedeutend und einschneidend Göthbergs Tod für Berggren gewesen sein muss, verdeutlicht bereits der Opener „Hold On To Your Dreams“. Dieser Rocksong setzt ein Statement. Er wurde erstmals auf dem „Way Out West“ 2008 gespielt und eigens für Göthberg geschrieben. Es scheint, als hätte Berggren sich an diesem Punkt verloren und nach all den Jahren genau dort wiedergefunden. „Hold On To Your Dreams“ ist in seiner rauen Wildheit ein Schrei nach Leben. Kraftvoll – als würde ein Säugling das erste Mal Luft in seine Lungen ziehen.

Anders Göthberg wird uns später auf „Wolf’s Heart“ noch einmal begegnen. „Run, Andy, Run“ ist eine Umarmung, ein eng umschlungener Tanz mit der Vergangenheit und mit dem Tod. Eine Rock’n’Roll Ballade, die an alte Motown Hits aus den sechziger Jahren erinnert – mit einem tieftraurigen Text. Dieser Song erschüttert bis ins Mark. Berggrens Gesang ist klagend und romantisch – der Text beinahe eine Glorifizierung des Todes: „Run, Andy, Run! Forever young, Push on clear, You’ll be wasted here, But we’ll never know now, You’ll never grow old now, Time’s lost its hold now, Forever done, Forever young, Run! …“ Was hat Henrik Berggren aus dem tragischen Schicksal seines Freundes gelernt? Was konnte Göthberg ihm damit aufzeigen? „So, now you run for me, Go, show me Andy, Run! …“ Es macht keinen Sinn zurück zu blicken. Die Zukunft ist entscheidend. Das Jetzt. Der Durst nach Leben.

Das traurige Gesicht eines Clowns: Henrik Berggren / Foto: Nora Lorek

Henrik Berggrens Gesicht wirkt wie das eines traurigen Clowns. Seinen Sternchen im Gesicht ist er treu geblieben. / Foto: Nora Lorek

Der ewig traurige Clown

In den letzten Jahren zog Berggren sich sehr stark zurück. Kämpfte mit sich selbst und seiner Zukunft. Einer Zukunft als Solokünstler und traurigem Clown. Schon in den Neunziger Jahren war es Berggrens Markenzeichen goldene Sterne auf den Wangenknochen zu tragen. Seinen Sternchen ist er treu geblieben. Sie betonen auch heute den traurigen Ausdruck seiner, mit schwarzem Kajal umrandeten, Augen. Er trägt eine Maske und doch keine. Umso ehrlicher wirkt Henrik Berggren in seiner Pierrot-artigen Kleidung. „You Wore The Crown; I Played The Clown“ – Dieser Song ist so authentisch. Seine Melodie so simpel und aufrichtig.

 „Wild Child“ – der dritte Song des Albums ist eine richtige Popnummer, dessen Hookline mich seltsamerweise an Lieder der schwedischen Band Kent erinnert. In dieses Stück bin ich total verliebt und ich kann es mir, mit seinem Achtziger Jahre New-Wave Charakter, sehr gut als Tanznummer in einem Indie-Club vorstellen. Der groovige Basslauf, die klare perlige Gitarre, das satte Schlagzeug und Berggrens kratzige, fast rotzige Stimme harmonieren hier perfekt.

Brillante erste Single „To My Brother, Johnny“

Die erste Single des Albums „To My Brother, Johnny“ erschien am 3. März dieses Jahres. Der Song lässt mich sofort an Broder Daniels Hits denken. Nicht zuletzt auch deshalb, weil alte Bekannte daran mitgewirkt haben. Produziert wurden die Single sowie das Album von Charlie Storm. Charlie Storm ist ein schwedischer Musiker und Produzent, der auch mit Håkan Hellström, Mando Diao und Roxette zusammengearbeitet hat. Auch die ehemaligen Bandmitglieder Theodor Jensen (Bass) und Lars Malmros (Schlagzeug) waren mit dabei. Welch ein energisches, triumphales Stück „To My Brother, Johnny“ doch ist. Ein Lied darüber wie schnell die Zeit, die wir auf Erden haben, davonrast. Unsere Chancen dahinschwinden. Unser Leben sich jenseits der Vierzig in einen Verlustprozess verwandelt. Und doch bleibt da dieser Funken Hoffnung, dass nicht alles bereits hinter einem liegt.

Um es ehrlich zu sagen, hat der 42-jährige Henrik Berggren bis dato ein echtes Scheiß-Leben geführt: Drogen, Alkohol, Depressionen hatten ihn fast zerstört. Zu guter Letzt kam vor fünf Jahren noch ein chronisches Erschöpfungssyndrom hinzu, das ihn zwingt seine Tage schlafend, hinter zugezogenen Vorhängen zu verbringen. In einer Geisterwelt, wie er selbst sagt. (Quelle: cafe.se) Nichtsdestotrotz besitzt er heute eine fast magische Ausstrahlung.

Portrait von Henrik Berggren / Foto: Ellrika Henrikson

Der magische Henrik Berggren / Foto: Ellrika Henrikson

Das wilde Wolfsherz

Der Titelsong „Wolfs Heart“ beginnt mit einer Metallica-artigen, schweren Gitarre. Berggren heult in der Tat, wie ein Wolf, lässt die Gefühle aus seinem dunklen, animalischen Herzen direkt in das unsere fließen. Ich muss immer wieder stauen – über Henrik Berggrens Mut, seine Seele vor uns zu offenbaren, sich so verletzlich zu zeigen, so wunderbar angreifbar. Dieses Album berührt Bereiche in meinem Innern, die mich dazu bringen meine Authentizität zu hinterfragen. Lebe ich das Leben, das ich führen möchte? Nutze ich all meine Energien und folge ich dem Ruf meiner Natur?

„Parties“ erinnert mich an den Kirmespunk der früheren Göteborger Instrumental-Band Detektivbyrån oder an die Musik von Yann Tiersen. Doch hier spielt die fröhliche Zirkusmusik ironisch mit dem endzeitromantischen Text: „Here’s to the parties, They’ll be the end of me, Let’s go down together, Nothing’s forever, Dancing on the precipice, Surfing the wave of the abyss“. Henrik Berggren hat gelernt das Leben zu nehmen, wie es ist – mit seinen Höhen und Tiefen. Hier grüßt uns wieder der tragisch traurige, wehmütig tanzende Clown.

Henrik Berggren schreit nach Leben

„Thirst For Life“ ist ein Song, der nach Leben giert. Hell, klar und berauschend wie eine nordische Sommernacht. Lights of life (Nights of white), I wanna see the bright lights of life, Nights of white (Lights of life), I wanna see the lights, Lord I wanna live, I wanna live…“ Eine wilde, psychedelische Sixties-Hymne. Hier spüren wir Berggrens Lust auf das Leben. Endlich den Blick nach vorn gerichtet, die Dunkelheit hinter sich lassend. In der nachfolgenden Ballade „Come, Mommy, Take My Hand“  lässt Berggren sein Leben als ehemaliger Rockstar auf sentimentale Weise Revue passieren. Mit dem Herz eines kleines Jungen schaut Berggren zurück.

Der nächste Track „I Need Protection“ ist fast unerträglich schmerzvoll und stellt den emotionalen und kompositorischen Höhepunkt des Albums dar. Berggren nimmt uns mit in die Hölle, auf einen Ritt durch Napalm-Brände und in die absolute Erschöpfung. Dieses Lied hat auch für Henrik Berggren eine Schlüsselbedeutung, versucht er zum Aussdruck zu bringen, wie sich sein chronisches Erschöpfungssyndrom anfühlt. In einem Interview im schwedischen Kultur-Magazin Nöjesguiden beschreibt er den Text folgendermaßen: „Er ist ein wenig wie moderne Poesie, die ich eigentlich hasse. Aber in diesem Fall, konnte ich es nur auf diese Weise erklären. Das sind wirklich kühne Metaphern, die beste ist vielleicht „feel the hug of nothing“. Es mag trivial klingen, damit anzufangen, mit einem Oxymoron. Aber wenn man so etwas Ähnliches kennt, weiß man, dass das Nichts einen auf genau diese Weise umarmen kann.“ (Quelle: Nöjesguiden)

Die lang ersehnte Offenbarung

Den Abschluss des Albums bildet das epische „What Could Have So Hurt A Heart“. Dazu meint Berggren selbst, dass der Song beinahe wie aus einem Musical klingt. Es hat ihm große Freude bereitet, dieses Lied zu komponieren. „Der Text – es ist so untypisch für mich, so zu schreiben. Das gibt mir eine zusätzliche Freude.“ (Quelle: Nöjesguiden)

Schlussendlich ist das lang ersehnte „Wolf’s Heart“ eine Offenbarung, ein Meilenstein in der schwedischen Musikgeschichte. Als stünde jeweils ein Song für ein Jahr in Berggrens Leben und dessen seelische Verarbeitung. Henrik Berggrens brutaler, emotionaler Offenheit und musikalisch simpler Ehrlichkeit kann man sich nicht entziehen. Dieses Werk ist der Beweis dafür, dass man mit wenigen Akkorden, sentimentalen Texten und eingängigen Melodien mit einem Gesang, der tonal irgendwie immer knapp daneben liegt, direkt mitten ins Herz treffen kann.

Cover von Henrik Berggrens Album "Wolf's Heart"

So sieht die Platte aus. „Wolf’s Heart“ kannst du direkt beim Label „Woah Dad!“ bestellen. Foto: Woah Dad!

„Wolf’s Heart“ von Henrik Berggren erschien am 5. Mai 2017 auf dem Label „Woah Dad!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.