Kristín Steinsdóttir – Hoffnungsland

Der neueste historische Roman der isländischen Autorin Kristín Steinsdóttir - Hoffnungsland. Du siehst eine in Schwarz gekleidete Frau, die an den Klippen steht uns sehnsuchtsvoll auf das Meer hinaus schaut. Ihre Kleider wehen im Wind.Der neueste historische Roman der isländischen Autorin Kristín Steinsdóttir - Hoffnungsland

Eigentlich habe ich mich nie besonders für historische Romane interessiert. Doch bei meinem letzten Besuch in den Nordischen Botschaften ist mir sofort das Cover dieses Buches ins Auge gestochen. Ich fühlte mich magnetisch angezogen, von dieser gespenstisch anmutenden, in Schwarz gekleideten Frau, die im Wind an den Klippen steht und auf das weite Meer hinaus blickt. „Hoffnungsland“ was für ein magischer Titel. Sofort musste ich das „Buch des Monats“ von der isländischen Autorin Kristín Steinsdóttir anlesen und bin ihm prompt verfallen. 

Die Handlung und der Schauplatz

Der Roman spielt zum Ende des 19. Jahrhunderts auf Island. Eine Zeit in der die Insel noch unter der königlichen Herrschaft Dänemarks stand, der Kampf um die Unabhängigkeit jedoch bereits begonnen hatte. Reykjavík war damals ein Fischerdorf mit kaum mehr als 2000 Einwohnern. Das Klima menschenfeindlich mit seinen harten Witterungen: Stürme, Hagel, Schnee, dunkle Wintertage. Die karge Landschaft bringt nicht viel Nahrung hervor. Es herrschen Hungersnöte und unbesiegbare Krankheiten wie Pocken, Pest und Skrufulose.

Zwei junge Frauen vom Land – Guðfinna und Stefanía – träumen von einem glücklicheren Leben in der Stadt. In Reykjavik hoffen sie auf eine Festanstellung in einem guten Hause. Doch auch in der Stadt ist das Leben hart und die beiden Frauen sind patriarchalen und gesellschaftlichen Machtstrukturen unterworfen. Die beiden schuften als Tagelöhnerinnen: schleppen Kohlen, tragen Wasser, waschen Wäsche an den heißen Quellen in Eiseskälte. Arbeiten genauso hart wie die Männer, bekommen jedoch nur halb so viel Lohn.

Stefanía hält diesem harten Arbeitsleben nicht lange stand und verstirbt an Erschöpfung. Für Guðfinna bricht eine Welt zusammen und in ihr kocht immer mehr die Wut über diese ungerechte Behandlung hoch. Dann taucht Sína auf. Guðfinna fühlt sich plötzlich an ihre alte Freundin erinnert, spürt die vergangene Freude und Lebenslust zurückkehren und die beiden freunden sich an. Eines Abends zieht ein Sturm auf und die beiden Frauen schaffen es von den heißen Quellen nicht mehr nach Hause. Sie verlaufen sich und finden Schutz im verlassenen Bischofshaus. Dort offenbart sich ihnen eine großartige Möglichkeit, der sie nicht widerstehen können.

Diese Zeichnung zeigt Islands Hauptstadt Reykjavík. Sie erschien am 26. Juni 1874 in der "London Illustrated News". Es zeigt die Stadt zur Zeit des Besuchs des dänischen Königs, der den Isländern 1874 die neue Verfassung brachte.

Diese Zeichnung zeigt Islands Hauptstadt Reykjavík. Sie erschien am 26. Juni 1874 in der „London Illustrated News“. Es zeigt die Stadt zur Zeit des Besuchs des dänischen Königs, der den Isländern 1874 die neue Verfassung brachte. Der Besuch wird im Roman auch thematisiert.

Die Figurenkonstellation in „Hoffnungsland“

Der Klappentext lässt uns zunächst glauben, dass es in „Hoffnungsland“ hauptsächlich um die beiden Mädchen Guðfinna und Stefanía geht, doch dem ist nicht so. In diesem Buch begegnet uns eine Handvoll starker Frauen, die zusammen in einer kleinen Hütte „Litlakot“ zusammen lebt. Die Hütte stellt eine Art Theaterbühne dar, in der sich nicht die komplette Handlung, jedoch der größte Teil der gefühlten und gelebten Emotionen, Begegnungen und Schicksalsfügungen abspielt. Alle fünf Frauen: Magrét, Jóka, Stefanía, Guðfinna und später Sína existieren aus eigenem Recht. Zentrale und komplexeste Figur ist jedoch Guðfinna, deren Gefühlswelt von der Autorin sehr subtil dargestellt wird.

Guðfinna als Feministin

An Guðfinna lassen sich stark feministische Elemente erkennen. Sie wird als stark wie ein Mann, robust und belastbar beschrieben. Schon früh im Roman setzt sie sich Männern zur Wehr, verprügelt sogar einen, weil sie ungerecht behandelt wird. Guðfinna traut sich Themen der Gleichberechtigung zu thematisieren, wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit: „Bilde dir ja nichts darauf ein, dass du für dieselbe Arbeit das doppelte Guthaben beim Kaufmann bekommst […] Ich schufte hier genau so wie ihr, auch wenn ich keinen Schwanz in der Hose habe.“ (S. 33)

Während Stefanía neben einer guten Anstellung auf das große Liebesglück mit einem jungen, gut-situierten Mann in Reykjavík hofft, wird Guðfinnas sexuelle Neigung nicht eindeutig dargestellt. Es gibt einige Textpassagen in denen eine starke Zuneigung für Stefanía klar wird, die über Freundschaft hinaus geht. Männergeschichten lehnt sie eindeutig ab, obwohl klare Avancen gemacht werden und es sogar einen Heiratsantrag gibt. Sie fühlt sich lediglich zum schottischen Pferdehändler Stonehill hingezogen. Es wird jedoch erwähnt, dass dieser eher eine väterliche Figur darstellt. Guðfinna möchte sich nicht binden, hat einen starken Drang nach Autonomie.

Die Selbstbestimmtheit der Frau

Island gehört neben den anderen skandinavischen Ländern zu den führenden Nationen in Sachen politischer Freiheit, Gleichberechtigung und menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten. Die erste weibliche Präsidentin weltweit wurde in Island gewählt: Jóhanna Sigurðardóttir. Sie machte auch als erstes Gebrauch vom neuen Gesetz für gleichgeschlechtliche Ehen in Island. 2010 wurde die Ehe in Island für eine geschlechtsneutrale Institution erklärt. Frauen haben heute auch in etwa die gleiche Menge an Sitzen im isländischen Parlament wie Männer. Und auch in technischen und akademischen Berufen sind die Geschlechter fast gleichstark vertreten.

Dieser Roman erinnert uns daran, dass dies nicht immer so gewesen ist und die Frauen sich ihre heutigen Rechte hart erkämpft haben. Nun gilt es nicht aufzugeben, denn das endgültige Ziel der absoluten Gleichberechtigung ist lange nicht erreicht, vor allem was Führungspositionen betrifft. Die fast heldenhafte Figur der Guðfinna weckt also unsere Stärken und unseren Kampfgeist.

Die Selbstbestimmtheit der Frau ist für mich das eigentliche Kernthema des Buches. Unterstützt wird diese These auch durch die erwähnten und versuchten Vergewaltigungen im Verlauf des Romans. Guðfinna erinnert sich an Übergriffe von Männern in ihrer Jugend auf dem Lande. Sína muss immer wieder Vergewaltigungsversuche des Landvogts abwehren, bei dem sie als Hausmädchen angestellt ist.

Die Männer in Hoffnungsland

Charakterlich weniger komplex werden die Männer werden in „Hoffnungsland“ dargestellt. Hier werden allerdings – anders als bei den Frauen, die ausschließlich zur untersten Arbeiterschicht gehören –  die unterschiedlichen Gesellschaftsebenen sichtbar und die Struktur des Patriarchats. Auch in der kleinen Hütte gibt es einen Hausherren. Þorfinnur, Haustyrann von Litlakot und Ehemann von Magrét, ist dem Alkohol verfallen, geht eher selten arbeiten und verprasst zum Ärgernis aller Hüttenbewohner noch das schwer verdiente Geld seiner Gattin. Seine Skrupellosigkeit wird besonders deutlich als er der sterbenskranken Stefanía die Zöpfe abschneidet, um sie an russische Matrosen für ein paar Münzen zu verhökern, die sofort in Schnaps umgesetzt werden.

Der Landvogt, als höchste Instanz in Reykjavík, dient des öfteren zur Belustigung, so gibt es auch einige sehr humorvolle Passagen in diesem Buch. Viel Glück und Freude bringen die französischen Seemänner Jacob und Valtýr in die kleine Hütte. Valtýr und Sína verlieben sich und werden einen gemeinsamen Sohn haben. Aber auch Sæmundur, der für seine sieben Kinder eine neue Mutter sucht und Guðfinna einen Antrag macht, wird als warmherziger Mann skizziert. Als gutmütig und vertrauenswürdig wird Stonehill beschrieben. Eigenschaften, von denen Guðfinna sich angezogen fühlt.

Blick auf die Esja von Südwesten. Die Esja ist in "Hoffnungsland" eine feste Instanz, dient zur Orientierung und als Wettervorhersage.

Blick auf die Esja von Südwesten. Die Esja ist in „Hoffnungsland“ eine feste Instanz, dient zur Orientierung und als Wettervorhersage.

Die Sprache

Mit dem Klappentext, der auf einen poetisch geschriebenen Roman hinweist, bin ich nicht ganz einverstanden. Ich finde die Sprache der Übersetzung wenig dichterisch oder lyrisch – eher klar und gut sortiert. Mag sein, dass die Sprache im Original aufgrund von Reimen oder der isländischen Sprache an sich so wirkt. Die Isländer erfinden konsequent einheimische Begriffe für Fremdwörter: rafgeymir bedeutet wörtlich Bernsteinbehälter, ist aber die Batterie oder Akku, aus Internet wurde veraldarvefurinn (Weltverflechtung). Isländisch erinnert heute also, von allen skandinavischen Sprachen, noch am ehesten an das Altnordische. Vielleicht wendet Steinsdóttir Stabreime an, die Ähnlichkeit mit dem Fornyrðislag, einem alten nordischen Versmaß haben und schwierig zu übersetzen sind. Mehr dazu werde ich hoffentlich am 25. September auf der Lesung in der Nordischen Botschaft erfahren.

Als Dichtung an sich kommen immer wieder Guðfinnas zitierte Bibelzitate vor und auch das von ihrer Mutter erlernte Lied „Hoffnungsland“. Im Fließtext ist die Sprache gegenwartsgetreu, die Dialoge, verdeutlichen jedoch den sprachlichen Unterschied zum 19. Jahrhundert. Im Roman gibt es immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit der Figuren. Kristín Steinsdóttir schafft es durch strikte Trennung der Zeitformen sehr gut, dass der Leser sich nicht in den einzelnen Handlungen verliert und immer genau weiß wo er sich gerade befindet.

Leseprobe

Portrait der isländischen Roman- und Kinderbuchautorin Autorin Kristín Steinsdóttir.

Portrait der isländischen Roman- und Kinderbuchautorin Kristín Steinsdóttir.

Fazit: Kristín Steinsdóttir gelingt es ausgesprochen gut auf nur 200 Seiten Alltagsgrau, Tristesse und Überleben auf einer lebensfeindlichen Insel im 19. Jahrhundert zu schildern. Die besonderen Härten, denen Frauen ausgesetzt waren, stehen im Vordergrund. Starke, mutige Frauen, wie Guðfinna und Sína, die mit List, Liebe und Freundschaft ihre Lebensumstände verbesserten, gehören zu den Wegbereiterinnen unseres heutigen Lebens. Ein absolut packender Frauenroman! Sprachlich gelungen, handlungsschnell und äußert tiefgründig.

„Hoffnungsland“ erschien am 16.03.2017 beim Verlag C. H. Beck. 

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