Das Lagom des Lebens

Morgens in der Wuhlheide in Berlin / Foto: A. Oechtering

Eine persönliche Reflexion

Vor einigen Tagen bin ich vierzig geworden. Bin also in der Mitte – im Lagom – meiner voraussichtlichen Lebenszeit angekommen. Das fühlt sich schon seltsam an, muss ich gestehen, aber auch schön. Es ist viel geschehen im letzten Jahr meiner dreißiger. Im Frühsommer wurde ich sehr krank. Erst Diagnose „Burnout“ dann eine schwere depressive Episode. Bis vor kurzem habe ich eine psychotherapeutische Tagesklinik besucht. Eine wertvolle Zeit, in der ich sehr gereift bin und wundervolle Menschen kennen gelernt habe. Menschen, die in meinem Leben bleiben und bei denen, sicherlich verbunden durch die gemeinsame Krankheit, ich von Anfang an eine tiefe Verbundenheit spürte, absolute, wenn auch manchmal brutale Ehrlichkeit und Verständnis vorhanden sind.

Im Moment habe ich das wirklich gute Gefühl meine Vergangenheit völlig aufgearbeitet zu haben. Mir meine Fehler verziehen zu haben, und voller Kraft und Ideen in die nächste Lebenshälfte zu starten. Dieser Prozess war durchaus schmerzhaft. Denn Heilung und Fortschritt in der Entwicklung der Persönlichkeit tut manchmal sehr weh. Doch ich bin dankbar. In meinem Beruf als Flugbegleiterin habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich habe die Welt entdeckt, China, Südamerika, Afrika und so viele unterschiedliche Länder und Kulturen kennen gelernt. Doch der Preis war am Ende eine Erschöpfung, der ich nicht mehr entfliehen konnte und das Wegbrechen meines Soziallebens.

Auch mein Inneres, meine Persönlichkeit blieben dabei absolut auf der (Lang)Strecke. Es fiel mir schwer hinter der Uniform und dem eingefrorenen Lächeln meine eigene Identität wahrzunehmen. Heute weiß ich, aufgrund meiner Diagnose, dass ich über starke histrionische Persönlichkeitsmerkmale verfüge, dass meine Identität niemals wirklich vorhanden war bzw. nicht ausgereift. Schon in frühester Kindheit, mit einer hohen Sensibilität und starker Migräne ausgestattet, habe ich mich sehr am Verhalten anderer orientiert, habe seismographisch ihre Gefühle und Stimmungen aufgenommen und mein Verhalten angepasst, um geliebt zu werden. Diese Eigenschaft zog sich bisher durch mein ganzes Leben. Ich wollte Liebe und Aufmerksamkeit um jeden Preis und wenn ich dabei auch jemanden kopieren musste oder durch übertriebene Theatralik zum Ziel kam. Definiert habe ich mich allein über mein Äußeres. Doch wir wissen, dass Schönheit nicht von Bestand ist, zumindest mit Anfang vierzig wird einem das klar. Meine Eitelkeiten habe ich im letzten Jahr weitestgehend abgelegt, ein beruhigendes Gefühl. Nach all der Fliegerei fühle ich mich geerdet und in mir selbst angekommen. Nun gilt es also das Innere zu füllen und der Mensch zu werden, der ich bin.

Tausche Uniform gegen Universität

Das neue Logo für Mittsommernachtsspitzen geht demnächst online - Den Füchsen bleib ich treu / Foto: Sandra Reiher

Das neue Logo für Mittsommernachtsspitzen geht demnächst online – Den Füchsen bleib ich treu / Foto: Sandra Reiher

Es ist ein langer Weg, der vor mir liegt. Noch bin auf einer großen Kreuzung, doch ich bin mir schon fast sicher in welche Richtung ich abbiegen werde. Wie es aussieht werde ich Uniform gegen Universität tauschen. Ich habe Anfang, Mitte zwanzig mein Abitur in Rostock auf dem Abendgymnasium nachgeholt doch mein anschließendes Studium der Anglistik und Slawistik in Dresden nach vier Semestern abgebrochen. Ich bin stolz als Erste einer Arbeiter- und Bauernfamilie jemals das Abitur gemacht zu haben und ich möchte nicht dass diese Zeit vergebens gewesen ist. Mitte November werde ich mich auf einen Studienplatz bewerben und drücke alle meine Daumen und großen Onkels, dass es klappt.

Wiedergefunden habe ich auch meine Kreativität. Als Kind liebte ich es zu zeichnen. Ein gewisses Talent dazu habe ich von meinem leiblichen Vater geerbt, der leidenschaftlicher Maler war. Heute greife ich wieder öfter zu Stift und Pinsel und das Zeichnen gibt mir eine konzentrierte Klarheit. So ist nun auch das neue Logo für Mittsommernachtsspitzen entstanden, an dem ich in den letzten Wochen herumgefeilt habe. Es wird in den nächsten Tagen online gehen.

Wirklich dankbar bin ich meiner Frau und meiner kleinen Familie, die mir so unendlich viel Kraft geben und mich in meinem Vorhaben bestärken. Ich fühle mich innerlich lagom, ruhe in mir selbst und weiß, dass ich den langen Weg nicht alleine gehen werde. Das Monster Depression wird immer kleiner und ich habe das gewisse Gefühl, dass es in Zukunft nur ein kleiner Gremlin sein wird, den ich auf keinen Fall nach Mitternacht füttern werde.

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